Altin Gün - Garip

Glitterbeat / Indigo
VÖ: 20.02.2026
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Iki lisan, iki insan.

Eigentlich gehört es sich nicht, in einer Albumrezension zuallererst ausschweifend über einen anderen Interpreten zu sprechen. In diesem Falle hier wäre es aber der noch größere Affront, Neset Ertas bloß in einem Nebensatz zu erwähnen. Ertas' Einfluss und Bedeutung auf die türkische Folklore zu beschreiben, ist ein bisschen so, als müsste man versuchen, türkischen Fußball ohne Metin Oktay zu erklären – mit bloßen Worten eigentlich nicht zu leisten. Um es dennoch in aller möglichen Kürze zu verdeutlichen: Ertas ist seit 2010, somit zwei Jahre vor seinem Tod, Teil des immateriellen UNESCO-Weltkulturerbes. Ja, korrekt – als Einzelperson. Das "Plektrum der Steppe", wie sich sein Spitzname übersetzen und somit auch das Covermotiv erklären lässt, nutzte in seinen oftmals eher implizit politischen, jedoch stets volksnahen Texten "Garip" als zentralen Begriff. Am ehesten lässt sich dieser mit dem englischen "strange" in Beziehung setzen, denn zum einen ist damit eben "seltsam", aber gleichermaßen auch "fremd" und im weiteren Sinne auch "einsam" gemeint. Und unter eben diesem Titel "Garip" schließt sich die Fünfer-Gruppe von Altin Gün zusammen, um mit ihrem sechsten Studioalbum besagtem Neset Ertas mittels zehn Neuinterpretationen aus seinem gigantischen Fundus von dreißig Alben zu huldigen.

Passend zum Kontext der anatolischen Wüstenlandschaft wird der Anadolu-Rock-Kosmos, der Altin Gün fortlaufend soundtechnisch inspiriert hat, mit Arabesque-Streichern und sanft flirrenden Synthesizern unterstützt. In "Gönül dagi" ("Berg des Herzens"), mutmaßlich einem von Ertas' bekanntesten Stücken, gelingt der Band dies mit so viel Hingabe, Ehrfurcht und Bewusstsein über die kulturelle Bedeutung dieser Zeilen, dass man auch als uninformierter Gast angemessen andächtig wird und sich einfach in die Hände der kompetenten Reiseleitung begibt. Altin Gün schaffen den Spagat einer wirklichen Neuinterpretation, indem sie ihren eigenen charakteristischen Klang mit der Essenz des Originals durch sinnvolle Adaptionen modernisieren können, womit sie in genau der Tradition stehen, die Musiker wie Ertas selbst vorgelebt haben. Für Zuhörer*innen ohne diesen Kontext fehlt somit nichts, und für die Eingeweihten stellt sich dadurch auch kein Störgefühl ein. So nah am psychedelischen Grundsound des gefeierten Debüts "On" waren Altin Gün schon seit einigen Alben nicht mehr, allerdings sorgt der beschriebene Ansatz dann doch für einige erforderliche Kompromisse.

Hierfür exemplarisch lässt sich die Abfolge der Titel ab dem Instrumental "Benim yarim" ("Meine (bessere) Hälfte", respektive "Mein/e Liebste/r") nennen. Im Wissen darüber, welche Haken Altin Gün musikalisch zu schlagen in der Lage sind, wirken diese Titel fast schon konservativ. Erst "Zülüf dökülmüs yüze" ("Die Strähne fällt aufs Gesicht") kehrt diesen Trend ausgerechnet mit dem wahrscheinlich schwermütigsten Originaltitel um, weil die Band hier auch wieder mit einer größeren Varianz von Verzerrer-Effekten auf den Saiteninstrumenten arbeitet und damit den Rest des Albums auch solide abrundet. Zusammengefasst ist die herausfordernde Aufgabe, die sich Altin Gün mit diesem Album gestellt haben, sehr stilsicher gelungen. Da die Band schon zuvor eigene Versionen bekannterer Titel untergebracht hat, wird das Fans nun auch nicht großartig aus dem Konzept bringen – zumal ja wie beschrieben deutlich erkennbarer Eigenanteil enthalten ist. Dennoch kommt man bei aller Qualität irgendwie nicht um den Gedanken herum, wie ein Album ohne dieses selbstgewählte Korsett wohl geklungen hätte, da hier insbesondere instrumental mehr Mut möglich gewesen zu sein scheint.

(Gerrit Phil Abel)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Neredesin sen
  • Gönül dagi
  • Zülüf dökülmüs yüze

Tracklist

  1. Neredesin sen
  2. Gönül dagi
  3. Öldürme beni
  4. Nigde baglari
  5. Benim yarim
  6. Suçum nedir
  7. Gel yanima gel
  8. Zülüf dökülmüs yüze
  9. Gel kaçma gel
  10. Bir nazar eyledim
Gesamtspielzeit: 44:42 min

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Telecaster

2026-02-26 12:19:59

Finde ich gar nicht. Ich finde, das Album hat ein erfreulich homogenes Konzept.

cargo

2026-02-22 09:25:36

Leider ein ziemlich schwaches Album. Das Fehlen der Sängerin macht sich deutlich bemerkbar. Die Songs wirken recht einfallslos und verlieren sich zu oft in belanglosen Strukturen.

MickHead

2026-02-21 10:02:22

Laut.de 4/5

https://laut.de/Altin-Guen/Alben/Garip-126553

MickHead

2026-02-20 09:39:16

Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://altingun.bandcamp.com/album/garip

MusikBlog

https://www.musikblog.de/2026/02/altin-guen-garip/

Unangemeldeter

2026-02-18 09:40:12

Danke, das Parallelhören werd ich dann wohl genau so machen, schöne Idee. (Wobei das mir zuletzt bei the Notwist deren Single eher verdorben hat, weil das Original so viel besser war, aber hier: mal sehen!)

Und keine Angst, ich erwarte (und möchte) gar keine Wiederholung des Debuts, aber als Grundausrichtung finde ich einen Schritt zurück zur Psychedelik sehr vielversprechend. Ich mochte auch die letzten Alben, aber das war immer weniger Musik die ich zuhause hören wollte - toll aber um bei Konzerten dazu zu Tanzen.

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