Lucy Kruger & The Lost Boys - Pale bloom

Unique / Groove Attack
VÖ: 13.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Der Zementgarten

"My garden is anaemic / I never learned to sow / Though I sing about the seasons / The drought, the overflow." Beinahe so, als würde sie ein Mantra rezitieren, klagt Lucy Kruger über die Herausforderungen des richtigen Gärtnerns, bevor "Bloom" eine Kehrtwende hinlegt und in ein zutrauliches, regelrecht optimistisches (Post-)Rock-Finale mündet, das man von der Berlinerin und ihren Lost Boys in der Art noch nicht gehört hat. Aber natürlich sind sämtliche Metaphern auf Grünzeug, Dickicht und das Einfahren der Ernte hochgradig symbolisch gemeint: "Pale bloom", das siebte Album der multikulturellen Band, wagt den Blick statt in die Grundzüge des Biologiestudiums weit, weit zurück – in die Kindheit und die eigene Vergangenheit, als anstelle von Freiheit und Selbstverwirklichung noch Enge und Fremdbestimmung das Leben ausmachten. Dabei ist es ein ausformuliertes Band-Werk und so gewissermaßen der eigentliche Nachfolger von "Heaving", stets mäandernd zwischen akustisch grundierten Streicheleinheiten und brachialen Ohrfeigen. Das hochproduktive Kollektiv selbst spricht neuerdings von "tender noise", was den Nagel so ziemlich auf den Kopf trifft.

Während also tonnenschwere Riffs als bedrohliche Schlieren durch "Ambient heat" flackern, beschwört Kruger Kindheitserinnerungen und -ängste herauf, die alles in einen beunruhigenden Strudel hineinziehen. Auch "Damp" reiht sich zwischen post-punkigem Basslauf und wehklagenden Streichern ein in den möglicherweise stärksten Albumauftakt, den diese Band bisher hingelegt hat. Nicht nur dort, sondern auch im schrägen, elektronisch angestrichenen Intermezzo "Animal/Symbol" verfällt die gebürtige Südafrikanerin zusätzlich in einen gruseligen Kinderreim-Duktus – so klingt Kammerpop im Kinderzimmer von "Rosemaries Baby". Was "Pale bloom" insgesamt auszeichnet, ist bei allem Horror eine gewisse Verspieltheit sowohl in den Kompositionen als auch in den Arrangements. So durchläuft zum Beispiel das bereits im April 2025 vorabveröffentlichte "Reaching" in nicht mehr als drei Minuten eine mehrstufige Metamorphose über isolierte Drumbeats bis hin zu krachendem Noise, während der Text assoziativ und bruchstückhaft bleibt.

Die Schilderungen aus "Nectarine" rufen hingegen schon fast konkrete und sehr unheimliche "Tanz der Teufel"-Assoziationen hervor, die allerdings erst an einer Easy-Listening-reifen Akustikgitarre vorbeikommen müssen. Eine krassere Schere zwischen Inhalt und Musik bietet vielleicht nur noch das verstörende "Woolf", das die Liebe für die gleichnamige Schriftstellerin mit unangenehmen Szenen von schiefen Machtverhältnissen und Unterdrückung verknüpft und zudem irritierend an Synthpop erinnert. Oder in Krugers eigenen Worten: "I'm further from God than I've ever been." Ein heiseres Aufatmen gönnt sie den Hörer*innen lediglich, wenn sie in "Ghosts" vom Auszeitnehmen in Island und der Begegnung mit einem hübschen Mädchen träumt. "Pale bloom", die ganz eigene Coming-of-age-Therapie der Berliner Ausnahmekünstlerin, findet mehr denn je anschauliche, dabei trotzdem hochpoetische Bilder für ein gebeuteltes Innenleben, klammert sich an Begrifflichkeiten, kommuniziert Grundbedürfnisse: "Need an anchor / An encore / Proof of belief." Oder wie sie in "Fawning" ganz selbstbewusst appelliert: "Don't forget me." Während sich der Raureif über die Felder legt und der "tender noise" die gesamte Welt überzieht, hofft man, dass die kommenden Jahre einfacher werden – und der Garten nach dem Frost wieder hoffnungsvollere Knospen treibt.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Bloom
  • Damp
  • Ambient heat
  • Woolf

Tracklist

  1. Bloom
  2. Damp
  3. Ambient heat
  4. Adder
  5. Nectarine
  6. Animal/Symbol
  7. Reaching
  8. Woolf
  9. Ghosts
  10. Anchor
  11. Fawning
Gesamtspielzeit: 42:25 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2026-02-13 09:17:51

Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://lucykruger.bandcamp.com/album/pale-bloom

MusikBlog

https://www.musikblog.de/2026/02/lucy-kruger-and-the-lost-boys-pale-bloom/

Gaesteliste.de: Interview

https://gaesteliste.de/2026/02/13/interview/lucy-kruger-the-lost-boys-die-schatten-der-vergangenheit/

Sick

2026-02-13 00:05:36

Ganz stark. Braucht ein bischen, aber dann...
8/10

Sick

2026-02-12 18:58:09

"Deutsches Projekt...naja."

Das klingt so negativ. Als ob es dann schon aus Prinzip nicht gut sein kann.

Was es auch gar nicht ist. Das schleicht sich ganz langsam in die Gehörgänge...

Blanket_Skies

2026-02-08 12:15:17

Seit Jahren eine meiner Lieblingskünstlerin. Wird eigentlich nur noch von ihrer vorherigen Band Medicine Boy getoppt. Das neue Album geht wieder mehr in die Richtung von Teen Tapes - was mich sehr freut, auch wenn ich ihre vorherigen Releases ebenfalls mochte. Die Singles fand ich schon alle stark. (So, genug gefanboyed.)

Armin

2026-02-07 20:40:57- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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