Fjørt - Belle époque

Grand Hotel van Cleef / Indigo
VÖ: 20.02.2026
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Versuchst Du noch, Nein zu sagen?

Wenigstens eine Minute hätten die Aachener von Fjørt den Zuhörer*innen vorgaukeln können, dass es vielleicht doch gar nicht so schlimm ist, wie man dauernd hört. Stattdessen brauchen sie knapp so lange, um mit Zeilen wie "Ich fühle das; ab jetzt Kyjiw Mule im Glas / Doch von meiner Betroffenheit wird keiner wieder wach" ihr musikalisches Knie in die fortlaufend mit moralischer Selbstbefriedigung beschäftigten Weichteile der ganzen europäischen Wertegemeinschaft zu rammen. "Messer" hält als Auftakttitel exakt, was der Name verspricht und läutet in Zeiten florierender globaler Militanz nicht weniger als den Post-Pazifismus ein: "Ich sammle die Gewalt, bis sie mich killt." Dass Fjørt bereits zu Beginn ihrer Alben den großen Appell wagen und, um im gewalttätigen Jargon zu bleiben, indes keine Gefangenen nehmen, ist bereits seit ihrem Debüt "D'accord" etabliert und wird nun, im Beginn der von ihnen ausgerufenen "Pechschwarz-Ära", perfektioniert. Binnen vier Minuten ist nicht nur ein beeindruckendes Post-Hardcore-Trommelfeuer über den Äther gegangen, sondern darüber hinaus eine Sprache gefunden für all jene, die eigentlich schlau genug dafür sein müssten, sie zu finden, und dennoch an der Menge von fatalistischen Alltagsmeldungen verstummen. "Hertz" beschreibt diese infantilen Verweigerungsversuche der – ach, so gebildeten – plain white Mittelschichtler, die sich aktuell von marodierenden Menschenattrappen die kulturelle Vorherrschaft stehlen lassen: "Lieblingszeitvertreib, alles kurz und klein / Entertainment braucht eine Prise Leid / Solang ich vergesse, komm ich schon klar / Das jüngste Gericht passt mir nicht gut in den Kram / Für mich lieber nicht!"

Es ist eine fast schon heilige Wut auf das Duckmäusertum der Anständigen und zieht in "'43" die entsprechenden historischen Parallelen, um zeitgleich den wohl zentralen Satz dieses Albums zu liefern: "Weil wir Menschen schaltbar sind." Während "Belle époque" bis zu diesem Zeitpunkt vielleicht nur ein kompetent produziertes, roughes Hardcore-Album mit vergleichsweise üblichen Motiven ist, sind es Punkte wie dieser, die dem Werk eine höhere Bedeutung verleihen. Wo andere sich über einen Mann jenseits des Atlantiks aufregen, sezieren Fjørt die Mechanismen hinter dem vermeidbaren Aufstieg. Wo Menschen in Machtpositionen jahrein, jahraus über Verbotsverfahren für parteigewordenen Abschaum herummäandern, trauen diese sich bei Fjørt nicht einmal mehr vor die eigene Haustür. Und das ist der Subtext hinter diesem düsteren Credo der Schaltbarkeit: Die Möglichkeit zur Agitation ist immer real – und damit auch für eigene Zwecke verfügbar. Sofern man, wie in "Kalie" fast schon symphonisch zum Ausdruck gebracht, rechtzeitig die Zeichen der Zeit erkennt: "Wenn es dann zu spät ist / Hab' ich für Euch Zeit / Wenn es dann zu spät ist / Holen wir nach, hole ich auf ..."

Im Mittelteil des Albums nimmt die Band mit "Mir", "Ær" und "Rott" die Saiteninstrumente etwas mehr in den Hintergrund, was den Titeln jedoch kein bisschen Intensität nimmt; auch, weil sie bisweilen stellvertretend die Täterperspektive einnehmen. Dabei fällt auf, dass diese dann im Gegensatz zu so vielen vergleichbaren Bands eben sehr viel näher an der Realität dargestellt werden: kalt, berechnend, präzise und überhaupt nicht so weit in der Unterzahl, wie man sich selbst in den Schlaf wiegend vor sich hin behauptet. Insbesondere "Rott" zeigt hierbei das Level an Klarheit und Konsequenz, das nach gewisser Zeit aus einfachen Liedern Hymnen bildet: "Für Euch werd' ich niemals / Jesus Maria, in dubio fickt Euch! / Für Euch marschieren. Niemals, Ihr Wichser!" Manchmal kann es eben doch ganz einfach sein.

