Enter Shikari - Lose your self

So / Ambush Reality / Rough Trade
VÖ: 10.04.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Stillstand is not an option

Ein Wimpernschlag zwischen Abriss und Endzeitvision – und gerne auch ein Breakbeat. So präsentiert sich "Lose your self". Dass Enter Shikari fast zwei Jahrzehnte nach "Take to the skies"noch immer versuchen, Genregrenzen einzureißen, ist dabei weniger selbstverständlich, als es scheint. "Lose your self" ist der nächste Schritt ihres Weges der beständigen Transformation. 2007 noch als Support-Act im Windschatten Billy Talents unterwegs, debütierten Enter Shikari noch im selben Jahr mit einem Sound, der sich aus Screamo, Post-Hardcore und 8-Bit-Videospielästhetik speiste und in dieser Form neu war. Das Etikett "Nintendocore" war schnell gefunden, saß aber nie so tight wie Rob Rolfes Trommelgeknüppel. Heute spricht die Band selbst von Trancecore – und tatsächlich ist diese Verschiebung mehr als nur semantischer Natur. Die Elektronik hat sich aus dem Beiwerk emanzipiert, Synthesizer und programmierte Beats dominieren das Klangbild deutlicher als je zuvor, die Band bedient sich großzügig an Clubsounds.

Gerade dann, wenn sich die Briten ganz ihrer eigenen Überdrehtheit hingeben, funktioniert das Album am besten. Wenn im Opener "Lose your self" plucked Synths und Rhythmik Faithless' "Insomnia" hommagieren und der Titel durch Hinzufügen eines Leerzeichens schon der Interpretation die Richtung weist, ist Enter Shikaris transzendente Botschaft bereits zu erkennen: Verliere Dein Selbst! Nicht: Verliere Dich selbst! Ozeanische Selbstauflösung versus Eskapismus-Tiefseetauchen wird über die Dauer des Albums dann in das Narrativ der drohenden Apokalypse gebettet. Hier greifen all die musikalischen Einflüsse innerhalb des selbstgezimmerten Genres wunderbar ineinander. Weniger zwingend sind die Momente, in denen die Band plötzlich den direkten Weg sucht. Die Pop-Punk-Ausflüge wirken überraschend konventionell und erinnern stellenweise an geschniegelt-glatte Highschool-Punk-Hymnen à la New Found Glory aus den 2000er-Jahren. Das irritiert weniger dadurch, dass Enter Shikari sich stilistisch öffnen – das tun sie seit jeher –, sondern weil diese Songs klingen, als hätten andere sie schon besser geschrieben. Ähnliches gilt für "Shipwrecked!", einen der mehrgehörten Songs des Albums auf Spotify. Das wirft eine Frage auf: Folgen hier neue Hörer*innen einem algorithmischen Lockruf oder alte Fans einer ungewohnt poppigen Seite ihrer Band?

Dabei zeigt die Platte an anderer Stelle, wie gut Kontraste funktionieren können. "Dead in the water" wartet mit angecrossovertem Sprechgesangspassagen und einem Hauch deutlich elektrifizierterer, früher 30 Seconds To Mars auf, ohne aber die emotionale Tiefe von Jared Letos Gesang zu erreichen. Das mag sich zunächst kritisch lesen, klingt innerhalb des Album-Arrangements aber konsistent, da Enter Shikari zwar wiederholt Emo-Überschneidungspunkte aufblitzen lassen, aber im Kern schon immer andere Stimmungsbilder erzeugten – was spätestens "The flick of a switch I." unter Beweis stellt, das auch als ein Feature mit dem Alter Ego eines Metal-Skrillex durchgehen könnte. Auch konzeptionell bleibt "Lose your self" seiner Hanglage zwischen Pflicht zur Spiritualität und dem rasanten Flugmodus Richtung Apokalypse inhaltlich und phonetisch treu und intensiviert das Motiv des Raumschiffs Erde in den letzten Songs dreifach. Das hat auch schon bei den anderen Core-Knaben großer Weltraumszenarien, Coheed And Cambria, gut funktioniert. Man denke an "The willling well I - IV", "The Camper Velourium I - III" oder "Key entity extraction II - IV". Und so bleibt am Ende eine Platte, die vieles gleichzeitig sein will – und genau das auch oft schafft: Sie ist modern, verspielt und energetisch, sodass sich in den besten Momenten eine mitreißende Eigendynamik entfaltet. Wer hier sein "self" verliert, gewinnt Beweglichkeit – klanglich entgrenzt, gedanklich suchend und körperlich kaum zu bändigen.

(Jasmin Klemm)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Lose your self
  • Dead in the water
  • The flick of a switch I.

Tracklist

  1. Lose your self
  2. Find out the hard way ...
  3. Dead in the water
  4. Demons
  5. The flick of a switch I.
  6. I can't keep my hands clean
  7. it's ok
  8. The flick of a switch II.
  9. Shipwrecked!
  10. Spaceship Earth (I. Avec Abandon)
  11. Spaceship Earth (II. Angoscioso)
  12. Spaceship Earth (III. Maestoso)
Gesamtspielzeit: 41:20 min

Im Forum kommentieren

Armin

2026-05-04 20:52:57- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Vennart

2026-04-14 15:35:01

In der Tat eine schöne Überraschung, auch wenn es sich für mich bisher ein bisschen nach einer Wiederholung von “Mindsweep“-Zeiten in weniger fantastisch anhört aber definitiv wieder besser als “A Kiss For The Whole World“.

Croefield

2026-04-14 14:37:32

Das ist wirklich eine nette, kleine Überraschung.

lars.fm

2026-04-10 15:14:31

Ich bin nach dem ersten Hören angetan. Bei den letzten Alben war es ja viel Rosinenpickerei was die guten Tracks anging und erst bei „A Kiss for the Whole World“ fand ich, dass da wieder mehr gute als Schlechte Tracks auf Albumlänge zu hören waren. Schön das dieser Positivtrend anhält!

MickHead

2026-04-10 12:03:22

Das 8. Studioalbum "Lose Your Self" wie schon oben erwähnt, wurde am heutigen 10.04. veröffentlicht.

Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_kXn_lUoF8FL-wvaUQJUCeqCF0DlpY3DSU&si=gVL9SUqWhXw9L3m1

FRONTSTAGE MAGAZINE 8.7/10

https://frontstage-magazine.de/2026/04/10/review-enter-shikari-lose-your-self/

MoreCore.de 8.5/10

https://www.morecore.de/review/enter-shikari/kritik-enter-shikari-lose-your-self/

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