Moby - Future quiet
Snowhite / BMGVÖ: 20.02.2026
Ein Klavier, ein Klavier!
Keine Frage: Moby ist ein Typ, dem man ziemlich viel verzeiht. Ein Musiker, der sich Dinge erlaubt, die sich manche anderen Kolleginnen und Kollegen nicht trauen. Vor allem, weil er keinerlei Berührungängste mit dem Einfachen hat. Wo andere sich mit komplexen Kompositionen, irren Harmoniewechseln und abgefahrener Instrumentierung abmühen, wirft Richard Melville Hall gerne mal ein paar geradezu beliebige Akkorde ins Rennen, packt einige wenige verknisterte Vocal-Samples drauf – und baut daraus kackfrech einen Superhit wie 1999 "Why does my heart feel so bad?". Nein, das ganz große kompositorische Rad dreht er häufig gerade nicht. Vielleicht ist er sogar der musikalische Gegenentwurf zu Frank Zappa, schafft aber trotzdem immer wieder Musikstücke, die mitten ins Herz treffen und den seltenen Spagat hinbekommen, Melancholie mit Tanzbarkeit zu verbinden.
Auf "Future quiet" führt Moby dieses Prinzip der Einfachheit allerdings dermaßen konsequent fort, dass es manchmal fast schon ein wenig schmerzt. Ja, er walzt es hier und da geradezu aus. Man sieht schon an den technischen Daten dieses Albums, dass hier einiges ungewöhnlich ist: Fast anderthalb Stunden Spielzeit werden geboten, dafür passiert jedoch insgesamt nicht übermäßig viel. Manches gelingt überragend gut, wie die höchst erfolgreiche "Stranger things"-Nummer "When it's cold, I'd like to die", auf der der kalifornische Sänger Jacob Lusk ungemein berührend singt, während im Hintergrund eigentlich nur ein paar vorhersehbare Akkorde auf dem Synthie gedrückt werden. Trotzdem hat das eine absolut zwingende Atmosphäre, der man sich nicht entziehen kann; ja, es ist die perfekte Musik für diesen nicht enden wollenden Winter, in dem es draußen neblig, grau und verdammt kalt ist. Überhaupt sind alle diejenigen Stücke sehr gelungen, in denen Gastsängerinnen und Gastsänger mit von der Partie sind. Sie setzen humane und hoffnungsvolle Kontrapunkte gegen die nicht selten unterkühlten, synthetischen, schicksalsergebenen Sounds.
Die im Übermaß vorhandenen Instrumentalstücke indes können nicht immer überzeugen. Hauptrolle spielt hier zumeist ein Klavier, manchmal gesellt sich eine Violine dazu ("Tallinn"). Im achteinhalb Minuten langen Schlusstrack "The opposite of fear" beschränkt sich Moby allerdings auf dermaßen sphärische Klangwelten, dass man gelegentlich an ein Demonstrationsvideo für einen neuen Behringer-Synthesizer denkt. Auch bei den Instrumentals gibt es positive Ausnahmen, zum Beispiel das kammermusikalisch-sakrale "Le vide", aber auf lange Sicht ist schlicht und einfach auch die eine oder andere, nun, Länge zu verzeichnen. Es ist natürlich am Ende immer eine Frage der Stimmung, ob das Gebotene funktioniert. Partymusik sieht definitiv anders aus, zum Nebenbeihören taugt "Future quiet" auch überhaupt nicht. Böse Zungen könnten sogar behaupten, dass sich das Album nicht schlecht als Hintergrundberieselung für eine Hypnosesitzung oder Physiotherapiestunde eignete. Aber vielleicht ist das auch einfach eine bösartige Sicht auf ein musikalisches Werk, das sich zumindest eine Sache traut: der Langsamkeit, der Elegie, dem Frost und der Kälte eine Stimme zu geben. Eines steht fest: Wer sich mit diesen Tracks live vor ein Publikum traut (Gigs in unter anderem Dresden und Bonn sind geplant), der scheint es offenbar ernst zu meinen. Und wer weiß: Vielleicht wirkt das im Hochsommer umso abgefahrener. Lassen wir uns also überraschen, es wäre nicht das erste Mal.
Highlights & Tracklist
Highlights
- When it's cold, I'd like to die (feat. Jacob Lusk)
- Estrella del mar (feat. Elise Serenelle)
- On air (feat. Serpentwithfeet)
Tracklist
- When it's cold, I'd like to die (feat. Jacob Lusk)
- This was never meant for us
- Retreat
- Estrella del mar (feat. Elise Serenelle)
- Ruhe
- Mott St 1992
- Precious mind (feat. India Carney)
- Tallinn
- On air (feat. Serpentwithfeet)
- Selene
- La vide
- Great absence
- Mono no aware
- The opposite of fear
Im Forum kommentieren
oldschool
2026-02-20 15:48:49
würde mich aber ehrlich gesagt auch mal interessieren. Also generell.
Du postest ja recht viel über "Ankündigungen neuer Alben" und das finde ich auch gut, da auch Bands dabei sind, die hier sonst etwas "untergehen" würden. (Beispiel Pink turns blue) Du hast auch schon etliches aus dem Post-Punk Bereich bekanntgegeben, was auch an mir ohne deinen Beitrag vorbeigegangen wäre. Fand das Album von "a flock of seagulls" zum Beispiel nicht schlecht. Vermute deshalb, du magst dieses Genre auch ganz gerne.
Dann postest du auch imemr links zu den Reviews der gängigen Musikmagazine. Meist aber nur die, bei denen das Album gut weggekommen ist.
Ich fragte mich dann auch schon öfters " Mag er das Album nun". Will er damit sagen "schaut her, die anderen mögen es - so schlecht kann es nicht sein, wie ihr es findet". Ging mir beim letzten Album von white lies so, das ich ehrlich gesagt ziemlich schlecht fand.
Es wäre schon interessant, wenn du öfters mal deinen Eindruck zu den Alben schreiben würdest, die du hier vorstellst. Sonst hat es den Eindruck einer Dauerwerbesendung.
Nicht falsch verstehen. Ich glaube du hast einen interessanten Musikgeschmack. Doch nicht jedes Album meiner Helden aus den 80ern überzeugt mich, auch wenn ich mich im Vorfeld sehr darauf gefreut habe. Ging mir bei den Chameleons so, einer absoluten Lieblingsband von mir. Album war okay, blieb aber hinter den Erwartungen zurück bei mir. Gerade zu solchen Band (und nicht unbedingt bei Moby) würde mich deine Meinung schon mal interessieren
MickHead
2026-02-20 14:58:29
Also zu Moby bestimmt nicht!
rheiton
2026-02-20 10:03:09
Kannst du auch mal selber irgendwas zu einem Album schreiben???
MickHead
2026-02-20 09:51:09
Komplette Playlist bei YouTube:
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_msUSX8WBwrlUIU5pEsn40RSSqQlVwOpBE&si=mUQPPx-gcGIHgsGH
Musikexpress 4.5/6
https://www.musikexpress.de/reviews/moby-future-quiet/
Rolling Stone 3.5/5
https://www.rollingstone.de/reviews/moby-future-quiet/
Armin
2026-02-14 21:26:46- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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Referenzen
