Slayyyter - Wor$t girl in America

Columbia / Sony
VÖ: 27.03.2026
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Trash rules everything around me

Wir sind auf der ständigen Suche nach "dem Nächsten". Die nächste Superaktie, das nächste Traumurlaubsziel, das nächste verwurstbare Meme. Das Pop-Business sucht derweil nach dem nächsten "Brat", jenem Werk, dass sowohl Massenappeal, Vermarktbarkeit und Respekt von der schreibenden Zunft vereint. Das mag das große Problem von "Wor$t girl in America" sein: Es ist zu offensichtlich. Es liegt genau in diesem Sweet Spot zwischen Massentauglichkeit und freudiger Lärmorgie, zwischen Vulgarität und Verletztlichkeit, den eben auch Charli XCX mit "Brat" besetzte, dass es von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Dabei ist es in einigen Teilen sogar besser und generell rundum fantastisch. Slayyyter, eigentlich Catherine Grace Garner, schuf sich mit den zwei Vorgängern "Troubled paradise" und "Starfucker" bereits eine Nische im trashigen Pop mit Noise-Anleihen, doch mit dem dritten Album "Wor$t girl in America" verleiht sie ihrer Figur erstmals wirkliche Tiefe. Ohne dass man auch nur ansatzweise an den Exzessen rumgefeilt hätte.

Dieses Album bietet vor allem Katharsis, in allen erdenklichen Formen. Es hat wundervoll auflösende Melodien und Refrains, es hat ein fantastisches Gespür für Dynamik und, wenn notwendig, lässt es einfach ohne jegliche Rücksicht die Sau raus. Wann hat man zuletzt so verträumt einen Chorus wie diesen mitgesäuselt: "Hold me close / Let me go / Wear his clothes / Whisper in my ear." Wann ist man zuletzt aus einer wohligen Döselei erwacht und bekam ins Ohr gebrüllt: "I'm actually kinda famous!" Wann hopste man zuletzt durch die Bude und schrie laut: "YES GOOOODDDDD!" "Wor$t girl in America" ist ein Album, das nicht nur, aber vor allem physisch bewegt. Stillsitzen unmöglich. Dabei orientiert sich Slayyyter in einem Koordinatensystem, das die elektronische Ruppigkeit von Charli XCX, den spaßigen Trashfaktor von Kesha, die Laszivität von Lana Del Rey und die Konsequenz von Lady Gaga miteinander verquirlt und vereint. Das Ergebnis ist etwas, das auch eine Best-of von den genannten Künstlerinnen hätte sein können. Hier trifft alles ins Schwarze.

Die Noise-Attacken, welche die zwei irre lauten Zentralmassive "Yes Goddd" und "$t. Loser" durchsetzen, sind mit das Intensivste und Brutalste, was Popmusik in diesem Jahrzehnt hervorgebracht hat, und rocken mehr als alles, was sich Dave Grohl je noch einbilden könnte. Anderswo setzt Slayyyter Kontraste, beispielsweise bei "Beat up Chanel$", das von zeternder Strophe ganz mühelos zu verdammt eingängigem und schmissigem Refrain pendelt. "I want beat-up Chanels, I want new personnel / I wanna dye my hair every pretty shade of pastel / I want nasty afterparties, banged up at the motel." Irgendwo in diesem Spektrum bewegt sich "Wor$t girl in America", zumindest meistens. Denn seinen Appeal zieht die Platte durch ihre Doppelbödigkeit, die auch der ambivalente Titel vorwegnimmt und welche die Songs musikalisch oder textlich immer wieder unerwartet gegen Wände fährt.

Oft genug aber zählt einfach der Exzess. Wie erfüllend ist bitte das famose Ende von "Crank"? "She pick up, then we fuck, I get so gay off that tequila / I need some dick for Tuesday, let me put out some feelers", singt Slayyyter, und das Instrumental fetzt einmal durchs Gehör wie nichts Gutes. Auch "Old technology" – der Titel meint gewisse bewusstseinserweiternde Substanzen, wiederholt stets "I'm doing drugs tonight" – steigert sich wahnsinnig gut in sein stampfendes und springendes Finale. "Wor$t girl in America" hat aber auch eine sensible Seite, und genau diese Kombination der Extreme hebt es eben von allen kontemporären Platten ab. "Gas station" und "Unknown loverz", in der Tracklist getrennt durch das brutale "Yes Goddd", beziehen sich nicht nur textlich aufeinander, sondern klingen auch beide wie ein tanzbarer Remix eines sehr guten Lana-Del-Rey-Songs. Speziell "Unknown loverz" hat einen wahnsinnig tollen Refrain, der sich dauerhaft ins Gedächtnis schmiegt.

