Joe Jackson - Hope and fury

Ear / Edel
VÖ: 10.04.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Der Rhythmus, wo man mit muss

Bei Musikern ist es wie bei Politikern: Viele können auch im hohen Alter nicht aufhören, selbst wenn ihre eigentliche Amtszeit schon lange vorbei ist. Nicht immer tun die bezeichneten Personengruppen sich und anderen mit dem Kleben an alten Posten einen Gefallen: Bestenfalls wird man Bundespräsident oder ergraut in Würden wie Neil Young, in vielen Fällen jedoch verspielt der eine oder die andere die mühsam angehäuften Meriten und macht sich kurz vor dem Abtreten nochmal ordentlich zum Vollhorst. Dass es auch ganz, ganz anders geht, beweist Joe Jackson, der mit "Hope and fury" ein dermaßen amtliches und schönes Album hinlegt, dass man sich nur stumm vor dieser Schaffenskraft verneigen kann. Doch der Reihe nach.

Zuerst nämlich führt Jackson das Auditorium mit "Welcome to Burning-By-Sea" gehörig in die Irre: hektischer Skiffle-Rhythmus, treibendes Conga-Spiel, zackiger Sprechgesang, schrille Synthies – und dann noch ein bollohaft gegrölter Refrain, der fast schon an die polyphonen Gesänge agitierter Fußball-Hooligans gemahnt. Ja, man fragt sich: Was führt denn der wunderliche Herr aus Burton-upon-Trent, Staffordshire nun hier im Schilde? Ist er balla-balla geworden? Nein, er nordet erst mal die Musikrezeptoren seiner Zuhörer*innen neu ein und spielt ein Betriebssystem-Update auf. Nach dem Opener wird bis zum Ende der Platte unmissverständlich klar: Hier sind "Fachleute mit Fachverstand" (Loriot) am Werk, die nicht nur was können, sondern noch dazu ein gerüttelt Maß an Freude beim Musizieren haben. Mehrere Songs gehen erstaunlich gut ins Tanzbein, zum Beispiel "I'm not sorry", das angenehm rau produziert ist und energetischen Gesang, lateinamerikanische Klavierfiguren und feinnerviges Schlagzeugspiel verbindet. Oder auch "Do do do", eigentlich eine eher simple Nummer, die aber so staubtrocken rüberkommt und nach vorne treibt, dass man fast schon Elvis Costello als Komponisten und Produzenten vor sich sieht – herrlich auch die eiernde, angezerrte Farfisa-Orgel.

Die andere Seite sind die vielen klugen Kompositionen mit raffiniert dosiertem Einsatz lateinamerikanischer Klang- und Rhythmuswelten: "After all this time" kommt mit Cowbells, schnarrender Güiro-Percussion und Hammond-Orgel, klingt damit zunächst trügerisch nach Santana, verwandelt sich aber spätestens beim überraschenden Refrain in eine funkelnde Popnummer, auch "End of the pier" gefällt mit tanzbar-verschachteltem Sechsachteltakt und irisierend-schönem, melancholischem Kehrvers. Und auch die Siebziger-Jahre werden gekonnt zitiert: Bei "Make god laugh" könnte man meinen, Billy Joel und Steely Dan hätten sich zusammengetan, während "Fabulous people" wie eine raffinierte Neuinterpretation von Joe Jacksons Überfliegerhit "Stepping out" anhört: Auch hier finden wir diese ikonischen Unisono-Passagen aus Yamaha-CP-80-Flügel und Glockenspiel, auch hier gibt es die ungemein elastischen Bassfiguren – und dann noch einen Refrain mit Four-on-the-Floor-Schlagzeugspiel, das aus allen Knopflöchern Grooves versprüht. Das Finale läutet "See you in September" ein, eine dramatische Ballade im Stile von Billy Joels "Leningrad", ja, selbst ein Frank Sinatra scheint hier als musikalischer Pate um die Ecke zu lugen. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, würde man bestätigen wollen: Ja, wenn Joe Jackson wirklich schon im September die nächste Platte raushaut: Wir würden schon mal vorbestellen, denn das Amalgam aus handgemachtem Musizieren, Spiel- und Lebensfreude, Rhythmus und Groove – es macht einfach höllisch Spaß.

(Jochen Reinecke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • I'm not sorry
  • Fabulous people
  • End of the pier
  • See you in September

Tracklist

  1. Welcome to Burning-By-Sea
  2. I'm not sorry
  3. Made god laugh
  4. Do do do
  5. Fabulous people
  6. After all this time
  7. The face
  8. End of the pier
  9. See you in September
Gesamtspielzeit: 34:33 min

Im Forum kommentieren

Armin

2026-04-15 20:07:48- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

2026-04-10 10:02:15

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mpR4lmiR8zLmH2YuwVf6LPyXTtO8e0jp4&si=-KQ7AMTP0FuG4lTo

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/joe-jackson-hope-and-fury/

Jochen Reinecke

2026-03-02 18:31:47

Höre gerade rein, erfreulich fresh, die Scheibe.

MickHead

2025-12-10 18:10:00

Der britische Singer-Songwriter "Joe Jackson" aus Portsmouth, Hampshire, kündigt für den 10.04. das 22. Studioalbum "Hope And Fury" an. Es folgt auf "What A Racket!, also known as "Mr. Joe Jackson Presents Max Champion In 'What A Racket!" Von 2023.

Genre: Rock, Pop, New Wave, Jazz, Classical

Das Album enthält neun neue Songs, eingespielt mit Jacksons langjähriger Band – Graham Maby (Bass), Teddy Kumpel (Gitarre), Doug Yowell (Schlagzeug) – sowie dem peruanischen Percussionisten Paulo Stagnaro.
Produziert von Joe Jackson gemeinsam mit Patrick Dillett, markiert Hope and Fury eine Rückkehr zu dem, was Jackson seinen »eigenen Mainstream« nennt: anspruchsvolle Popsongs, die Einflüsse aus Rock, Jazz, Funk und Latin miteinander verbinden – oder, wie er es selbst beschreibt, »Bicoastal LatinJazzFunkRock«.
Musikalisch erinnert »Hope and Fury« an die Atmosphäre von »Night and Day« (1982), »Laughter and Lust« (1991) und »Fool« (2019). Wie diese Alben sprüht es vor starken Melodien, cleveren Texten und markanten Grooves – mit Jacksons Gesang und Pianospiel in bestechender Form.

Erster Song "Welcome To Burning-By-Sea"

https://youtu.be/q4Foa4ftzBA?si=DSXczkV3lQy58Ci3

Tracklist:

1. Welcome to Burning-by-Sea
2. I'm Not Sorry
3. Made God Laugh
4. Do Do Do
5. Fabulous People
6. After All This Time
7. The Face
8. End of the Pier
9. See You in September

Tour 2026

OCTOBER
28 – Stuttgart - Liederhalle/Hegelsaal
31 – Bremen - Metropol Theater

NOVEMBER
1 – Munich - Circus Krone
2 – Berlin - Admiralspalast
4 – Essen - Lichtburg
5 – Hamburg - Fabrik
7 – Darmstadt - Staatstheater
17 – Cologne - Gloria

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