Robbie Williams - Britpop
Farrell / Columbia / SonyVÖ: 16.01.2026
Paint a vulgar picture
Wer erinnert sich noch an "It's only us"? In den letzten Zügen des abgelaufenen 20. Jahrhunderts durfte Robbie Williams den Song zum Bildschirm-Kickerspiel "FIFA 2000" beisteuern. Ein überraschend lauter, ungestümer Track war das, der Laune darauf machte, Bälle mit voller Wucht durch die Gegend zu dreschen. Ein knappes Vierteljahrhundert später ist Williams wieder auf einer Fußball-Titelhymne zu hören. "Desire", zusammen mit Laura Pausini bestritten, ist sein Auftakt als FIFA-Botschafter und darf nach der Klub-WM 2025 auch alle zukünftigen Großereignisse des Weltverbands beschallen. Bevor man für die FIFA botschaftet, möchte man sich lieber an alle Netflixe, Audio-Hersteller und Kreuzfahrt-Reedereien der Welt verkaufen, denkt man sich noch – aber womöglich steckt hier ein perfider Plan dahinter. "Desire" ist nämlich gewissermaßen das energetische Negativbild von "It's only us", statt nach rasender Fußball-Ekstase klingt es nach Trauerfeier. Wenn ein mickriger Chor allen Ernstes "FIFA!" durch den hoffnungslos überkandidelten und zugleich halbärschig komponierten Song skandieren muss, liegen Moral und Geschmack nebeneinander beerdigt. Jede Organisation bekommt offenbar die "official anthem", die es verdient. Da der Song nicht mal irgendwelche Charts von innen gesehen hat, bleibt unklar, warum er die Deluxe Edition von Williams' jüngstem Album beschließen darf.
Dieses heißt immerhin wahlweise stolz, ironisch oder arrogant "Britpop" und ist wahrlich besser als die zuvor angesprochene Affenscheiße. Immerhin soll es die Platte sein, die Williams nach seinem Ausstieg bei Take That machen wollte. Als er frisch blondiert und mit aufgemalter Zahnlücke mit den Gallagher-Brüdern, denen er zwei Jahre später auf seinem immer noch tollen Debüt "Life thru a lens" nacheifern würde, beim Glastonbury-Festival abhing. Aus jener Zeit stammt das als Gemälde stilisierte Foto, das von zwei Menschen mit der Shirt-Aufschrift "Just stop pop!" verunstaltet wird. Was ja Quatsch ist. Pop ist das, was Williams gut kann, ob nun "Brit" davor steht oder nicht. Songwriter Guy Chambers ist nach seiner Rückkehr auf den vorigen drei Alben wieder raus, seinen Platz am Ruder übernimmt gewissermaßen Karl Brazil, der bereits für Williams im Studio drummte und sonst seit 2009 meistens bei Feeder am Kit sitzt. Was möglicherweise dazu beiträgt, dass "Britpop" seinen Namen gar nicht mal zu Unrecht trägt.
Der Opener "Rocket" brettert nämlich durchaus ungestüm los und entpuppt sich als ansteckend, wenn Williams laut ausruft: "What a time to be alive!" Das Solo von Metal-Urgestein Tony Iommi ist zwar mehr für die Starpower da, passt aber astrein. Überraschenderweise bleibt "Britpop" auch in den folgenden Stücken recht kantig zusammengesetzt und produziert. Das liebestrunkene "Pretty face" legt über seine herrliche Melodie eine meterdicke Gitarrenwand, die ohne die Drums bald schon Shoegaze wäre. "Bite your tongue" hetzt im Anschluss und Gegensatz dazu nicht nur durch die sprechsingenden Strophen, sondern klingt im surrenden Refrain nach der Elektro-Rock-Fusion von Garbage. Ach ja, und die Gallaghers. Die werden nicht nur im Albumtitel hommagiert – "All my life" könnte nämlich glatt aus einer ihrer Federn stammen. Vielleicht eher Liam solo als Oasis, aber immerhin. Den Kinks-Rhythmus von "Cocky" hat nicht zuletzt Noel auch sehr gerne eingesetzt, und dem Guten würde man eine Äußerung wie "You get to talk to Jesus / I get to talk to God" schließlich auch zutrauen.
