Nils Keppel - Super sonic youth

Nils Keppel / recordJet
VÖ: 13.02.2026
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

So fucking kalt

"Ich bin ein schöner Traum / Vergiss nicht, Du bist wach": Nils Keppel ist drauf und dran, dieses ganze NNDW-Game vorläufig für sich zu entscheiden. Seit seinen Anfängen im minimalistischen Dark Wave über das Aufsammeln von allerlei weiteren 80er-Einflüssen und Supporttouren für unter anderem Bilderbuch hat sich der gebürtige Pfälzer (Grüße gehen an dieser Stelle raus an Max Gruber) sechs Jahre lang in Stellung gebracht, um nun mit "Super sonic youth" auch auf Albumlänge zu überzeugen. Allein der zwischen popkultureller Referenz und Gen-Z-Beschreibung pendelnde Titel zeigt: Hier darf es unverblümt und erfrischend unbescheiden zugehen, gemessen wird sich an den ganz Großen. Während No-Wave und Avantgarde aus New York aber maximal als entfernte Inspirationen dienen, beruft sich der Künstler primär auf urbritischen Post-Punk – da ist es kein Zufall, wenn die herausragende erste Single "Keine Zukunft" heißt und sich in einem irren Breakbeat selbst zerstört. In Sachen Stimmung spielen ansonsten jedoch mutmaßlich eher Vorbilder wie – bleiben wir einmal in der deutschen Romantik – Caspar David Friedrich oder E. T. A. Hoffmann eine Rolle.

Will heißen: Einsamkeit, Trauer, Tod und Verderben – aber nie ohne Gegengewicht. Keppel umarmt die Goth-Ästhetik sogar noch inniger als die Kolleg*innen von Lyschko, deren Lukas Korn auch das vorliegende Album produziert hat. Klar ist NNDW eine Bubble, von einer Band zur anderen könnte man ein lustiges Pfeildiagramm zeichnen. Aber das bedeutet nicht, dass die Dinge hier nicht doch ein wenig anders gelagert sind: Tanzbarkeit und Rock-Zirkus stehen somit nicht an erster Stelle, Keppel versammelt stattdessen elf Klagelieder, in denen er mal mehr, mal weniger finster agiert. Da ist der Opener "Platzangst", der ein garagiges Riff mit einer Orgel kreuzt, noch ungewöhnlich geradlinig komponiert, und "Natural born killers" (Grüße gehen raus an Quentin Tarantino) deutet sanfteren, unverschnörkelten NDW Marke Drangsal an. Das ist jedoch nur ein Vorglühen. Und zwar das des Gefrierbrands.

Wo ähnlich 80er-affine deutsche Künstler wie zum Beispiel Betterov nämlich noch für genügend Indie-Credibility sorgen, scheut Keppel sich nicht, seinen dunkelromantischen Impulsen nachzugeben und auch vor entwaffnendem Pathos keinen Halt zu machen. Dabei erweist der 25-Jährige sich jedoch als talentierter Dompteur, der den Kitsch zähmt und sich Untertan macht, anstatt ihm freie Hand zu lassen. Der flehende Titeltrack geht trotzdem in die Vollen und bettet sich in üppigen Pomp. "Taperfade" stampft derweil durch bedrohliche Landschaften voller Angst, bevor es sich in puren Noise-Gitarren entlädt und Keppel von echten Helden und toten Göttern singt. Kälter wird Musik dieses Jahr nicht mehr, eine Eiswüste von einem Song. Das schwer traumatisierte "Du, mein Soldat" lässt schließlich alle lyrischen Hüllen fallen: "Schon wieder nicht mehr frisch verliebt / Du Heidekraut, Du Heroin / Seit niemand in meinem Zimmer liegt / Hab ich Angst vor Krieg / Doch es ist längst Krieg." Solche Zeilen muss man erst mal schreiben (wollen).

Die zweite Hälfte von "Super sonic youth" gehört ohnehin ganz dem flirrenden Dreampop, ob das dezent triphoppige "Rebell" nun an die euphorische 2024er-Single "Kristall Kristall" erinnert oder "Feuer" sehnsüchtig und körperlos über die Trümmer schwebt, die der vorausgegangene Abriss mit Stücken wie der Wave-Großtat "Fremder Traum" übriggelassen hat. "Raus in die Welt" spendet im Duett mit Lili Belle zum Abschluss ein bisschen versöhnliche Wärme, aber da ist die Nacht bereits weit über den eisigsten Punkt. Nils Keppels grandioses Debüt verneigt sich ehrfürchtig vor all seinen Idolen, ist aber nicht nur in seiner frostigen Entschlossenheit ein (Irr-)Lichtblick innerhalb der oft kunstlosen deutschen Musiklandschaft. Zwischen all der Opulenz und Theatralik ist es fast schade, dass das düstere "Kuss aus Blei", welches die Musiker gern mal in eine gefühlt halbstündige, wüste Noise-Orgie verwandeln, um ihre Live-Sets zu beschließen, nicht mit von der Partie ist. Aber die krönende Abschlussballade "Sonnenkind" hat ganz andere Sorgen: "Du findest Deine Flügel nicht / Diese gottverdammten Flügel nicht." Manche Künstler wären wohl auch zu mächtig, würde ihnen nicht immer irgendetwas fehlen.

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Keine Zukunft
  • Fremder Traum
  • Taperfade
  • Super sonic youth
  • Du, mein Soldat

Tracklist

  1. Platzangst
  2. Keine Zukunft
  3. Natural born killers
  4. Fremder Traum
  5. Taperfade
  6. Rebell
  7. Super sonic youth
  8. Feuer
  9. Du, mein Soldat
  10. Raus in die Welt (feat. Lili Belle)
  11. Sonnenkind
Gesamtspielzeit: 33:35 min

Im Forum kommentieren

Perfect Day

2026-02-21 11:44:19

Bin echt überrascht. Dieses Album trifft mich unvorbereitet mit voller Wucht. Seit dem dritten Durchlauf finde ich jeden Song großartig. Kein Gramm zuviel, gut produziert und mit kleinen Haken versehen. Obwohl es eigentlich nicht meine bevorzugte Musikrichtung ist und ich eigentlich zu alt bin, um mich in diese Musikergeneration hineinzuversetzen, frage ich einfach mal: kann da 2026 aus Deutschland noch Dringlicheres kommen? 9/10

MickHead

2026-02-19 17:34:14

Soundmag 7/10

https://www.soundmag.de/reviews/nils-keppel-super-sonic-youth/

MickHead

2026-02-13 08:18:50

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_lfNSk62h_LNIl5ItKlDwjGo2ffvOOZz0c&si=vheOyLz9H88EzGAT

Musikexpress 4.5/6
https://www.musikexpress.de/reviews/nils-keppel-super-sonic-youth/

Gaesteliste.de

https://gaesteliste.de/2026/02/12/review/nils-keppel-super-sonic-youth/

VelvetCell

2026-02-07 23:15:22

Jepp – ich schau mir den am 6. März mal in Bremen an. Album höre ich schon vorher. ;)

Armin

2026-02-07 20:40:47- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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