Früh im Album federt auch "Cannibalism!" trotz des Titels die Wucht etwas ab und erinnert stark an Magdalena Bay, hätte man die auf Uppers in einem verruchten Club abgesetzt: "He's kinda sexy and mysterious 'bout it / Heart eyes, all my judgment is clouded / I'm in your city, can you show me around it? / You can put your money right where my mouth is!" Und nicht zuletzt ist das tragische Schicksal von Schauspielerin Brittany Murphy ein Thema, das sich subtil durch das Album und die Visuals zieht, aber erst im entsprechend betitelten Closer Bahn bricht, nachdem Slayyyter schon fragte "What is it like, to be liked?" und in einem Interlude ein Stoßgebet sendet, um doch nicht das Schlimmste abzuwenden: "Tell them I am sorry for / The gun inside my bedroom drawer / This was inevitable / Only thought it'd make you love me more / Say that I am in a better place / When you see my mother's face / Please, just tell them all I did my best / When you lay it all to rest." Plötzlich ergibt alles Sinn: die Euphorie, die krassen Sprünge, die Extreme, die plötzlichen Rückschläge im Sound. "Wor$t girl in America" funktioniert daher auf jeder Ebene durch seine unwiderstehlichen Hits, seine fordernden Lärmeskapaden und, ultimativ und am wichtigsten: sein ganz großes Herz. (

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Beat up Chanel$
  • Crank
  • Unknown loverz
  • $t. Loser
  • Brittany Murphy.

Tracklist

  1. Dance...
  2. Beat up Chanel$
  3. Cannibalism!
  4. Old technology
  5. Crank
  6. Gas station
  7. Yes Goddd
  8. Unknown loverz
  9. Old fling$
  10. I'm actually kinda famous
  11. $t. Loser
  12. What is it like, to be liked?
  13. *Prayer*
  14. Brittany Murphy.
Gesamtspielzeit: 42:35 min

Im Forum kommentieren

Unangemeldeter

2026-04-12 21:09:51

Jetzt auch mal gehört. Der aggressive Sound ist cool, vieles hat mir auch Spaß gemacht. Viel Pay-off drin, aber schon auch arg stumpf. Year Zero (YES GODDD) und brat für mich auch die naheliegendsten Referenzen, vielleicht noch so die 00er Diplo/Major Lazer/Santigold-Ecke.

Kann ja sein dass ich die Worte noch fresse, aber ne 9 hör ich da auch überhaupt nicht, bin da ziemlich bei Enrico, bzw habe auch dessen innere Bewertungsskala. Das Album (bzw eher einzelne Tracks) lass ich sicher noch paarmal laufen, aber ne langfristige Beziehung kann ich mir zu dem Ding nicht vorstellen, dafür ist das zu viel Effekt und zu wenig Substanz.

Felix H

2026-04-12 19:04:44

Ja, finde mich da wieder in der Entwicklung. :)
Wobei die Vorgänger mir bisher gefallen, aber bei weitem nicht so einschlagen. Aber hab die auch nur wenig gehört.

Arne L.

2026-04-12 18:23:12

War eine rasante Entwicklung, aber jetzt ist es für mich absolut klar: Ich bin Fan! :D

Dschanna2

2026-04-12 18:23:04

Kann die negativen Bewertungen der Community nur schwer nachvollziehen - meiner Meinung nach eines der besten Alben die ich seit langem gehört hab. Jeder Song ist ein Banger und hat seinen eigenen Charakter. Musikalisch fühlt es sich auch nicht an wie KI-generierter Einheitsbrei.

Also ein Album das Laune macht, zu dem man mittanzen will, wo jeder Song für sich allein steht und von dem man noch lange was hat - absolut eine 9/10 für mich!

Felix H

2026-04-12 16:15:42

Macht Bock. "$t. Loser" auch, ist aktuell wohl mein Lieblingssong vom Album:

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