Holly Humberstone - Cruel world

Polydor / Universal
VÖ: 10.04.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

You're young, you're wild, you're free

Holly Humberstone hatte sich ihre Verschnaufpause verdient. Seit 2020 ging es für die junge Britin nur steil nach oben. Während sie den Corona-Lockdown mit ihrer Familie verbrachte, schlug ihre erste Single "Deep end" enorm große Wellen, auf denen sie bis zum gefeierten Debüt "Paint my bedroom black" trieb. Es folgten ausgiebige Live-Auftritte – unter anderem als Support für Taylor Swifts "Eras"-Tour im Wembley-Stadion –, bevor Humberstone nach all dem Trubel kurz den Stecker ziehen musste. Doch weil sich ihre Musik vornehmlich aus Alltagsbeobachtungen einer jungen Erwachsenen speist, lieferte die mit geliebten Menschen verbrachte Auszeit nicht nur Erholung, sondern auch Inspiration. So dauerte es letztlich nur zweieinhalb Jahre, bis die wenige Tage vor der Jahrtausendwende geborene Frau ihren Zweitling "Cruel world" präsentieren konnte – zusammen mit einer neuen, an Tim Burtons Gothic-Märchen angelehnten Ästhetik, welche die Kernthemen der Platte zwischen den Safe Spaces der Kindheit und den Abgründen der Gegenwart visualisiert. Musikalisch schlägt sich die Düsternis jedoch nicht nieder. Für einen Platz im künstlerischen Pop-Olymp mögen Humberstone noch immer etwas Eigenständigkeit und Tiefe abgehen, doch wen juckt das, solange die Hooks sitzen und die Produktion knallt?

Denkt sich wohl auch die Künstlerin selbst, weswegen sie die hochkulturell aufgeladenen Streicher von "So it starts" nach 45 Sekunden abwürgt. Doch Humberstones Pop-Entwurf ist weiterhin alles andere als stumpf. "Make it all better" spielt das Motiv des Intros mit Synths nach und baut sich Schicht für Schicht auf, entlädt seine Energie aber nicht in einem gewaltigen Refrain, sondern in luftig zappelnden Breakbeats. Eine größere Geste fährt "To love somebody" auf, trifft damit allerdings voll ins Schwarze: Diese mit Akustikgitarre, Piano und sattem Bass instrumentierte Euphoriebombe hätte auch einer Lorde gut in die Diskografie gepasst. "Die happy" hängt sich den Viersaiter noch etwas tiefer um, borgt sich vom ollen The-Smiths-Gassenhauer "There is a light that never goes out" nicht nur die Thematik, sondern auch die Sehnsucht, die aus dem Chorus strömt. Humberstone legt Wert darauf, ihre Songs mit unterschiedlichen stilistischen Texturen zu schmücken, verliert dabei aber nie den Fokus. Dazu passt, dass sie auf "Cruel world" komplett auf Features verzichtet, als würde sie sich bei ihrem persönlichen Storytelling von niemandem ablenken lassen wollen.

Inhaltlich zeichnet das Album wieder allerlei zwischenmenschliche Szenerien, die gleichsam spezifisch und generationenübergreifend relatable sind – und dabei selten ohne Humor oder einprägsame One-Liner auskommen. "So sad / You're playing shows, I comatose in my bed", heißt es unter dem Achtziger-Schimmer des Titeltracks, der sich geradezu schmerzvoll nach dem abwesenden Du verzehrt: Grausam ist die Welt schließlich vor allem dann, wenn man sich ohne die eine Person an der Seite durchschlagen muss. Das famose "White noise" treibt mit einem melancholischen Groove vorwärts, während es in greifbaren Bildern vom Vermissen erzählt: "I gotta go through the stages / Of exercising your ghost / Sometimes the busiest places / Can make you feel so alone."

Der Song leitet in eine generell ruhigere zweite Albumhälfte, in der es die obligatorische Pop-Ballade mit "Lucy" und "Peachy" gleich zweimal gibt – wobei der dazwischen platzierte Pop-Rock-Schmachter "Drunk dialling" die heruntergezogenen Jalousien gleich wieder aufreißt. Das finale Piano-Drama "Beauty pageant" lässt schließlich Figur und Autorin verschwimmen, erzählt von einer jungen Sängerin, die mit der Flüchtigkeit des Ruhms und ihrem Heimweh ringt: "I'll be your favourite till I'm not / Like a song that you forgot / I'll wear a dress I can't afford / You're not in the Midlands anymore / I click my heels and wish for home." Wie wäre es mit einer Verschnaufpause?

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • To love somebody
  • Die happy
  • White noise
  • Drunk dialling

Tracklist

  1. So it starts
  2. Make it all better
  3. To love somebody
  4. Cruel world
  5. Die happy
  6. White noise
  7. Lucy
  8. Red Chevy
  9. Drunk dialling
  10. Peachy
  11. Blue dream
  12. Beauty pageant
Gesamtspielzeit: 38:30 min

Im Forum kommentieren

Armin

2026-04-15 20:07:20- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Enrico Palazzo

2026-04-15 11:16:33

Ganz schön swiftig. Ich wüsste gar nicht, wieso ich das hören sollte, wo es doch gefühlt wie jeder zweite weibliche Act im Moment klingt. Könnte gut im Radio dudeln, ohne dass ich direkt umschalten müüste. Ich weiß aber nicht, ob das so ein tolles Kompliment ist.

MickHead

2026-04-10 09:56:31

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_m7QtxoMqjSmKPREtS_O7QaER_A9vqnX34&si=As6nKFmvGFyNIYel

Musikexpress 5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/holly-humberstone-cruel-world/

Soundmag 7/10

https://www.soundmag.de/reviews/holly-humberstone-cruel-world/

Armin

2026-03-27 19:25:14- Newsbeitrag

Holly Humberstone
20.09. - 28.09.2026

Mit ihrem zweiten Album „Cruel World“ erscheint am 10. April via Universal Music der langersehnte Nachfolger des Langspieler-Erstlings von Holly Humberstone. Die 26-jährige Britin, die spätestens seit ihrer ersten EP „Falling Asleep at the Wheel“ weltweit für ihr überaus beeindruckendes Songwriting-Talent bekannt geworden ist, besticht auch auf ihrem zweiten Longplayer durch zeitlosen Alternative-Pop, der die Widersprüchlichkeit von Leid und Vergnügen in der Liebe gefühlvoll behandelt und vollends vereint. Auf ihrer Eroberungstour unserer Herzen durch Zentraleuropa macht Holly Humberstone auch für vier Konzerte in Deutschland Halt. So kommt die Engländerin für Live-Termine nach Köln, Hamburg, Berlin und München, die man auf keinen Fall verpassen sollte.

Image Label

Präsentiert wird die Tour von Musikexpress, Rausgegangen und Bedroomdisco.


Holly Humberstone
Cruel World European Tour


20.09.2026 Köln - Bürgerhaus Stollwerck
26.09.2026 Hamburg - Gruenspan
27.09.2026 Berlin - Festsaal Kreuzberg
28.09.2026 München - Technikum

MickHead

2026-03-13 11:29:03

3. Song "Cruel World"

https://youtu.be/Z-45x_4p6as?si=fU-d7tmBKhz8FbC-

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