Harry Styles - Kiss all the time. Disco, occasionally.

Columbia / Sony
VÖ: 06.03.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Get innocuous!

Willkommen zur neuen, mittlerweile 97. Ausgabe von "Große Popstars suchen Indie-Credibility". Zuletzt hatten wir erst Dua Lipa zum Thema, die für ihr Album "Radical optimism" die Trip-Hop-Pioniere Massive Attack als Inspiration nannte, ohne dass die – eigentlich sehr gelungenen – Songs irgendeine Spur davon erkennen ließen. Lady Gaga hatte auf "Mayhem" immerhin an ein paar Stellen den Hauch ihrer verehrten Nine Inch Nails in deren poppigen Momenten durchblicken lassen. Und nun versucht uns Harry Styles ein paar dicke Namen um die Ohren zu hauen. Ein Konzert von LCD Soundsystem, so lautete es allerorten in der Promo, sei die Ur-Inspiration für seine vierte Platte mit dem halb originellen und doppelt umständlichen Namen "Kiss all the time. Disco, occasionally." gewesen. Um das Veröffentlichungsdatum herum warf er dann noch ein weiteres Live-Erlebnis in den Ring: In Berlin – wo er unter Pseudonym auch den Marathon in stolzer Zeit absolvierte – hat er Radiohead gesehen. Und natürlich ist das auch irgendwie im Album verarbeitet. Um "High fidelity" zu zitieren: "Oh, that's not obvious enough. How about the Beatles? Or fucking ... fucking Beethoven?"

"Kiss all the time. Disco, occasionally." ist natürlich keinesfalls mit Radiohead zu vergleichen, das Komplexeste am Album ist, dass man den Titel ständig copy-pasten muss. LCD Soundsystem sind deutlich näher dran mit ihrem Elektro-Pop, auch wenn sich Styles im Bereich der Hooks überraschend viel mehr zurücknimmt. Dieses Dutzend Songs funktioniert vor allem als Vibe, was die wirklich gelungene Vorabsingle "Aperture" zementiert, die hier als Opener fungiert. "We belong together / It finally app..." – ähm, Regie, können wir das lassen? Mit den Textzitaten? Ja, es ist super wichtig, irgendwelche Zeilen aufzuführen, damit die User einen Eindruck der lyrischen Seite der Platte bekommen, bla blubb. Einigen wir uns dieses eine Mal darauf: Scheiß auf die Texte. Die interessieren auf einer Harry-Styles-Platte niemanden, schon gar nicht hier, wenn die Songs sowieso dafür gemacht sind, einen unauffälligen, wohligen Klangteppich auszulegen. Also: Die Lyrics sind unauffällig, belanglos, egal – durch die Bank weg. Haken wir das damit ab.

"Aperture" ist kein Hit vom Schlage "As it was", "Watermelon sugar" oder "Sign of the times", hat keinen eingängigen Refrain, aber macht jedes Mal Laune. So funtionieren viele Songs. "Ready, steady, go!" und "Are you listening yet?" behaupten sich nicht nur durch Satzzeichen, sondern auch, weil sie ihre recht repetitiven Refrains mit schierer Sturheit und Kraft reinhämmern, was vom neu gefundenen rhythmischen Fokus unterstützt wird. Der Closer "Clara's song" spiegelt ganz wunderbar den Ansatz des Openers wider, steigert sich hübsch auf die eigene Wolke sieben. Und Herzchen im Auge hat "Kiss all the time. Disco, occasionally." beim emotionalen Höhepunkt "The waiting game", das zwar lustig rumpiepst, aber sonst Melancholie versprüht. Styles flüstert eher, als dass er singt, als wolle er das Stück nicht zerbrechen. Überhaupt: Wer Gesangskapriolen erwartet, findet einen Künstler, der sich mit seinen Fähigkeiten komplett in den Hintergrund zurückzieht. Vocoder tun ihr Übriges, damit das hier niemand als gewöhnliches Vocal-Pop-Album abtut.

Das ist es letztlich auch nicht, denn dafür ist es zu wenig eingängig und frei von Hits. Wenn der Groove nicht packt, landen die Stücke meist auf der Nase, so wie die mäßige Bruno-Mars-meets-Hot-Chip-meets-Valium-Pastiche "Dance no more" oder das direkt danach folgende, balladige "Paint by numbers", das auch nach zahlreichen Durchgängen einfach vorbeizieht, ohne einen Eindruck zu hinterlassen. Auf gewisse Weise ist das schade, denn Styles traut man als Typ eigentlich das nötige Musikinteresse zu, um den Sprung vom Ex-Boyband-Mitglied zum eigenständigen Chamäleon zu schaffen und ein wirklich großes Werk vom Schlage "Life thru a lens" oder "FutureSex/LoveSounds" hinzulegen. Seine zwar guten, aber eben nicht sehr langlebigen Alben halten bei der Erwartung nicht mit und "Kiss all the time. Disco, occasionally." ist vielleicht sogar der schwächste Versuch, etwas Bleibendes zu schaffen. Man kann wenig dagegen sagen, es klingt exzellent, es hat gute Ansätze und Ideen im Sound, aber ein wenig hat Styles das Songwriting oder dessen Beauftragung dieses Mal vernachlässigt. Okay all the time. Good, occasionally.

(Felix Heinecker)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Aperture
  • The waiting game
  • Carla's song

Tracklist

  1. Aperture
  2. American girls
  3. Ready, steady, go!
  4. Are you listening yet?
  5. Taste back
  6. The waiting game
  7. Season 2 weight loss
  8. Coming up roses
  9. Pop
  10. Dance no more
  11. Paint by numbers
  12. Carla's song
Gesamtspielzeit: 42:40 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2026-03-13 11:00:38

Musikexpress 4.5/6

https://www.musikexpress.de/reviews/harry-styles-ist-zurueck-warum-sein-neues-album-zwischen-disco-pop-und-stadion-euphorie-funktioniert/

Francois

2026-03-12 14:40:56

"´Kiss all the time. Disco, occasionally.´ ist natürlich keinesfalls mit Radiohead zu vergleichen, das Komplexeste am Album ist, dass man den Titel ständig copy-pasten muss."

Chapeau übrigens zu dieser mehr als gelungenen Aussage :D

Francois

2026-03-11 14:18:11

die 6/10 hier gehen absolut in Ordnung.
Der Anfang ist sogar richtig gut. Aperture gefällt mir immer noch, American Girls zündet auch von Anfang an. Toll arrangiert, unaufgeregte Popmusik, die Spaß macht, sich aber auch im Hintergrund mehr als gut macht.

Paar seichte Nummern gibts auch, die man skippen kann. Diesen Disco/Berlin Berghain Bezug höre ich jetzt allerdings nicht wirklich heraus.
"Taste Back" bzw auch "Waiting Game" blieben nach ein paar Durchgängen auch recht positiv in Erinnerung.

oldschool

2026-03-11 07:49:06

unmoralische Angebote sehen anders aus :)
Ich würde die Kohle nehmen - solange ich den Künstler nicht aus tiefer Überzeugung verachte ^^

MickHead

2026-03-10 22:16:08

Sieht fast so aus. Habe aber bis heute kein unmoralisches Angebot bekommen geschweige denn angenommen. Durch meine gute Kinderstube habe ich gelernt, auf eigenen Füßen zu stehen, und dadurch folgerichtig, meine Unbestechlichkeit bis zum jetzigen Zeitpunkt bewaren können. So jetzt muss ich wieder vom hohen Ross runterkommen! ;-)

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