American Football - American Football (LP4)

Polyvinyl
VÖ: 01.05.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Fragezeichen

Einfach machen es einem American Football mit ihrem vierten Album nicht. Es ist ein merkwürdiges, zerrüttetes Werk. Momente überwältigender Schönheit wechseln sich mit Fehlgriffen ab, die ratlos machen. Es ist auch ein Scheidungsalbum, Sänger und Bassist Mike Kinsella verarbeitet unverblümt die Trennung von seiner Ehefrau. Der Grund dafür ist eine langjährige Affäre Kinsellas mit einer anderen Frau, die er mittlerweile geheiratet hat. In einem lesenswerten GQ-Artikel offenbaren sich weitere Abgründe: Bandinterne Streitereien, Alkoholismus, Frust über schlechte Live-Shows. Insofern grenzt es an ein Wunder, dass "LP4" überhaupt existiert. Ob die Band in der Lage sein wird, ein weiteres Album aufzunehmen, steht in den Sternen. Sollte "LP4" den Abschluss der Diskographie markieren, ist es kein Punkt, sondern ein Fragezeichen.

Der Opener "Man overboard" steht sinnbildlich für die Zerrissenheit des Albums. Das Schlagzeug stolpert irgendwo zwischen den Takten herum, die Gitarren spielen liebliche Arpeggios und Kinsella singt kryptisches Zeug, ehe der Song im Schlusspart die Ausfahrt Richtung Hölle nimmt. So düster klangen American Football noch nie. Aber "düster" ist kein Qualitätsmerkmal. Ob man mit der Musik etwas anfangen kann, hängt auch davon ab, wie bereit man ist, Kinsellas Selbstmitleid zu ertragen. Freilich war er noch nie ein Sonnenschein, die Melancholie früherer Tage ist aber längst einer fast schon unangenehmen Fixierung auf das eigene Schicksal gewichen. So handelt "No feeling" vom Abschied von der Familie, wobei der Song mit beiden Beinen fest in der Depression steht. Nach ungefähr zweieinhalb Minuten passieren dann Dinge, die mindestens ein Stirnrunzeln hervorrufen. Kinsella singt schiefe Töne, ein Xylophon fügt dem Arrangement weitere Dissonanzen hinzu. Der Rest des Tracks suppt dann im Elend dahin, ohne von der Stelle zu kommen.

Dieses Muster zieht sich durch einen Großteil des Albums. Vieles erscheint merkwürdig statisch, gute Ideen werden oft bewusst zerstört, sodass sich beim Hören Unwohlsein einstellt. Das klingt alles negativer, als es gemeint ist – "LP4" ist beileibe kein schlechtes Album. Allerdings wirkt es oft eher wie eine Therapiesitzung als ein stringentes Kunstwerk. Und das macht es verdammt interessant, es ist ein glorreiches Trainwreck, das gleichermaßen überragend und unhörbar ist. Bestes Beispiel hierfür ist "Patron saint of pale": Die Strophen wirken fahrig, fast so, als hätte die Band absichtlich versucht, sich keine Mühe zu geben. Doch im Refrain ergibt plötzlich alles Sinn, der Missklang weicht herrlichen Harmonien, die dann im instrumentalen Finale feinsinnig durchdekliniert werden.

"Wake her up" ist im Gegensatz dazu fast schon eingängig. Natürlich suhlt sich Kinsella auch hier im eigenen Leid. Darf man im Jahr 2026 noch "Emo" sagen? Falls ja: Mehr Emo geht nicht. Der Wille zur Schönheit ist jedenfalls immer noch vorhanden. Die fast schon ätherische Außerweltlichkeit des Debüts erreichen American Football zwar nicht, aber sie besitzen immer noch ein Händchen für Hinreißendes. Auch "Desdemona" und der Schlusstrack "No soul to save" üben sich im Wohlklang, was nach den teils wirren Auswüchsen der vorhergehenden Songs wie ein Versöhnungsangebot wirkt. Ein schaler Beigeschmack bleibt trotzdem zurück, denn wirklich zündend sind die Ideen nicht. Das liegt auch am Vortrag Kinsellas, welcher oft unangenehm affektiert klingt.

Doch dann ist da noch "Bad moons", ein achtminütiges Monstrum, das mit dem Wort "unfassbar" noch vorsichtig umschrieben ist. Hier passen die Puzzleteile perfekt zusammen, der Song ist grandios arrangiert. Die Instrumente spielen betörende Melodien, die sich wie ein zart gewobenes Netz aufspannen. Kinsella singt Verse, die das Schlimmste befürchten lassen, es ist nicht überraschend, dass sich Produzent Sonny DiPerri ernsthafte Sorgen um das Wohl des Frontmanns machte. Hier geht es im wahrsten Sinne um Leben und Tod, die Gedanken kreisen im suizidalen Vortex, während die Musik gegen das Undenkbare aufbegehrt. Diese Intensität erreicht kein anderer Song auf "LP4", aber das ist auch kaum möglich. "Bad moons" ist ein Manifest. Ein maßloses Stück Selbsthass, das vielleicht genau deshalb so umwerfend gerät. Bleibt die Frage nach der Bewertung. Die steht oben. Die Meinung zum Album vermag sie jedoch nicht abzubilden, denn diese ist ebenso diffus wie das Werk selbst.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Bad moons
  • Patron saint of pale
  • No soul to save

Tracklist

  1. Man overboard
  2. No feeling
  3. Blood on my blood
  4. Bad moons
  5. The one with the piano
  6. Patron saint of pale
  7. Wake her up
  8. Desdemona
  9. Lullabye
  10. No soul to save
Gesamtspielzeit: 49:38 min

Im Forum kommentieren

Walenta

2026-05-10 08:03:53

Kleinigkeit, aber „Sänger und Bassist Mike Kinsella“ stimmt so nicht (mehr).

Gomes21

2026-05-08 12:22:55

Ich lese auch größtenteils gute Rezensionen. Auf laut gebe ich nicht viel, aber den Tenor empfinde ich als eher positiv

MickHead

2026-05-08 10:38:49

Laut.de 4/5

https://laut.de/American-Football/Alben/American-Football-LP4-126902

Gomes21

2026-05-08 09:19:26

Also bei kommt die Platte bisher wesentlich besser weg als hier, bei meinen Bandkollegen auch.

MickHead

2026-05-01 08:08:47

Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://americanfootball.bandcamp.com/album/american-football-lp4

CLASH 9/10

https://www.clashmusic.com/reviews/american-football-lp4/

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