Heavenly - Highway to Heavenly

Skep Wax
VÖ: 27.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Back in blaurosa

Heavenly haben sich schon immer gegen das "Twee-Pop"-Label gewehrt – zu Recht, evoziert der Begriff eine Naivität und an Kitsch grenzende Unbeschwertheit, die dem Geist der britischen Band nie wirklich entsprach. Mit einer Nähe zur Riot-Grrrl-Szene und deutlichen Lyrics über sexuelle Gewalt und andere Gräuel konterkarierten sie ihren melodischen Indie-Pop, etablierten sich in den Neunzigern als eines der versiertesten Aushängeschilder der legendären Sarah Records. Als sich Drummer Matthew Fletcher 1996 das Leben nahm, war verständlicherweise Schluss mit Heavenly, auch wenn seine Schwester Amelia und Bassist Rob Pursey mit diversen anderen Bands der Musik nie den Rücken kehrten. Nun, exakt 30 Jahre später, gibt es mit "Highway to Heavenly" das erfreuliche Studio-Comeback – vielleicht befeuert durch eine neue Generation von Fans, da auch Heavenly von den TikTok-Revivals obskurer Shoegaze- und Jangle-Pop-Acts des vergangenen Jahrtausends erfasst wurden.

Was auch immer der Grund für diese erfreuliche Rückkehr ist, spielt aber ohnehin eine untergeordnete Rolle. Viel wichtiger ist, dass der nun von Ian Button am Schlagzeug komplettierte Fünfer genau da weitermacht, wo er aufgehört hat. Im Opener "Scene stealing" geht es wieder um sexuelle Übergriffigkeit, diesmal im Kontext eines nicht näher bestimmten Stars, der den verklärten Blick seiner Fans ausnutzt. Die Musik lässt sich nichts davon anmerken, überführt ihren tanzbaren Groove in einen kleinen Instrumentalpart, dessen Synths wie ein pfeifender Teekessel anmuten. "Press return" nutzt dahingegen einen post-punkigeren Groove mit aufmüpfigem Bass, um Machtgier und Rücksichtlosigkeit eine Absage zu erteilen. Dazwischen fingiert die besonders mitreißende Single "Portland Town" die titelgebende Stadt als Safe Space für all diejenigen, die nicht in gesellschaftliche Konventionen passen. Wenn die Welt immer mehr den Bach runtergeht, bleibt eben immer noch der Eskapismus.

"And nothing quite prepares you for / How sound takes you unexpected ways", heißt es dazu passend in "Skep Wax" – benannt nach dem von Fletcher und Pursey 2021 gegründeten Indie-Label. Unterstützt von luftigen Gesangsharmonien gleiten Fletcher und Keyboarderin Cathy Rogers über sonnige Hooks und staunen ob der emotionalen Wirkungskraft von Musik. Auch abseits sozialer Machtgefälle hatten Heavenly schon immer einen scharfen Blick für zwischenmenschliche Dynamiken. "I wasn't expecting love / But I wasn't expecting that", erklärt "Deflicted" im Spoken-Word-Intro, bevor der Song im tighten Zusammenspiel von Saiten und Tasten vorwärtstreibt. Der zuckrige Power-Pop von "Excuse me" behält dahingegen die rosarote Brille auf, singt von einer Teenie-Romanze mit dem größten Nerd der Schule. Die stärkste Dramaturgie fährt das großartige "A different beat" auf. Die Protagonistin steckt in einer unterdrückenden Beziehung fest, doch bricht sie in der zweiten Hälfte daraus aus – und der Track tut es ihr gleich, indem er seinen Disco-Puls intensiviert und die besungene Tanzflächen-Flucht erlebbar macht.

Im letzten Drittel bremst sich "Highway to Heavenly" etwas aus. Das Xylofon-begleitete, im Refrain psychedelisch ausfransende "Good times" und das zurückhaltende "The neverseen" bilden ein weniger energetisches Doppel, das nicht auf dem gleichen Level begeistert wie die restliche Platte. Dafür macht "She is the one" noch einmal viel her, wenn es das detaillierte Porträt einer Eigenbrötlerin mit der besten Hook des Albums umrahmt. Textlich eindringlich und eigensinnig bleibt es im Closer "That last day". Ohne Refrain, dafür mit hypnotisch-minimalistischen Strophen und einem kurzen Noise-Anfall erzählt Fletcher ergreifend von einem Abschied, ohne die Trauer zur Depression umzustülpen: "At the memorial, we recalled / So many funny stories / We knew you'd have laughed along as well / And that made things better." Der letzte und eigentlich gar nicht mehr notwendige Beweis, dass die Indie-Pop-Welt ohne Heavenly ein gutes Stück ärmer wäre.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Portland Town
  • A different beat
  • She is the one

Tracklist

  1. Scene stealing
  2. Portland Town
  3. Press return
  4. Skep Wax
  5. Deflicted
  6. Excuse me
  7. A different beat
  8. Good times
  9. The neverseen
  10. She is the one
  11. That last day
Gesamtspielzeit: 40:31 min

Im Forum kommentieren

Armin

2026-04-01 21:07:09- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

2026-03-12 20:01:22

Platten vor Gericht

https://plattenvorgericht.blogspot.com/2026/03/heavenly-highway-to-heavenly.html?m=1

VelvetCell

2026-03-04 07:58:52

Sympathisch und zuckersüß. Ich lieb's!

dogs on tape

2026-03-04 07:18:17

So schön die ganzen Bands mit Amelia Fletcher waren und sind. Heavenly gefällt mir dann doch immer ein bisschen mehr. Einfach der Inbegriff des Indiepops. Hierzulande natürlich sträflich vernachlässigt, also wohl auch keine Livetermine, zumal Cologne Popfest auch nicht stattfindet dieses Jahr ;-(

novemberfliehen

2026-03-02 21:02:35

Platte ist leider erst heute aus UK angekommen und über Spotify/Kopfhörer wollte ich es über das Wochenende nicht hören. Bill Callahan funktionierte bei dem Wetter hingegen ganz gut.

Bedauerlicherweise keine Rezension, der Slot wurde wohl zugunsten von Reichweite verwendet.

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