Gorillaz - The mountain

Kong / SPV
VÖ: 27.02.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Indian summer

Menschen sterben überall auf der Welt. Was sich von Kulturkreis zu Kulturkreis unterscheidet, ist der Umgang damit. Im Hinduismus wird der Tod nicht als Ende begriffen, sondern als Übergang der Seele in einen neuen Körper. Ein Gedanke, der Damon Albarn und Jamie Hewlett Trost spendete, als beide Gorillaz-Köpfe innerhalb von nur zehn Tagen Abstand ihre jeweiligen Väter betrauern mussten. Während zwei schon vor diesen Ereignissen geplanten Indien-Trips verstreute Albarn nicht nur die Asche seines Vaters im Ganges, sondern konzipierte auch ein Gorillaz-Album, das dem Tod als Leitmotiv ebenso Rechnung trägt wie dem Entstehungsort. "The mountain" versammelt eine Reihe indischer Musiker*innen neben verstorbenen Weggefährten, die durch Archivaufnahmen posthume Würdigung erfahren. Durch ihre Manifestation als virtuelle Band boten Gorillaz Albarn schon immer eine Spielwiese, auf der er mit allen (un)möglichen Kollaborateur*innen Genre- und Ländergrenzen sprengte – doch erreichte das Projekt immer dann die höchsten Höhen, wenn ein thematischer Überbau die losen Fäden zusammenführte. "The mountain" knüpft genau hieran an und präsentiert sich als beste Gorillaz-Platte seit "Plastic beach".

So offenbart sich unter den 15 Songs, deren Tracklist jegliche Darstellungsmöglichkeit überfordert, ein emotionaler Kern vor allem dann, wenn Albarn mit einfachen Worten dem Unsagbaren begegnet. "You know, the hardest thing / Is to say goodbye / To someone you love", lautet das simple Mantra von "Orange County" – einem leicht an "On melancholy hill" erinnernden Ohrwurm mit unbeschwertem Gepfeife, einer Hook von Folk-Musikerin Kara Jackson und einem eigenen Intro namens "The hardest thing", das Afrobeat-Legende Tony Allen einleitet. "I don't know anything / That feels like this / No, I don't know anything / That hits like this", singt Albarn später in "Casablanca", ehe "The sweet prince" ein herzzerreißendes Abschiedslied für den Papa am Sterbebett formuliert. Die hier besungene Reise ins nächste Leben vertont der eröffnende Titeltrack ohne Worte, indem er eine feierliche Kulisse aus Sitar (gespielt von Ravi Shankars Tochter Anoushka), Bansuri (eine Art Flöte) und Sarod (eine Langhalslaute) aufspannt – bevor sich Dennis Hoppers Stimme materialisiert und die gleißend helle Pforte ganz aufreißt.

Geister bevölkern "The mountain" an jeder Ecke, und doch sprudelt das Album voller Leben. In keinem anderen Stück wird dieser Kontrast so inspiriert ausgeschöpft wie im grandiosen "The manifesto". Der argentinische Rapper Trueno fackelt den von Tabla-Trommeln und anderen indischen Instrumenten gestalteten Beat ab, doch dann ziehen plötzlich dunkle Wolken auf. Von ominösen Bläsern begleitet hören wir einen Freestyle des Detroiter Rappers Proof, den dieser 2001 mit Albarn aufnahm und in dem er seine eigene Ermordung fünf Jahre später vorauszuahnen scheint – bis Trueno den Song wieder an sich reißt und den Trauermarsch zur Parade umformt. Einen größeren Abriss veranstaltet nur der Über-Banger "Damascus", in dem Dabke-Meister Omar Souleyman und Yasiin Bey – ehemals bekannt als Mos Def – den Disco-Bogen zwischen Syrien und New York spannen.

Inhaltlich haben Gorillaz allerdings nicht nur die Toten im Blick, sondern auch das, was in der gefühlt täglich beschissener werdenden Welt der Lebenden vor sich geht. Der von Idles-Sänger Joe Talbot dominierte Reggae-Art-Pop von "The god of lying" markiert dabei einen Ausreißer, da er relativ ernst von Sucht, Selbstverachtung und gesellschaftlichem Verfall erzählt und das Kernthema des Albums in Frage zu stellen scheint: "Are you dying for an answer for what they call good grief? / But there's a terrific chance there's nothing, beyond what you believe." Passender zum Vibe der Platte ist "The happy dictator": Mit seinem wavigen Synth-Puls und der zugänglichen Exzentrik würde der Song wunderbar ins Œuvre von Sparks passen, die hier unter anderem mit sarkastischen "Oh, what a happy land we live in"-Zwischenrufen mitwirken. Bekloppter wird's nur in "Delirium", das Überbleibsel von Mark E. Smiths "Glitter freeze"-Aufnahmen – inklusive des manischen Lachens – zur von Disco-Streichern untergrabenen Hook ummünzt.

