Deadletter - Existence is bliss
So / BelieveVÖ: 27.02.2026
Zac im Glück
Dass die Existenz an sich mit Glückseligkeit oder auch Wonne gleichzusetzen ist, das gilt sicherlich nicht unumwunden für jeden Menschen und jeden Moment im Leben. Man könnte sich aber darauf einigen, dass das zweite Album von Deadletter glückselig macht. Nachdem der Erstling "Hysterical strength" zwar schon hier und da verdiente Achtungserfolge einfuhr, kommt "Existence is bliss" noch einmal merklich gereifter, ausbuchstabierter und auch abwechslungsreicher daher. Gleich zu Beginn, in den ersten Takten von "Purity I", grüßen erst einmal Pink Floyd und King Crimson: perkussives Sequencer-Stakkato mit Synthiegewaber, später die eiskalte Stimme von Zac Lawrence, irgendwo zwischen Peter Murphy und Ian Curtis – und dann wird es plötzlich poppig: Wir hören Achtziger-Synthpop-Anleihen à la Icehouse, und im ersten richtigen Refrain stampft die Band plötzlich wütend voran wie Archive in ihren besten Momenten. Nicht übel, wie schon der Opener diverse Klangwelten eröffnet.
Und es geht weiter: "To the brim" kommt mit Mellotron-Querflöten und raffiniert eingeflogenem Saxofon fast Folk-artig daher – um sich dann langsam zu einer echten Breitseite mit irren Gitarreneffekten und messerscharfem Schlagzeugspiel aufzuschwingen. Hier gelingen immer wieder mitreißende Wechsel aus schroffen Passagen und ätherischen Einsprengseln; mehr als einmal muss man an Alt-J denken, welche die Band ja auch offiziell als Einfluss nennt. "Songless bird" schleicht zu Beginn ratlos umher wie eine nächtliche Litanei von Bohren & Der Club Of Gore, um aber schon nach wenigen Takten mit chaotischen Gitarren zu verwirren, die von präzisen Drums à la Interpol kunstvoll zusammengehalten werden. Bei "It comes creeping" wiederum fühlt man sich in bekifft-selige Gong-Zeiten zurückversetzt: chaotisch furzendes und jubilierendes Saxfhon mit reichlich Delay – dann wird es jedoch plötzlich auf eine angenehm stumpfe Art tanzbar. Ja, das hier ist Indie-Disco in Reinkultur. Schmeißt die Nebelmaschine an! Sind Freunde des U2-Frühwerks anwesend? Hereinspaziert, denn bei "Among us" könnte auch The Edge die Gitarre bedient haben – und der Rausschmeißer "Meanwhile in a parallel" weckt gerade zu Beginn allerbeste Erinnerungen an den vielleicht unterschätztesten Song der Dubliner Band: "Love comes tumbling".
Man könnte genau genommen jeden Song ausführlich beschreiben, denn "Existence is bliss" leistet sich keinen echten Ausfall. Man sollte angesichts der zahlreichen genannten Referenzen jedoch nicht dem Irrglauben verfallen, dass Deadletter einfach nur geschickt "das Beste aus allen Welten" geklaut und zusammenmontiert haben. Nein, "Existence is bliss" zeigt sich ausgesprochen eigenständig, denn hier werden verschrobene, herausfordernde und zuweilen auch anstrengende Momente geradezu perfekt mit gefälligen und tanzbaren austariert. Dazu trägt neben dem wandlungsfähigen Organ von Zac Lawrence – er kann auch wie David Byrne klingen, wenn er will – auch die sehr vielfältige Instrumentierung bei: Neben Gitarre, Bass und akustischen Drums finden sich ausgeklügelte Sequencer-Spuren, ungewöhnliche Synthie-Einsätze und sachdienliche Farbtupfer von Blasinstrumenten. Das hier ist eine echte musikalische Wundertüte, die trotz ihrer zahlreichen Effekte und Überraschungsmomente nie überladen oder "overacted" wirkt, sondern stets stringent, gekonnt, stilsicher. Eins steht fest: Wenn die sechsköpfige Band aus Südwest-London dieses Qualitätslevel auch weiterhin hält, darf man sie getrost als das nächste große Ding bezeichnen. Sehr, sehr stark.
Highlights & Tracklist
Highlights
- To the brim
- It comes creeping
- Among us
- Focal point
- Meanwhile in a parallel
Tracklist
- Purity I
- To the brim
- Songless bird
- It comes creeping
- What the world missed
- Cheers!
- Among us
- Focal point
- (Back to) The scene of the crime
- Frosted glass
- He, himself and him
- Meanwhile in a parallel
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saihttam
2026-03-13 00:25:23
Spannender Sound mit dem Saxophon! Oft sehr stimmig eingebunden, manchmal aber auch sehr penetrant im Vordergrund. Ähnlich geht es mir mit dem Gesang. Der Vergleich zu Bambara passt diesbezüglich sehr gut. Da hatte ich auch schon meine Probleme damit. Daher für mich bisher sehr wechselhaft in seiner Wirkung. Einzelne Songs wie zum Beispiel Focal Point nehmen mich sehr gefangen, andere lassen mich eher kalt. Mal schauen, wie oft es mich zu diesem Album zurückzieht.
foe
2026-03-04 21:17:36
Zweite Albumhälfte scheint etwas "abzufallen", die erste gefiel mir auf Anhieb besser. Geb dem Ganzen selbstverständlich aber noch ein paar Hördurchgänge.
dogs on tape
2026-03-04 20:37:35
Die beiden Alben kommen für mich nicht an die Livequalitäten der Band heran und auch die ersten EPs mag ich immer noch lieber
So ne solide 7/10
Enrico Palazzo
2026-03-04 12:11:03
Sehr gute Platte! Bezüglich des Vergleichs mit Bambara, dessen letzte Platte mich nicht so begeistern konnte: Bambara scheint/schien mir ein one trick pony zu sein, für mich hatte sich das letzte Album nach 2, 3 Songs erledigt. Aber diese hier ist vor allem auch durch die Art, wie das Saxophon eingebunden ist, sehr dynamisch geraten. Mir gefallen insbesondere die lauteren, schnelleren Songs.
Mal sehen, ob die Platte übers Jahr Bestand hat.
noise
2026-03-03 12:29:17
Interessantes und gutes Album. Es wurde auch schön das Saxophon eingebunden. Habe nur etwas Schwierigkeiten mit der Stimme und der Art des Gesanges.
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