Thundercat - Distracted
Brainfeeder / Rough TradeVÖ: 03.04.2026
Stil und Zerstreutheit
Thundercat beweist einmal mehr eine gewisse Selbstironie, indem er sein fünftes Album "Distracted" tauft, zu Deutsch "zerstreut", "unaufmerksam" oder auch "zerfahren". Schließlich pflegt der 41-Jährige mit seiner Laissez-faire-Attitüde ein Image als Sonderling der R'n'B-Szene. Dass der Titel der von Greg Kurstin produzierten LP auch eine trotzige Reaktion auf etwaige im Musikjournalismus erhobene Kritikpunkte an seiner Musik darstellen könnte, erscheint hingegen unwahrscheinlich. Denn die Rezensionslandschaft ist Stephen Lee Bruner seit jeher gewogen. Dass dessen stets geschmackvoll instrumentierte und blitzsauber eingespielte Tracks nicht immer eine griffige Struktur aufweisen, gibt beim Großteil der Kritikerschaft bekanntlich eher Plus- als Minuspunkte. Diesmal aber ist Zerstreutheit keineswegs Trumpf. Nein, in der neuesten Tracksammlung überzeugen vor allem die schnell ins Ohr gehenden Songs.
"No more lies" bat bereits 2024 auf die Tanzfläche. Glücklicherweise fand der herausragende Song noch seinen Weg auf "Distracted", da er zeigt, dass kaum jemand Synthies und Spoken-Word-Passagen so stilvoll in seine Musik integrieren kann wie Thundercat. Die Stimme von Tame-Impala-Mastermind Kevin Parker harmoniert prächtig mit der Bruners. Channel Tres leistet wiederum in der Albummitte seinen gesanglichen Beitrag dafür, dass "This thing we call love" auch abseits des aufreizenden Basses und der selig summenden Synthies eine alles andere als rein platonische musikalische Beschreibung erfährt.
Konstruiert wirkt die Vermarktung von "Distracted" als Quasi-Konzeptalbum über den überreizten Menschen im Zeitalter des technologischen Fortschritts. In erster Linie geht es in den Texten um Love, love, love. Ob Bruner deshalb eine stilistisch an die Pilzköpfe erinnernde Melodie im hübschen Post-Chorus von "Pozole" anstimmt, ist nicht überliefert. Leider hat man zu diesem Zeitpunkt die Hoffnung auf ein durchweg starkes Album bereits aufgegeben. Thundercat bereitet Lil Yachty mit einer erstklassigen Bassline die Bühne, der nutzt seinen Auftritt in "I did this to myself" aber zur Prollerei. Auch die "Funny friends" in Person von Bruner und dem die zweite Strophe rappenden A$AP Rock erheitern mit einer ungewohnt aufdringlichen Hook nicht wirklich. Später trägt Willow zwischen Plansch-Samples irritierend dick auf. Die sich auftürmende "ThunderWave" fügt sich in das sonst eher bedächtige Soundbild des Albums nicht stimmig ein.
Viel besser macht es Thundercat selbst, wenn er in gekonntem souligem Falsett zu stilvollen Streichern klarstellt, "What is left to say". Weniger ist oft mehr, gesanglich überzeugt die Lockerheit des Mannes aus Los Angeles. Leider aber bleibt es nicht beim gesanglichen Laissez-faire-Ansatz. Das letzte Albumviertel ermüdet mit nicht auskomponierter Imagekultivierung. Da diagnostiziert Bruner bei sich selbst schon mal im Easy-Listening-Ambiente ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom oder miaut in "Great American" inmitten des eigenen Stream of Consciousness. Unterhaltsam gerät das nur bedingt – anders als der finale Track, in dem das lyrische Ich damit kokettiert, einen OnlyFans-Account zu eröffnen und von nun an der Welt die eigenen Füße zu präsentieren. Sein Album mit einem solchen Gedankenspiel enden zu lassen, beweist dann doch wieder Courage. Ein Giftpfeil in Richtung einer Verflossenen? Oder einfach nur ein Witzchen über den "Fortschritt" im Zeitalter des Digital Native? Das bleibt ebenso ungeklärt wie die Frage, ob Bruner den mehrdeutigen Titel seines Albums in musikalischer Hinsicht ernst meint. Dass sich Musiker dem doppelt ironischen Potenzial eines Albumtitels nicht immer bewusst sind, zeigten Depeche Mode im Jahr 1987. Die Electro-Rocker tauften ihr damaliges Album wegen seines vermeintlich geringen kommerziellen Potenzials "ironisch" "Music for the masses" – ehe die zugehörige Tour sie in mehrere Stadien führte. 39 Jahre später überzeugt die fünfte LP Thundercats in weiten Teilen, klingt aber (nicht zuletzt wegen der stilistischen Unterschiedlichkeit der Features) ziemlich zusammengeschustert und, nun ja, "Distracted".
Highlights & Tracklist
Highlights
- No more lies (feat. Tame Impala)
- What is left to say
- This thing we call love (feat. Channel Tres)
Tracklist
- Candlelight
- No more lies (feat. Tame Impala)
- She knows too much (feat. Mac Miller)
- I did this to myself (feat. Lil Yachty)
- Funny friends (feat. A$AP Rocky)
- What is left to say
- I wish I didn't waste your time
- Anakin learns his fate
- Walking on the moon
- This thing we call love (feat. Channel Tres)
- ThunderWave (feat. Willow)
- Pozole
- A.D.D. through the roof
- Great Americans
- You left without saying goodbye
Im Forum kommentieren
Armin
2026-04-08 21:11:54- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
Meinungen?
MickHead
2026-04-03 10:37:12
Jetzt komplett bei Bandcamp:
https://thundercat.bandcamp.com/album/distracted
Musikexpress 4.5/6
https://www.musikexpress.de/reviews/thundercat-distracted/
Rolling Stone 4/5
https://www.rollingstone.de/reviews/thundercat-distracted/
MickHead
2026-03-10 18:10:08
5. Song "ThunderWave (Feat. WILLOW)"
https://youtu.be/ew4xBcShtSA?si=X-2SZ_oCMNATevl8
MickHead
2026-02-17 19:56:44
4. Song "She Knows Too Much (Feat. Mac Miller)"
https://youtu.be/3APvI_L6yJI?si=y-Mcdcoa98b1E69r
MickHead
2026-01-29 18:54:06
Der amerikanische Musiker Stephen Lee Bruner aka "Thundercat" aus Los Angeles, California, kündigt für den 03.04. das 5. Studioalbum "Distracted" an. Es folgt auf "It Is What It Is" von 2020.
Genre: Electronic, R&B, Soul, Funk, Acid Jazz, Psychedelia
3 Songs bisher geteilt:
"I Did This To Myself (Feat. Lil Yachty)"
https://youtu.be/wpmuQSCNR_4?si=7Qgl_Hggp2ovEVkE
"No More Lies (Feat. Tame Impala)"
https://youtu.be/QoguePcf9P4?si=Pq4qh19WlLAYixeC
"I Wish I Didn’t Waste Your Time"
https://youtu.be/UeBoIujRE9s?si=WbZ6ODs0V8UkeZTX
"Distracted" bei Bandcamp:
https://thundercat.bandcamp.com/album/distracted
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