Soen - Reliance

Silver Lining / Warner
VÖ: 16.01.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Couch potatoes

Es heißt ja immer so schön, eine Band habe ihre Nische gefunden. Geäußert zumeist nach ein paar Alben, wenn sich ein gewisses Rezept, eine gewisse Vorgehensweise herauskristallisiert. Bei Soen ist das nicht anders. Nach ein paar Feinjustierungen auf den ersten Alben haben die Schweden vor allem bei den letzten beiden Platten "Imperial" und "Memorial" ihren Platz irgendwo zwischen Tool, Katatonia und Opeth zu ihrer Prog-Phase eingerichtet. Nun gibt es auf der anderen Seite diejenigen, die eine permanente künstlerische Weiterentwicklung fordern – was auch immer das heißen mag. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte zwischen zwanghafter Veränderung um der Veränderung willen und künstlerischer Stagnation.

Damit zu spielen, ist eine hohe Kunst, und das führt letztlich zu "Reliance". Nun sind Soen eh eine Band, die sich auf schnell zündende Ohrwürmer verlässt, doch nach dem ersten Durchgang lautet das vermeintliche Urteil: More of the same, sie beginnen sich zu wiederholen. In Teilen ist das sogar richtig, denn wenn man es einmal nett formulieren möchte, setzen die Skandinavier auf bewährte Strukturen im Midtempo-Bereich. Doch auch wenn die Komfortzone eine große Anziehungskraft besitzt, ist es genau dieses bequeme Sofa, das "Reliance" so vertraut macht, so vermeintlich bequem. Wären da nicht ein paar Ecken und Kanten, die immer wieder aufhorchen lassen, die sozusagen dafür sorgen, dass das Kissen nochmal aufgeschüttelt werden muss, um im Bild zu bleiben.

Denn das Spannendste an Soen ist und bleibt der Spagat zwischen Metal, Alternative und Pop. Ja, richtig gelesen, Pop. Der Opener "Primal" ist gleich das erste wunderbare Beispiel dafür, beginnt mit einem krachenden Riff und schwenkt dann in einen Refrain, der so gekonnt die Arme ausbreitet, dass sich jede vergleichbare Band, Katatonia eingeschlossen, die Finger danach lecken würde. Das folgende "Mercenary" zieht den Härtegrad ein Stück weit an und bereitet so den Boden für "Discordia", das die Dynamik zwischen komplett entrückten, sphärischen Parts und knüppelhartem Djent komplett ausspielt. Hier, im Mittelteil, ist sicher die stärkste Phase des Albums, in der sich das leichtfüßige "Axis" und das schwermütige "Huntress" wunderbar die Hand reichen.

Spätestens jetzt ist der Punkt erreicht, an dem all diese Überlegungen über Weiterentwicklungen versus Stillstand keinen Sinn mehr ergeben. Denn Musik soll immer bewegen, soll berühren, etwas beim Hören auslösen. Und genau das passiert hier. Ja, die Urgewalt von "Lotus" aus dem Jahr 2019 mag die Diskografie überstrahlen, doch Soen gelingt auch mit "Reliance" etwas ganz Wunderbares. Man taucht ein, lässt die Atmosphäre wirken, erforscht die gewohnt filigrane Instrumentierung und lässt sich von Joel Ekelöfs Gesang förmlich einwickeln. Das taugt nur begrenzt zum Autofahren, erst recht nicht zur Berieselung bei der Hausarbeit. Und in der Tat bleiben die Schweden ihrer Linie der letzten Alben treu, möglicherweise für den ein oder anderen sogar zu treu. Solange das Ergebnis allerdings so tief berührt wie "Reliance", ist das am Ende völlig egal.

(Markus Bellmann)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Discordia
  • Axis
  • Huntress

Tracklist

  1. Primal
  2. Mercenary
  3. Discordia
  4. Axis
  5. Huntress
  6. Unbound
  7. Indifferent
  8. Drifter
  9. Draconian
  10. Vellichor
Gesamtspielzeit: 43:32 min

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Sroffus

2026-02-05 19:10:30

Bedauerlich, dass diese talentierte Band verlernt hat, Songs zu schreiben.
"Tellurian" und insbesondere "Lykaia" hatten fast durchweg tolle Kompositionen und auf "Lotus" gab es immerhin das nette "Martyrs".
Danach hat mich nichts mehr gekriegt und "Reliance" plätschert ähnlich belanglos dahin wie die zwei Vorgängeralben.

Armin

2026-01-30 20:35:18- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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