Generell beeindruckt es wieder, wie Gorillaz die Stärken ihrer so unterschiedlichen Features ausspielen und sie auf oft kuriose Weise zusammenbringen. Wer schon immer wissen wollte, wie die 92-jährige Bollywood-Ikone Asha Bhosle und Super-Furry-Animals-Kopf Gruff Rhys in einer Elektro-Pop-Ballade klingen würden, bekommt mit "The shadowy light" die Antwort darauf. Eine konstante Präsenz auf dem Album haben Anoushka Shankar und Johnny Marr, deren jeweilige Saiteninstrumente sich besonders in "The plastic guru" umeinanderschlingen. Ebenfalls gleich dreimal tritt The-Roots-MC Black Thought auf. Erst platzt er im frühen Highlight "The moon cave" in die funkige Party, um mit De La Souls Dave Jolicoeur Call-and-response ins Jenseits zu spielen, dann treibt er das entspannte "The empty dream machine" zum dramatischen Höhepunkt. Auch im abschließenden Synth-Walzer "The sad god" gibt er sich die Ehre. "I gave you atoms / You built a bomb", singt Albarn aus der Sicht einer von der Menschheit enttäuschten Gottheit, bevor Ajay Prasannas Bansuri das Motiv des Openers wieder aufgreift. Das Ende wird zum Neuanfang: in vielen Fällen ein esoterisches Klischee, bei "The mountain" ein würdiger Rahmenschluss für eine faszinierende, der Vergänglichkeit mit sommerlicher Leichtigkeit begegnenden Platte.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • The moon cave (feat. Asha Puthli, Bobby Womack, Dave Jolicoeur, Jalen Ngonda & Black Thought)
  • The happy dictator (feat. Sparks)
  • The manifesto (feat. Trueno & Proof)
  • Damascus (feat. Omar Souleyman & Yasiin Bey)
  • The sad god (feat. Black Thought, Ajay Prasanna & Anoushka Shankar)

Tracklist

  1. The mountain (feat. Dennis Hopper, Ajay Prasanna, Anoushka Shankar, Amaan Ali Bangash & Ayaan Ali Bangash)
  2. The moon cave (feat. Asha Puthli, Bobby Womack, Dave Jolicoeur, Jalen Ngonda & Black Thought)
  3. The happy dictator (feat. Sparks)
  4. The hardest thing (feat. Tony Allen)
  5. Orange County (feat. Bizarrap, Kara Jackson & Anoushka Shankar)
  6. The god of lying (feat. Idles)
  7. The empty dream machine (feat. Black Thought, Johnny Marr & Anoushka Shankar)
  8. The manifesto (feat. Trueno & Proof)
  9. The plastic guru (feat. Johnny Marr & Anoushka Shankar)
  10. Delirium (feat. Mark E. Smith)
  11. Damascus (feat. Omar Souleyman & Yasiin Bey)
  12. The shadowy light (feat. Asha Bhosle, Gruff Rhys, Ajay Prasanna, Amaan Ali Bangash & Ayaan Ali Bangash)
  13. Casablanca (feat. Paul Simonon & Johnny Marr)
  14. The sweet prince (feat. Ajay Prasanna, Johnny Marr & Anoushka Shankar)
  15. The sad god (feat. Black Thought, Ajay Prasanna & Anoushka Shankar)
Gesamtspielzeit: 66:22 min

Im Forum kommentieren

fuzzmyass

2026-03-30 23:00:22

Schönes Interview mit Zane Lowe inkl. gemeinsamen Rundgang durch die tolle House Of Kong Ausstellung:

https://m.youtube.com/watch?v=D-bLmUgRYGI&pp=0gcJCdkKAYcqIYzv

Loketrourak

2026-03-29 14:47:50

Tolle Platte. Albarn kann die Gorillaz bald mit Africa Express zusammen legen, bei den ganzen World - features.

Hierkannmanparken

2026-03-28 10:22:12

Lediglich das letzte Viertel mit den vier langsameren Stücken zieht sich.

Hierkannmanparken

2026-03-27 16:27:54

Der Titelsong, Delirium mit Mark E. Smith, alles mit Black Thought, dazu das tolle Artwork. Meine Pladde ist heute eingetroffen. Das Album zu hören ist einfach ein Fest. Es ist durch das Konzept auch wirklich mehr als die Summe seiner Teile.

jayfkay

2026-03-25 14:45:03

the hardest thing ist für mich bisher das highlight.
der titelsong ist auch toll.

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