Genau hier kommen Fjørt bei aller bisherigen Tristesse allerdings erst zu der tatsächlich bittersten Erkenntnis, welche letztlich auch in Selbstaufgabe mündet. Denn diejenigen, die man für eine solche Bewegung um sich scharen müsste, sind bereits anderweitig verloren. Somit, auf dem Weg in eine weitere gesellschaftliche Trümmerwüste, wird die Bühne der großen politischen Zusammenhänge auf diesem Album erstmals auf "Danse" verlassen und rasiert dabei in wenigen Sekunden die gesamte Generation Incel: "2025, we've fucking lost gravity / MGTOW, Proud Boys, Top G, / On demand, bis die Finger qualmen / Spucken, treten, würgen, schlagen, / 10 von 10 in Klassenzimmern / Reddit lässt die Schwänze beben / Umgeben von der Mannosphäre / Doppelt Fleisch in Söderläden / Wünsch' mir die Boondock Saints zum Regulieren." Somit bleibt, an die Worte eines engagierten Politikers angelehnt, die fahle Erkenntnis, lieber nicht zu demonstrieren, als falsch zu demonstrieren. Und damit landen wir zum Abschluss bei "Yin" und "Nacht", welche das eigene Kapitel in diesem so kürzlich ausgerufenen Zeitalter besiegeln: "Wenn Ihr dann weg seid, sink ich wieder tief / Trete die Laternen aus, scary place to be / Da wo wir sind, ist es düster / Leben wie Schlafparalyse / Wenn wir uns trennen, sind wir erledigt / Wir sind der Grund und das Ergebnis."

Mit "Belle époque" erschaffen Fjørt nicht nur ihr eigenes Opus magnum, sondern konservieren Zeitgeschichte. Wenige Alben, schon gar nicht im deutschen Sprachraum, können den Anspruch erheben, das Sentiment ihrer Entstehungszeit so eindeutig, empathisch und dabei roh und kompromisslos auf einen Nenner zu bringen, wie es dieses Album tut. Wetten auf die Zukunft abzuschließen, ist gerade in politisch instabilen Zeiten ein mutiges, vermutlich gar hilfloses Unterfangen. Jedoch – aus jetziger Perspektive ist kein Grund ersichtlich, weshalb dieses Album in fünf, zehn, zwanzig Jahren irgendetwas an seiner Energie, Strahlkraft und Klugheit einbüßen sollte. Außer natürlich, dass wir dann tatsächlich in besseren Zeiten leben und herzlich befreit darüber lachen können, was uns einst nicht schlafen ließ. Doch selbst dann, wenn die Nacht bereits am tiefsten war, wird "Belle époque" das Mahnmal dafür sein, dass kein Frieden überdauert – weil wir Menschen schaltbar bleiben werden.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Messer
  • Kalie
  • Rott
  • Danse
  • Nacht

Tracklist

  1. Messer
  2. Hertz
  3. '43
  4. Kalie
  5. Mir
  6. Ær
  7. Rott
  8. Danse
  9. 22:30
  10. Yin
  11. Nacht
Gesamtspielzeit: 46:08 min

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Robert G. Blume

2026-03-09 21:36:00

Interessanter Fakt zu "Hertz", heute veröffentlicht:

Das irritierende Rattern ist ein Metronom, gestellt auf 1200 bpm. Und es geht zurück auf ein Reel von Rezo, in dem er verdeutlicht hat, was es bedeutet, dass pro Minute 1200 Hühner geschlachtet werden. Jeder Metronomschlag ein ausgelöschtes Hühnerleben. 20 pro Sekunde. Oder 20 Hertz. Daher die Zeile "Sie sterben mit 20 Hertz (...) die Bäuche ein Massengrab."

https://www.instagram.com/p/DVqQZW6DO2E/

ThomZH

2026-02-28 13:22:22

Tour könnte gerne noch nach Zürich verlängert werden….

Oceantoolhead

2026-02-26 18:48:29

„Soll eine*n Hörer*in halt in die Position versetzen, mit so Dummsprech zugeschüttet zu werden, um dann selber in dieses resignierende "Ich und welche Armee?"-Denken zu kommen.“

Genauso interpretiere ich das auch, weswegen ich mich hier an den Lyrics nicht störe.
„Nichts“ vom Vorgänger finde ich klasse - auch den Text. Das Album hatte seine (wenn) lyrisch schwachen Momente bei David (lakk), wenn gleich ich hier „Kolt“ ebenfalls hervorheben möchte der gefällt mir auch vom textlichen gut.

Kontermutter

2026-02-26 15:55:37

Ich hatte bei "22:30" so eine Die Goldenen Zitronen-Assoziation. Ich habe es in der Review nicht detailliert rein genommen (Und auch nicht negativ bewertet), weil es halt in meiner Ansicht eher ein (stimmungsmäßig passendes!) Interlude ist.

"Danse" davor thematisiert ja schon dieses Konzept von "Gedankenmüll", dem sich Leute ausgesetzt sehen und sie ein Stück weit von Empathie befreien – und das ist eben so eine Art Ausläufer davon. Soll eine*n Hörer*in halt in die Position versetzen, mit so Dummsprech zugeschüttet zu werden, um dann selber in dieses resignierende "Ich und welche Armee?"-Denken zu kommen.

Rein musikalisch / als Single wäre das grauenvoll. Aber ich unterstelle eben, dass es so nicht gemeint ist und auf Konzerten so auch nicht inszeniert wird.

Für mich hat die Band hier den Schritt von "Eine Menge thematischer Songs als Kompendium" zu "Ein Album mit tatsächlicher Dramaturgie" geschafft, was für mich, trotz besserer Einzelsongs auf anderen Alben, klar höher zu bewerten ist. Personal preference, though.

Akim

2026-02-26 12:22:01

Bei "nichts" oder "22:30" fühle ich mich irgendwie an Kummer erinnert. Nicht der Grundsound sondern die Aufmachung an sich.

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