Melanie Martinez - Hades

Atlantic / Warner
VÖ: 27.03.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Full Circle

Wie wir es bereits seit dem Debüt "Cry Baby" von Melanie Martinez gewohnt sind, verkörpert sie auch auf "Hades" ein Alter Ego, in diesem Fall eine vermeintlich kindlich-naive junge Frau namens Circle, welche in einer im Intro-Titel "Garbage" beschriebenen nahen dystopischen Zukunfts-Version der Vereinigten Staaten lebt. So auffällig scheu und unerfahren wie Circle in dieser angespannten Umgebung geblieben ist, scheint sie dabei nur allzu leicht auf die Avancen eines Mannes mit dem Decknamen "Hades" hereinzufallen und lässt sich "abschleppen", bloß um im ersten Ansatz von Intimität auf der Mercedes-Rückbank kurzen Prozess mit ihm zu machen ("His face made me wet when I pulled out the knife"). Hier klärt sich Circles Herkunft: Das schüchterne Mädchen hat tatsächlich einmal existiert – heute ist jedoch nur noch ihr Körper derselbe. Ihr Bewusstsein wurde im Rahmen eines Rituals ("Possession") von der Organisation Hades Inc. durch eine künstliche Persona ersetzt. Aus ihrer Perspektive tragen deshalb alle Männer denselben Namen: Hades. Ziel der Hades Inc. ist dabei, die auf diese Art manipulierten Frauen als besonders durchtriebene, verruchte Künstler*innen zu kommerziellem Erfolg zu führen und dabei ihre physische Hülle mit einer Art Lolita-Effekt auszubeuten, wie "Disney princess" ausführt: "They tweezed and pulled all that was left / 'Til she was made a Disney princess."

Musikalisch zeigt sich dieses Motiv so, dass jede Popsong-Struktur aufgebrochen wird – durch explizite Lyrics, verstimmte Instrumente oder sogar Gewehrsalven. Denn, so wie es dramaturgisch eben passieren muss, scheint Circles neue Persönlichkeit nicht "fehlerfrei" zu funktionieren und sorgt dabei, beginnend mit "Grudges", für immer häufiger werdende gewalttätig impulsive Ausbrüche ("Words ain't shit 'til my knuckles hurt / I lit a candle for this / Ha, to turn me into a 'I don't give a single flying fucketiy-fuck-fuck-fuck machine'"). Ihr auf (finanzielle) Ausbeutung programmiertes Wesen kann die sie umgebende Ungerechtigkeit nicht wie geplant ausblenden. Somit beginnt sie eine Vendetta – und nimmt dabei "Ausbeutung" wörtlich, sodass letztendlich immer wieder eine Person dafür mit dem Leben bezahlen muss. Ihre aufstrebende Popstar-Persona verschafft ihr damit zwar Zugang zu einflussreichen Opfern, die Blicke der Öffentlichkeit machen diskretes Handeln jedoch deutlich schwerer – ihr Auftreten wird zwangsläufig widersprüchlich, fast schizophren. Besonders stark bindet Martinez dies über etwaige Reaktionen aus Social Media ein ("Weight watchers", "Uncanny valley", "Chatroom"). Diese bewerten eine Persönlichkeit, die eher ein künstlicher Flickenteppich als eine bewusste Entscheidung ist. Das macht sowohl diese Kommentare selbst, als auch Circles gekränkte Reaktionen darauf zynisch absurd.

Martinez trifft stilistisch einige clevere Entscheidungen für ihr neuestes Album, die hauptsächlich in der Stimmung funktionieren. Die oft infantil wirkenden Lyrics ergeben im Storytelling Sinn, was eben auch elegant kaschiert, dass Texte bei ihr schon immer eher die Schwachstelle waren. Auch die wenig kreative Prämisse der zerbrochenen Persönlichkeit ist auf Albumnlänge spannend genug umgesetzt durch das Missverhältnis von grundsätzlichen Dur-Akkorden und Verzerrer-Effekten. Während letztere phasenweise etwas zu inflationär eingesetzt werden, kann man dies dann wieder auf das Level einer "Betriebsstörung" in Circles System zurückführen und hat damit wieder eine Art Erklärung. Man muss hier keine Genialität attestieren, aber smart bleibt es. Letztendlich bleibt es Geschmackssache, ob man Zeilen wie in "The Vatican" nun als reißerisch-plumpe Provokation sieht oder als eine Form von Direktheit, die moderner Popmusik eine so oft gewünschte Haltung gibt: "Don't repress yourself, express yourself / Scream: 'Jesus, baby, you're hot as hell!' / Mary don't quite make it swell / But my white God fucks me real well." Man muss davon ausgehen, dass dieses Album in seiner Machart keine wirklich neuen Zielgruppen erschließt und damit letztendlich auch nur "preaching to the choir" betreibt. Dies aber tut es mit über einer Stunde Spielzeit stets unterhaltend, dabei nie beliebig und trotz seiner Einfachheit erstaunlich nachhaltig.

(Gerrit Phil Abel)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Is this a cult?
  • Disney princess
  • Grudges
  • The plague

Tracklist

  1. Garbage
  2. Is this a cult?
  3. Possession
  4. White boy with a gun
  5. Disney princess
  6. Grudges
  7. Monopoly man
  8. Avoidant
  9. Monolith
  10. Weight watchers
  11. The plague
  12. Batshit intelligence
  13. Gutter
  14. Uncanny valley
  15. The Vatican
  16. Hell's front porch
  17. Chatroom
  18. The last two people on Earth
Gesamtspielzeit: 70:19 min

Im Forum kommentieren

Armin

2026-04-08 21:10:08- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum