Richard Barbieri - Hauntings
Kscope / EdelVÖ: 10.04.2026
And action!
Ich packe meinen Koffer und nehme mit: einen Synthesizer, einen Sequenzer, speziell gefüllte Tabakblätter und die "Hauntings"-Vinyl. So hatte ich es zumindest geplant. Aber Kleidung muss ja auch reinpassen. Tja, dann bleibt neben T-Shirts, Hosen und Unterwäsche doch nur Platz für Richard Barbieris neuestes Werk. Selbst zu musizieren wird in L.A. also leider nicht möglich sein. Und die Tabakblätter müssen auch zu Hause bleiben. Für die beabsichtigte Atmosphäre sorgt nun einzig und allein der Tastenmeister der Synthie-Popper Japan und der Prog-Rock-Legenden Porcupine Tree.
Wenn im Bandkontext bekannt gewordene Keyboarder Solowerke veröffentlichen, klingt das mitunter nach bloßer Zurschaustellung von Fingerfertigkeiten im kompositorischen Vakuum. Einmal mehr erweist sich Barbieri als Gegenpol zu jenen Virtuosen, die die phrygisch-dominante Tonleiter in E mit der B-Bluestonleiter kombinieren, aber dabei keine Atmosphäre erschaffen. Im Opener "Snakes and ladders" trompetet einen zunächst Luca Calabrese zu einem herrlich verträumten Klangteppich weich, ehe nach 50 Sekunden Synth-Loops einsetzen, so unverkennbar wie die äußerliche Gelassenheit, mit der Barbieri auf Tasten drückt und an Knöpfchen dreht.
Abseits der charakteristischen Loops ist "Hauntings" ein durchweg gelungenes Festival der Reminiszenzen: Die verfremdeten Sprachfetzen in "Anemoia" und "Perfect toys" erinnern an Boards Of Canada, Percy Jones' Bassline und die "Uuh! Uuh!"s in "Artificial obsession" an die Achtziger-Inkarnation David Bowies. Das schaurig-schöne "Victorian wraith" lässt ungeachtet seines Titels keine Bilder aus dem Britannien des 19. Jahrhunderts im Kopf entstehen, sondern jene einer gewissen Mondstation aus einem Science-Fiction-Klassiker Stanley Kubricks. Durch Layering entsteht eine Art elektronische Version von Ligetis "Lux Aeterna". So beeindruckend die Entwicklung von Musik-Apps in den vergangenen Jahren auch voranschritt, von einem Meister der Atmosphäre wie Richard Barbieri mit analogen Synthesizern erzeugte Tracks können sie noch nicht ersetzen. Dass einzelne Synth-Sounds auf "Hauntings" sehr nach den Achtzigern und wenige Trip-Hop-Beats arg nach den Neunzigern klingen, fällt nicht ins Gewicht. Wichtiger ist, dass Barbieri das von seinem alten Bandkollegen Steven Wilson häufig bemühte Bild eines "Musikalbums als Reise" zu teilen scheint.
Man blickt auf das schicke Schwarz-Weiß-Cover, lauscht gebannt dem Glockenspiel in "1890", der Symbiose aus weltabgewandten Trompetenklängen und synthetischen Chor-Sounds in "Last post" – und stellt sich eine Frage: Warum kam noch kein Mensch auf die Idee, Richard Barbieri für einen Soundtrack zu engagieren? Moment mal, wer steht denn da im Wartebereich von Gate 2? Dieser adrett gekleidete Herr ist doch wohl nicht … "Excuse me, Mr. Barbieri, where are you going?" Mensch, es ist viel zu laut hier im Terminal, man kann diesen britisch-bedächtig sprechenden Gentleman kaum hören. Hat er eben "Hollywood" gesagt?
Highlights & Tracklist
Highlights
- Victorian wraith
- 1890
- Last post
Tracklist
- Snakes and ladders
- Anemoia
- Victorian wraith
- 1890
- Artificial obsession
- Paris sketch
- Perfect toys
- Traveler
- Reveille
- Last post
- A new simulation
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Armin
2026-04-15 20:06:32- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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- Richard Barbieri - Hauntings (1 Beiträge / Letzter am 15.04.2026 - 20:06 Uhr)
