Helicon x Al Lover - Arise

Fuzz Club
VÖ: 13.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Bitte während des Trips nicht mit dem Verstärker sprechen!

Wessen in Liebe zur Musik entbranntes Herz liebt ihn nicht: den Gedanken, wie sich Artists und Produzent gemeinsam im Studio einschließen, um in dunklen Kellern oder hellen Studioräumen ihr Album gemeinsam zu entwickeln. Es ist eine romantische Vorstellung, die tatsächlich zuweilen auch noch so stattfindet. Aber manchmal entstehen die interessantesten Platten nicht aus einer klaren Idee, sondern aus einer langen digitalen Korrespondenz. Dateien wandern über Zeitzonen hinweg, Skizzen werden hin- und hergeschickt, irgendwo zwischen Glasgow und Los Angeles wächst langsam ein gemeinsamer Sound zusammen. Genau so begann auch "Arise", die Kollaboration der Glasgower Psych-Rock-Band Helicon mit dem in Los Angeles ansässigen Produzenten Al Lover – ein Album, das klingt, als hätte jemand eine Manchester-Rave-Platte durch ein Kaleidoskop aus Gitarrenfeedback gejagt.

Schon nach wenigen Augenblicken wird klar, dass hier nicht die klassische Psych-Rock-Schule am Werk ist. Gitarrenwände flirren und überlagern sich, die Gesangsstimmen wurden bewusst verzerrt und tauchen eher als zusätzliche Klangschicht im Mix auf, während immer wieder eine Sitar den psychedelischen Art-Rock-Effekt weiter ausreizt. Die Produktion badet großzügig im Hall, wodurch die Songs weniger wie klar umrissene Stücke wirken, sondern eher wie akustische Gefüge, in denen sich die Klangschichten über- und umeinander lagern. Dabei treffen zwei ästhetische Linien aufeinander: Helicons weitläufige Psychedelia und Al Lovers Vorliebe für rhythmisch geerdete, elektronisch angehauchte Loop-Strukturen. Das Ergebnis hat stellenweise den federnden Drive des frühen The-Charlatans-Kosmos und erinnert damit an die euphorische Schnittstelle von Indie-Rock und Rave, bleibt gleichzeitig aber tief im Neo-Psych der 2020er-Jahre verwurzelt.

Produziert wurde das Ganze von Tony Doogan – bekannt durch Arbeiten für Mogwai oder The Jesus And Mary Chain – und entsprechend dicht wirkt das Klangbild. Da wundert es nicht, wenn stilistisch Assoziationen mit großen Bands wie A Place To Bury Strangers oder dem Shoegaze der alten Tage aufkommen. All das unter einem psychedelischen Gewölbe aus Gitarren. Die Entstehungsgeschichte passt zum Sound: Rund 20 Demos wurden zunächst transatlantisch hin- und hergeschickt, bevor die Stücke im Glasgower Studio endgültig Gestalt annahmen. Dabei ist "Arise" nicht nur Klangtrip, sondern auch programmatischer Titel. Sänger John-Paul Hughes versteht das Album als Gegenentwurf zu einer Kultur des aggressiven Individualismus. Entsprechend schwingt in der Musik eine Art kollektive Aufbruchsstimmung mit – nicht im plakativen Sinn, sondern eher als Gefühl, dass sich diese Songs nach oben schrauben wollen, hinaus aus dem Lärm der Gegenwart. Das funktioniert besonders dann gut, wenn sich die Band ganz dem Sog hingibt, wenn Gitarren, Elektronik und Hall ineinander übergehen und der Song eher zu einer tranceartigen Bewegung wird. Wer sich beim Erklingen des Gitarrenriffs bei "Backbreaker" nicht an Dick Dales "Pulp fiction"-Titelthema "Misirlou" erinnert fühlt, ist kein Kind der 90er. Da ist es nur stimmig, wenn das anschließende "Tabula rasa" in der Klimax alles auspackt, was die Gitarren-Pedals hergeben – hier wird in der Tat reiner Tisch gemacht. Und bevor hier noch jemand "more cowbell!" ruft: Auch dafür ist in "We don't belong" gesorgt.

Bevor sich "Arise" in seiner eigenen Klangpracht verliert und die maximale Dichte ausgeschöpft ist, die dem Album seine Wucht verleiht, endet es nach neun Songs – mit einem Gastauftritt von Belle & Sebastians Chris Geddes, der in "Goodbye cool world" Klavier spielt. Psychedelia war schließlich nie die Kunst der klaren Linien, sondern der Möglichkeiten. Und genau diese erschafft "Arise": ein Album, das sich weniger für Retro-Nostalgie interessiert als für die Frage, wie weit sich dieses Genre noch erweitern lässt. Die Antwort von Helicon und Al Lover lautet: ziemlich weit – solange man den Mut hat, den Verstärker noch ein Stück weiter aufzudrehen.

(Jasmin Klemm)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Backbreaker
  • Tabula rasa
  • We don't belong

Tracklist

  1. Arise
  2. Backbreaker
  3. Tabula rasa
  4. Not a thought
  5. It won't stop
  6. Adjust the dosage
  7. We don't belong
  8. Midnight mass
  9. Goodbye cool world
Gesamtspielzeit: 40:26 min

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Armin

2026-03-10 21:00:26- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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