Bruce Hornsby - Indigo park
Zappo Productions / Thirty TigersVÖ: 03.04.2026
Weil er's kann
Um eins nochmal klarzustellen: Bruce Hornsby ist ein Vollblutmusiker. Wer in Richmond, in Berklee und an der University of Miami Klavier studiert hat, wer mit Jazzgrößen wie Branford Marsalis und Pat Metheny musiziert hat, der kann erwiesenermaßen deutlich mehr, als ein paar stumpfe Akkorde in die Tasten zu drücken. Da ist es dann fast schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass Hornsby ausgerechnet mit "The way it is" seinen größten kommerziellen Erfolg einfuhr – sicherlich eine feine Popnummer, aber technisch gesehen eher ein Nobrainer: Sowohl das ikonische Klavierlick als auch die später im Song folgende Improvisation können selbst von mittelmäßig begabten Pianist*innen fehlerfrei dargeboten werden. Ist ja auch nicht schlimm, entscheidend ist einem ehemaligen deutschen Bundeskanzler zufolge bekanntlich, was hinten rauskommt: Knapp sechs Millionen verkaufte Alben seit 1986 dürften für ein einigermaßen brauchbares finanzielles Polster gesorgt haben.
Was macht man denn nun so als Bruce Hornsby, wenn man letztes Jahr 70 Jahre alt wurde und mal wieder den Drang spürt, ein neues Album zu veröffentlichen? Geht man auf Nummer sicher und haut einfach noch ein paar gefällige Popnummern raus? Nö: Bruce Hornsby hat sich so ziemlich für das Gegenteil entschieden. "Indigo park" zeigt, dass er sich geradezu störrisch wie ein Esel um Konventionen schert und jetzt erst recht einfach das macht, worauf er gerade Lust hat. Es ist bemerkenswert: Man erwartet von so einem Spätwerk eigentlich gar nichts, bestenfalls den Aufguss alter Erfolgsrezepte. Hornsby hingegen schaut einfach mal, was geht. Und scheint ohne jedweden kommerziellen Druck genau das zu tun, was ihm Spaß macht.
Das ist offenbar so einiges: Der Opener kommt auf leisen Pfoten, walzt entspannt daher, lässt einen aber noch im Ungewissen, was hier eigentlich zu erwarten ist. "Memory palace" lockt dann auf eine falsche Fährte: Drum-Programmings, Harmonien, die an Don Henleys "The boys of summer" erinnern. Der nächste Track bedient sich schamlos bei Hip-Hop-Soundwelten und verstolpert geschickt ein ums andere Mal das Taktmaß. Erster Ruhepol ist dann "Silhouette shadows", eine raffinierte Ballade, die sich immer wieder neu auf- und abschwingt – und kompositorisch ebenso an Thom Yorkes zappelige Soundästhetik gemahnt wie der Track "Ecstatic". Bei "Sliver of time" denkt man zum ersten und nicht zum letzten Mal an das Spätwerk von Talk Talk; bekanntermaßen eine Band, die sich ebenfalls nach dem Pop-Erfolgs-Zenit von niemandem mehr reinreden ließ.
Die einzige Nummer, bei der niemand aufs Glatteis geführt wird, ist das vergleichsweise zugängliche "Take a light strain". Das läuft als normale Popnummer einfach gut rein. Der Rest sprüht vor Experimentierfreude, ist mal sehr komisch (im positiven Sinne), mal geradezu sperrig – vor allem aber nicht das, was man erwartet hätte. Man kann sich richtig vorstellen, wie Bruce Hornsby dieser Tage zu Hause am Rechner sitzt und peu à peu die reinkommenden Rezensionen scannt, mit einem satten Grinsen auf den Lippen. Da wird es viel Unverständnis geben, die eine oder andere Rückfrage – wir wissen es nicht. Was hingegen, es wurde bereits erwähnt, feststeht: Bruce Hornsby ist ein Vollblutmusiker. Er macht, was er will – und "Indigo park" ist eine ebenso attraktive wie herzliche Einladung, einfach mal mitzugehen und zu schauen, wo es einen hinträgt. Ziemlich sicher ist es auch eines dieser Alben, die man erst mal nicht ganz verstehen will, die man aber Jahre später neugierig wieder aus dem Regal zieht. Und mit denen man viel Spaß hat.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Silhouette shadows
- Ecstatic
- Sliver of time
Tracklist
- Indigo park
- Memory palace
- Entropy here (rust in peace)
- Silhouette shadows
- Ecstatic
- Alabama
- North Dakota slate roof
- Sliver of time
- Might as well be me, Florinda
- Take a light strain
Im Forum kommentieren
kapomuk
2026-04-12 12:39:39
Für mich eine 8/10 mit Tendenz nach oben – echt cool, in welche neuen Gefilde der alte Herr vorstößt :-)
Witzig auch, wie er alle auf die falsche Fährte führt mit dem waschechten Selbstzitat ganz am Anfang – man vergleiche mit "Hot House" von 1997.
Jochen Reinecke
2026-04-09 08:58:41
@Luke, kennen wir uns? Bremen-Connection?
LukeLinus
2026-04-08 21:51:17
Wow, Jochen Reinecke, FAZ-Rätselpapst, hätte ich hier nicht als Rezensent erwartet. Er hat ein gutes Gespür. Nachdem ich Bruce den deutschen Rollling Stone geschickt hatte, konnte er die Übersetzungen in Englische kaum abwarten. Die CD-Veröffentlichung für Deutschland wurde auf den 17. April verschoben.
Grizzly Adams
2026-04-08 21:46:14
7/10 passt schon aufs erste Ohr. Ich kann ohnehin für kein Album von ihm weniger Punkte geben. Denn, wie Jochen schreibt, man holt irgendein Album viele Jahre später aus dem Regal, hat Spaß und wird mit sehr schöner Musik belohnt. Schon ein richtig Guter, der Hornsby. Ich mag die Bruces der Popmusik quasi allenthalben. ;-)
Armin
2026-04-08 21:09:20- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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