Karnivool - In verses

Inside Out / Sony
VÖ: 06.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Komplexität und Reduktion

Noch dringlicher gilt es natürlich bei Dool, aber natürlich auch bei Karnivool: Oh, bitte gib mir nur zwei O – die Tool-Referenz ist da. Auf die Spitze getrieben mit "In verses". 13 Jahre Wartezeit. Wie bei "Fear inoculum". Gut, wer es so genau nimmt wie die hiesige Buchhalternation, wird natürlich merken, dass es nur jene Dreizehn in Jahren sind, aber aufgrund des späten Releases in 2013 und des frühen in 2026 … wir schweifen ab, ufern aus. Aber auch das ist legitim. Wir sind schließlich im Prog! Alles unter einer Stunde ist doch eh eine EP. Also: zehn Songs, 63 Minuten. Reiht sich passend ein in die Diskografie. Genug der Zahlenspielerei, rein in das richtige Gezocke.

Prog mag etwas aus der Zeit gefallen sein, tönte nun Anfang 2026 auch ein gewisser Mikael Akerfeldt, andererseits sind generell gerade Themen aktuell, über die man die Menschheit eigentlich hinweg sah. Und so landen Karnivool mit den Lyrics zu "Ghost" sogar einen aktuellen Treffer, lässt sich dort doch eine gewisse Lethargie angesichts der gerade üblen Abwärtsspirale herauslesen. Dazu bespielt das Quintett einen recht harten Progressive-Rock, der zwar wenig mit Tool zu tun hat (die Referenz fällt jetzt weg, versprochen), sondern eher mit Acts wie Porcupine Tree oder Riverside vergleichbar ist. Heißt: ein Ohr gen Eingängigkeit gerichtet, manchmal beide. Tatsächlich zeigt "In verses" im Verlauf, dass hier zwar der Baukasten Progressive-Rock bedient wird, es stellenweise aber ziemlich "poppig" zugeht. Was natürlich auch mit Ian Kenny zu tun hat. Wer schon vor 13 Jahren oder länger dabei war, wird es wissen, der Rest hört es hier neu: sehr cleaner Gesang, sehr "helle" Stimme. An manchen Stellen würde man sich gar etwas mehr Intensität, Wut, Ausbruch oder gar Tiefe wünschen – erst recht an Stellen, wo Text und Beiwerk seiner Kollegen es hergeben würden.

Doch dann, plötzlich, man steht nichtsahnend in der Küche oder unter der Dusche oder sonst wo, ein kleiner Melodiefetzen rauscht durchs Ohr, dazu die Lyrics "If I held your face to a mirror, would you smile", und wird nach einigem Überlegen, was die letzten Tage alles so lief, als "Aozora" identifiziert. Clever gemacht – und derlei Stellen hat "In verses" häufiger, als es die Anhäufung an Prog-Strukturen in den ersten Durchläufen vermuten lässt. Eine gute Kombination aus Lyrics und Geriffe bringt auch "All it takes". Veröffentlicht schon vor knapp fünf Jahren, hat es dieser Song auch auf das Album geschafft, in einer "Remastered"-Version. Überhaupt der Mix: so glatt es eben geht. "Asymmetry" hatte noch deutlich mehr Kanten, "In verses" wurde nicht nur grob mit der Schleifmaschine bearbeitet, hier gab es noch eine feine Nachpolitur. Immerhin glänzt und glitzert es alles.

Mit "Conversations" fährt die Band in acht Minuten das Tempo hörbar zurück, hier stehen nun Anathema Pate, nun auch nicht die schlechteste Referenz. Diese melancholische Art des Selbstversinkens. Es geht dabei harmonisch zu, wie später auch in der Ballade "Opal" oder dem im Tempo sehr verhaltenen "Reanimation". Dadurch kippt es dann doch kurz, die Aufmerksamkeit bleibt kaum gleichbleibend hoch. Es zeigt sich, dass Karnivool alles können, aber eben auch das Publikum in weiten Klangwelten aussetzen. Die Orientierung, der Halt, der Weg nach vorn oder zurück: Eine Open-World ist eben auch nur dann spannend, wenn sie fordert. "In verses" ist das Gegenstück zum virtuellen Grafikfeuerwerk und in den besten Momenten taugt auch die Story. Überraschend etwa der Closer "Salva", welcher zunächst ein ruhiges Ende des Albums ankündigt, gen Ende dann doch nochmal etwas explodiert – Dudelsacksounds inklusive.

(Klaus Porst)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Ghost
  • Aozora
  • Salva

Tracklist

  1. Ghost
  2. Drone
  3. Aozora
  4. Animation
  5. Conversations
  6. Reanimation (feat. Guthrie Gowan)
  7. All it takes
  8. Remote self control
  9. Opal
  10. Salva
Gesamtspielzeit: 63:25 min

Im Forum kommentieren

Kernone

2026-02-16 22:48:03

Bin in Stuttgart und freue mich auch sehr darauf. Das neue Album gefällt. Tolle Produktion, tolle Melodien und mit Aozora, Ghosts, Drone und Salva absolute Highlights. Aktuell ne 8/10

Oceantoolhead

2026-02-14 20:23:00

Ich bin in Köln dabei. Geile Live Band freue mich schon wieder wie bolle.

kiste

2026-02-13 17:08:28

Hehe, wie die Bewertungen so über die 10 schießen. Ne 12 wäre noch nett gewesen! Bei mir hat die anfängliche Neugier wieder nachgelassen. Aber ich hatte dennoch meinen Spaß. Auf Albumlänge hat mich die Musik einfach zu wenig mitgerissen. Schön zu lesen, dass es hier so gut ankommt. Geht jemand zur Tour?

keenan

2026-02-13 11:36:40

meine wertung momentan:

1. Ghost - 10/10 (einer der besten album opener ever)
2. Drone - 7,5/10
3. Aozora - 11/10 (ihr abechslungsreichster track, hat alles was man sich wünscht)
4. Animation - 9,5/10
5. Conversations - 11/10 (ihr stärkster track überhaupt neben Salva)
6. Reanimation - 8/10 (hier hätte ich mehr erwartet, wg guthrie, ist ein starker track aber nicht herausragend, die ruhigen momente machen den song eher besonders, gerade das ende)
7. All It Takes - 6,5/10
8. Remote Self Control - 6/10 (das lowlight der platte und mit über 5 minuten deutlich zu lang)
9. Opal - 9/10
10. Salva - 11/10

song 7 und 8 weglassen und es wäre ein perfektes album gewesen. so ist es 8-9/10

und ja, die bessere platzierung wäre der tausch von "reanimation" und "all it takes"

Oceantoolhead

2026-02-11 18:34:23

„Ja, außerdem ist "andere schreiben auch doofe Texte" jetzt auch kein tolles Argument.“

Nee natürlich nicht. Aber das was du kritisiert hast ist eben ein verbreitetes Stilmittel in dem Genre. Und natürlich haben The Mars Volta herausragende Textstellen. Karnivool eben auch behaupte ich (oben gab’s schon ein Beispiel).

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