Morrissey - Make-up is a lie

Sire / Warner
VÖ: 06.03.2026
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Der seltsame Fall des Steven Patrick Morrissey

Juni 1986: Mit ihrem dritten Album "The Queen is dead" erreichen The Smiths ihren künstlerischen Zenit, setzen musikalisch und textlich die ewige Benchmark für kommende Indie-Acts. Der 27-jährige Steven Patrick Morrissey glänzt inmitten eines zeitlosen Lo-Fi-Sounds als frühvollendeter Lyriker, etwa im Titeltrack, in dem er sich in die Rolle eines bewaffneten Eindringlings in den Buckingham Palace imaginiert. So provokant und unverschämt der Text auch gerät, bleibt er in all seiner Eloquenz und Süffisanz doch selbstironisch und doppelbödig. Etwa, wenn Mozzer der Monarchin, die sich spöttisch über seine Gesangsqualitäten äußert, "That's nothing, you should hear me play piano" entgegnet. Zumal man ja ohnehin unterscheiden müsse zwischen dem lyrischen Ich und der Privatperson Morrissey.

Cut, Februar 2026: Kein Mensch unterscheidet mehr zwischen der Privatperson Morrissey und dem lyrischen Ich in dessen Texten. Dennoch bleibt große mediale Empörung über "Notre-Dame", den zweiten Vorboten von "Make-up is a lie", aus. Zu sehr manövrierte sich das ewige Enfant terrible in den vorangegangenen Jahren mit politischen Äußerungen ins Abseits, als dass noch irgendjemand überrascht sein könnte über einen Song, in dem der Großbrand in der weltberühmten Pariser Kathedrale indirekt, aber unmissverständlich als Anschlag dargestellt wird, dessen Hintergründe vertuscht worden seien: "Before investigations / They said 'There's nothing to see here!'" Zu in die Achtzigerjahre verweisenden Rumpel-Synthies lädt Mozzer in die Dark-Wave-Disco und bläst zum Kulturkampf: "Notre-Dame, we know who tried to kill you." Von der einstigen Selbstironie und Doppelbödigkeit ist nichts geblieben, auch die einstige Eloquenz und Süffisanz bleibt auf der Strecke.

Für diejenigen, die befürchteten, auf "Notre-Dame" würden in dieselbe Richtung zielende politische Lyrics folgen, gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute: Morrisseys vierzehntes Album ist nicht politischer als die dreizehn vor ihm, auf die zweite Vorabauskopplung folgt kein einziger im engeren Sinn politischer Song. Die schlechte: Der Großteil der elf weiteren Tracks übertrifft die textliche Qualität von "Notre-Dame" bestenfalls geringfügig. Dabei schürte der Titeltrack als erster Vorbote durchaus Hoffnung. "Make-up is a lie" wartet mit einer Referenz auf den Grabstein Oscar Wildes auf und bleibt angenehm interpretationsbedürftig – nicht zuletzt, weil sich das lyrische Du auch als personifizierte französische Hauptstadt lesen lässt. Eine ähnliche Interpretationsbedürftigkeit hätte man sich von den anderen Tracks gewünscht. In denen aber versucht das lyrische Ich, einem eine Welt zu erklären, die es längst nicht mehr ertragen kann. Sinnbildlich dafür die das Album eröffnenden Zeilen: "I wanna move away from those who stare at screens all day."

