Anjimile - You're free to go
4AD / Beggars / IndigoVÖ: 13.03.2026
Unfassbar unantastbar
Würde ist ein großes Wort, das manche gedankenlos in den Raum werfen, ohne sich dessen Bedeutung wirklich ins Bewusstsein zu rufen. Würde haben wir von Geburt an, sie ist unser Recht. Unsere eigene definieren wir aber auch immer wieder für uns selbst. Und nicht zuletzt können wir sie von außen auch in Personen, aber auch Dingen, Ämtern, Institutionen sehen. Gerade in der Spiritualität spielt Würde ebenfalls eine große Rolle. Und eine große Rolle spielt Spiritualität wiederum für Anjimile Chithambo aus Boston. Als schwarze, queere, non-binäre Person wurde Anjimiles Würde sicher leider öfter in Frage gestellt als bei einem Großteil der Menschen auf der Welt. Deshalb ist es besonders beeindruckend, wie würdevoll Musik von Anjimile klingt.
"You're free to go" schließt da an, wo "Album der Woche"-Vorgänger "The king" erforschte, was es bedeutet, als Mensch mit der Ethnie und Sexualität von Anjimile in einer Gesellschaft zu existieren, die sich in vielen Aspekten zurückzuentwickeln scheint. Dazu gehörte auch die Beschäftigung mit Gewalt, die aber nie zu stumpfen musikalischen Schlägen verkam. Anjimiles Musik ist sanft, feingeistig und warm. Da ist die Gesangsstimme, die hell und tief sein kann und zwischen flirrenden Gitarrenmelodien als Ruhepol dient. Da sind Erforschungen von nicht-monogamen Beziehungen, die zum Beispiel im Opener "You're free to go" eine Rolle spielen. Und da ist viel Sehnsucht, wenn Anjimile über "Rust & wire" mit seinen Ebenen aus Saiten, Tasten und beruhigenden Drums wiederkehrende Liebe beschreibt. Und da ist auch viel positive Energie im relativ geradlinigen Indie-Pop-Rock-Doppelschlag aus "Waits for me" und "Like you really mean it" und direkte Auseinandersetzung mit der sexuellen Identität, die gar mit einem Pinocchio-Vergleich spielt: "When I was a little girl / I wanted to be free / When I was a little boy / I wanted to be real." Wo Anjimile immer wieder die Kraft findet, so viel Wärme auszustrahlen, ist ein Wunder.
Anjimile scheut sich aber auch nicht davor, fordernder zu sein, wenn in "Point of view" Pianomelodie und Streicher Disharmonien zulassen und am Ende mehrere Spuren mit sich selbst ins Streitgespräch gehen. Oder wenn "Turning away" am Ende einer Zeile tonal ganz tief in den Keller geht: "I've been speaking French / I don't talk so well." Das verkommt auf "You're free to go" aber nie zum Gimmick, sondern passt immer perfekt. In "Exquisite skeleton" erkennt Anjimile auch die eigene Rolle in Familienstreits an, bevor die Bitte folgt, nicht alleingelassen zu werden: "I don't wanna be a son of a bitch to you."
Alles auf "You're free to go" ist immer das kleine bisschen cleverer und weiter, als man erwartet. Dabei ist es nicht mehr ganz so opulent wie das schon vom Titel viel größer gedachte "The king", aber zu jedem Zeitpunkt ähnlich beeindruckend. Während hinter dem Pult Brad Cook (Waxahatchee, Hurray For The Riff Raff) produziert hat, bekommt Anjimile in "Destroying you" auch am Mikrofon Unterstützung – von keinem geringeren als Sam Beam von Iron & Wine. So wird entgegen des destruktiven Titels alles noch ein bisschen wärmer und heller. Und bringt noch einmal vortrefflich auf den Punkt, warum es nicht überrascht, wenn man das große Wort Würde mit der Musik von Anjimile in Verbindung bringt.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Rust & wire
- Waits for me
- Like you really mean it
- Point of view
Tracklist
- You’re free to go
- Rust & wire
- Waits for me
- Like you really mean it
- Turning away
- Exquisite skeleton
- The store
- Ready or not
- Point of view
- Afarin
- Destroying you
- Enough
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zebruin
2026-04-15 11:29:19
Point Of View = Silverchair in ihrer großartigen späteren Phase
myx
2026-03-18 23:36:34
"Rust & Wire" völlig zurecht bei den Highlights, übrigens, da kommt die warme Ausstrahlung des Albums besonders schön zum Ausdruck, finde ich. Ein ganz bezaubernder Song.
myx
2026-03-18 21:29:07
Und ich will mich herzlich für die schöne Besprechung bedanken! Heimlich habe ich mir natürlich den AdW-Titel erhofft, aber das ist nun doch eine ziemliche Überraschung.
Unangemeldeter
2026-03-18 21:26:39
Das Album lief gerade zum ersten Mal durch und gefällt mir auch sehr gut, interessanterweise deutlich besser als The King, das irgendwie beim ersten Mal reinhören total geknallt hat, aber dann irgendwie keine Songs hatte, die mich länger dran fesseln hätten können.
Armin
2026-03-18 21:07:51- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
"Album der Woche"!
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Referenzen
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