Howling Bells - Strange life

Nude
VÖ: 13.02.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Kein Ende des Traums

"Heartstrings" hat seine Prophezeiung erfüllt. Im Vorfeld von Howling Bells' 2014er-Album bekundete Juanita Stein ihre Zufriedenheit damit, wenn die Platte die letzte ihrer Band sein würde. Tatsächlich folgte zwar nicht die Auflösung, aber eine längere Pause, die Stein mit diversen Solo-Alben füllte – und die nun, knapp zwölf Jahre später, ihr Ende findet. Mit "Strange life" feiert das australische Trio sein Quasi-Comeback und sucht zumindest optisch Abgrenzung statt Kontinuität. Präsentierte das Cover des Vorgängers noch einen warmen Abendhimmel über einem idyllischen Kornfeld, posieren die drei Bandmitglieder nun in einem hart konturierten Kellerraum. Rotes und orangenes Kunstlicht erzeugen falsche Wärme, das linke Bilddrittel ist verschwommen, und Stein blickt uns mit verschränkten Armen und undefinierbarem Gesichtsausdruck entgegen. Einladend geht anders – und doch haben Howling Bells alles andere als die Abschreckung ihres Publikums im Sinn. Ihr dreampoppiger Indie-Rock lässt sich widerstandslos greifen, nährt sich jedoch auch durch ein inneres Feuer, das in der Dekade ohne gemeinsames Musizieren stetig gewachsen ist. Stein habe die Pause für eine profunde Reflexion ihres privaten und künstlerischen Lebens genutzt und bringt ihre Erkenntnisse in eine Band, die sich 20 Jahre nach ihrem Debüt noch immer hörbar wohl in ihrer Haut fühlt.

Der Titel des Openers "Unbroken" lässt sich in diesem Sinne programmatisch verstehen. Howling Bells schleichen sich nicht durch die Hintertür ins Haus, sondern krachen mit shoegazigen Gitarren voll vorne rein, während Steins klare Melodien durch die psychedelisch verwaschenen Saitenschleier schneiden. "Heavy lifting" schließt mit noch etwas schärferem Fokus an, behält trotz seines körperlichen Grooves die verträumte Stimmung bei, die sich durchs ganze Album zieht. "Dreamer" ist dementsprechend kein Ozzy-Osbourne-Cover, sondern pointiert einen der wesentlichen Charakterzüge von "Strange life" schon im Songtitel. Dass Howling Bells nie den Erfolg von einigen anderen, keineswegs besseren Nuller-Indie-Rock-Bands hatten, juckt wohl kaum jemanden weniger als die Australier*innen selbst. Aus ihrem über die Jahre gestärkten Selbstverständnis heraus probieren sie ein paar Variationen ihres Kernsounds aus, ohne diesen komplett umzustülpen. "The looking glass" baut auf auffällig flackernden Synths einen ominösen Spiegelsaal von Song und führt ins "Sacred land", in dem Stein ihre sonst zurückhaltendere Stimme in expressionistischer Patti-Smith- oder PJ-Harvey-Manier über eine dringlich getrommelte Krachwüste schleift. Mehr Dreck wirbelt nur der späte Garagenrocker "Sweet relief" auf, der dafür keine 140 Sekunden braucht.

Die Aufnahmen unterstützte Produzent Ben Hillier, der neben britischen Größen wie Depeche Mode oder Blur auch die nahezu komplette Diskografie von Nadine Shah in der Vita stehen hat. An deren Subversion reicht "Strange life" nicht heran, fährt aber dennoch einige spannende Reizpunkte auf – wie in "Angel", in dem Orgel und hüpfendes Piano mit Starkstrom anzapfenden Gitarren kollidieren. In der zweiten Albumhälfte formuliert "Melbourne" eine melancholische Liebeserklärung an die Heimat, ehe "Chimera" die Nahbarkeit der Cardigans mit einem leicht an Cocteau Twins erinnernden Kristallfunkeln überzieht. Nicht jeder Track zündet auf ganz hohem Niveau: "Halfway home" ist als Ruhepol hübsch, aber auch etwas redundant, und auch der Closer "Light touch" hinterlässt nicht den nachhaltigsten Eindruck. Doch insgesamt schaffen es Howling Bells erneut, perlenden Wohlklang auf wunderbare Weise mit einem aufmüpfigen Geist zu verbinden – und werfen wieder eine Platte ab, die nicht die schlechteste Figur als Schwanengesang abgeben würde. Nicht, dass es nach dieser inspirierten Rückkehr auch nur die leiseste Andeutung davon geben würde.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Unbroken
  • The looking glass
  • Sacred land
  • Chimera

Tracklist

  1. Unbroken
  2. Heavy lifting
  3. Angel
  4. The looking glass
  5. Sacred land
  6. Halfway home
  7. Melbourne
  8. Dreamer
  9. Chimera
  10. Sweet relief
  11. Light touch
Gesamtspielzeit: 33:54 min

Im Forum kommentieren

oldschool

2026-02-17 13:43:18

holt mich gerade ungemein ab! 8/10

MickHead

2026-02-17 13:05:50

Under The Radar Magazine 8.5/10

https://www.undertheradarmag.com/reviews/strange_world_howling_bells

BEATBLOGGER.DE 4/5

https://www.beatblogger.de/2026/02/howling-bells-strange-life/

Visions 9/12

Leider hier kein Standing, trotz der äußerst positiven Rezi von Marvin Tyczkowski! Danke!

MickHead

2026-02-13 07:53:39

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_k7dimJnlK5PQLVO-W906ryxyclB2hADjU&si=r-RnRIaHGYTZ7A7q

Rolling Stone 3.5/5

https://www.rollingstone.de/reviews/howling-bells-strange-life/

Armin

2026-02-07 20:40:00- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

2026-01-09 21:39:03

4. Song "Melbourne"

https://youtu.be/TOys3j5pOBQ?si=QSzwAt6ADJ66cVrX

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