Rein musikalisch begeistert Morrisseys vierzehnte LP zwar nicht, macht aber einiges besser als zuletzt "I am not a dog on a chain" oder die blutleere Coversammlung "California son". Juan Galeano setzt auf recht offensive Synthie- und Keyboardsounds, während Gitarrist Jesse Tobias verstärkt auf die Robert Smith nicht unbekannte Trias aus Reverb, Delay und Chorus zurückgreift. In anderen Worten: Man schielt vier Jahrzehnte in die Vergangenheit. Was, ob gewollt oder nicht, selbstverständlich wie die Faust aufs Auge zur, sehr vorsichtig formuliert, Retroorientiertheit Morrisseys passt. Dass das Roxy-Music-Cover "Amazona" scheitert, liegt weder am durchaus mutigen Wirken von Stammproduzent Joe Chiccarelli noch am nach zwei Minuten einsetzenden Gitarrenfeedback-Gewitter, das klingt, als habe man Neil Youngs verrücktes Gestüt in den Studios de La Fabrique in Saint-Rémy-de-Provence losgelassen. Sondern daran, dass Morrissey nicht Bryan Ferry ist. Umso mehr glücken ihm die Vocals in der finsteren Ballade "Many icebergs ago". Die Verbeugung vor dem funkigen Sophisticated Pop der Achtziger gelingt in "The night pop dropped" am besten, sowohl die Rhythmusfraktion als auch Keyboarder Tobias leisten hervorragende Arbeit. Auch die sich ausnahmsweise stimmig einfügende Hook überzeugt: "So sad for me, for us / So sad for the universe."

Ansonsten tut Morrissey im Mittelteil des Albums viel dafür, einen zum kopfschüttelnden Weghören zu verleiten: "Heachache" wurde nicht nur aufgrund seiner "Lalala"-Lastigkeit passend betitelt. "Boulevard" wiederum beginnt mit einem düsteren Streicherintro, ehe der Meister sich äußerst empathisch croonend in den Bürgersteig einfühlt: "Birds shit, schoolboys spit / Right at you. I know how you feel." Jeder Versuch einer wohlwollenden Lesart, mit dem "Boulevard" könne auch die Regenbogenpresse gemeint sein, scheitert. Er meint wirklich ausschließlich den Bürgersteig. In die Riege der Kinderliedermacher reiht Mozzer sich dann mit "Zoom Zoom the little boy" ein, einem leicht psychedelischen Gute-Laune-Track über einen jungen Tierfreund. Am Ende dieses musikalisch gelungenen, aber lyrisch indiskutablen Ausflugs imitiert der Wahlkalifornier offensichtlich Löwengebrüll. Und klingt dabei, als sei ihm das alles selbst ein bisschen peinlich.

Der Mann, der im Alter von 27 Jahren lyrisch formvollendete Songs wie "The Queen is dead" und "Cemetery gates" veröffentlichte, singt 40 Jahre später in geradezu infantilen Worten über eine Verschwörungstheorie und auf den geliebten Trottoir kackende Vögel. Angesichts dieser merkwürdigen Entwicklung würde man dem Benjamin Button des Pop gerne eine Frage stellen. Und nein, nicht auf empörte, nicht auf hämische, sondern auf interessierte Art, weil man selbst irritiert ist: "Meinen Sie das eigentlich ernst?"

(Dennis Rieger)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Make-up is a lie
  • The night pop dropped
  • Many icebergs ago

Tracklist

  1. You're right, it's time
  2. Make-up is a lie
  3. Notre-Dame
  4. Amazona
  5. Headache
  6. Boulevard
  7. Zoom Zoom the little boy
  8. The night pop dropped
  9. Kerching kerching
  10. Lester Bangs
  11. Many icebergs ago
  12. The monsters of Pig Alley
Gesamtspielzeit: 47:42 min

Im Forum kommentieren

oldschool

2026-03-11 11:15:15

hmmm....vielleicht hofft er doch noch, das komplette Album irgendwie unter die Leute bringen zu können.....

The Libertine

2026-03-11 10:08:07

@oldscool. Das Stück gibt es bei Spotify als Stand Alone Single

Talibunny2

2026-03-10 22:05:46


Definitiv auf der Habenseite stehen:

"The Monsters of Pig Alley"
"The Night Pop Dropped"
"You're right, it's time"

oldschool

2026-03-10 19:56:52

okaaaay.....dann wundert es mich, dass er das Album nicht veröffentlichen will. Und weiterhin so tönt, als wolle er und kann nicht....

Deaf

2026-03-10 14:53:16

Die Rechte hat er offenbar längst wieder. Siehe auch hier:

https://en.wikipedia.org/wiki/Bonfire_of_Teenagers

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