Holpriger gerät "Britpop" nach der Hälfte, wenn es den titelgebenden Pfad zum Großteil verlässt. "Human" wäre ein ganz okayes Adult-Contemporary-Duett, aber der Billig-Beat macht jede potenzielle Freude daran kaputt und zieht es auf den Tiefpunkt der Platte. Auch die Swing-meets-Pop-Melange "It's ok until the drugs stop working" hat man von Williams selbst musikalisch und textlich schon besser gehört. "I have to smile when she offers me protection" – eher eine müde Selbstreferenz. Für den kuriosesten Moment sorgt hingegen überraschend Ex-Bandkollege Gary Barlow, der an "Morrissey" mitgeschrieben hat. Nach "Dear Stephen" von Manic Street Preachers ein weiterer offener Brief an den Ex-The-Smiths-Frontmann? Was hält man von einer ultracheesigen Discopop-Nummer, die der streitbaren Diva gewidmet ist? Was sagt man zu Zeilen wie "Morrissey, Morrissey / Is talking to me / Talking to me in code" oder gar "Come here, let me hold you / Let me hold you for the rest of your life / Come here let me hold you / Ah, ah, ah, ah-ah"? Ist das Hommage, Veralberung oder gar beides? Ist das grottig oder genial? Es ist auf jeden Fall ein hartnäckiger Ohrwurm. Den Rest des Urteils fällt Ihr bitte selbst.
Eine weitere kleine Überraschung wartet am Ende mit "Pocket rocket", das eine umgetextete Balladen-Version des Openers ist und erstaunlich gut funktioniert. Da die Deluxe Edition nicht nur den grauenvollen FIFA-Song, sondern auch sonst nichts weiter Erwähnenswertes enthält, ist dieses kleine, sehr zart eingespielte Stück der bestmögliche Schlusspunkt für ein Album, das gelungener ist, als man nach dem ganzen Trubel und den großspurigen Ankündigungen erwarten konnte. Aber schließlich geht es ja um was. "Britpop" wurde extra einige Monate in 2026 hinein verschoben, um nicht gleichzeitig mit Taylor Swifts "The life of a showgirl" zu erscheinen. Williams dazu: "I could pretend it's not, but it is. It's selfish. I want a 16th number one album." Was ihn im UK die Beatles überholen und in die Geschichtsbücher eingehen lassen würde. Immerhin ist er nach wie vor erfrischend ehrlich. Im Vergleich zu anderen Sportfunktionären, vor deren Karren er sich zu gerne spannen lässt.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Rocket (feat. Tony Iommi)
- Pretty face
- Bite your tongue
Tracklist
- Rocket (feat. Tony Iommi)
- Spies
- Pretty face
- Bite your tongue
- Cocky
- All my life
- Human (feat. Jesse & Joy)
- Morrissey
- You
- It's ok until the drugs stop working
- Pocket rocket
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Huhnmeister
2026-01-24 12:12:22
Wasn fürn Furor, Ernesto?
jo
2026-01-24 11:34:37
Ja, das ist korrekt. The Beatles hatten damals ja durchaus oft Konkurrenz - bis es dann klar war, dass es eher keinen Weg vorbei an ihnen als Nr. 1 gibt. Und selbst in der Zeit war es nicht immer selbstverständlich (hatten ja auch immer mal Popularitätsrückschläge zu verkraften).
oldschool
2026-01-24 10:40:22
Generell sollte man so etwas auch nicht überbewerten. Wie Robbie selbst erkannt hat: Ist die Konkurrenz nicht groß, dann sollte das kein Problem sein. Vielleicht nutzte er die Gunst der Stunde und veröffentlichte deshalb das Album (zwar später als geplant, aber) dann dennoch früher als angekündigt.
Man sieht es auch in den deutschen Charts. Tocotronic erreichten mit mehreren Alben Platz 1 der deutschen Albumcharts, wobei die Alben typischerweise für jeweils eine Woche die Spitzenposition hielten. Deshalb kann man Ihren Erfolg noch lange nicht mit Topsellern ala Unheilig oder Helene Fischer vergleichen.
Viele Flopps der Filmgeschichte erreichten am Startwochenende Platz 1 und dann kam der Absturz! Für mich sind die Verkaufszahlen ausschlaggebend. Wochenlang in den Top 10 sagt mehr aus als mal kurz die Nummer 1 und dann Bye Bye
Erst mal abwarten, wie sich das Album in der Gunst der Fans entwickelt....
jo
2026-01-24 10:28:06
Stimmt - ich hätte mich zumindest bei der Anzahl (15) bei The Beatles wundern müssen. Ist mir ja eigentlich auch klar, dass das nicht zu den Studioalben passt :D. Hatte aber eben von 18 gelesen (war im direkten Vergleich zu Williams), bei denen dann die Compilations und Co erst berücksichtigt werden. Habe das aber auch nicht überprüft.
Vielleicht waren bei der Zählweise auch noch Unterschiede bei den britischen Charts mit eingerechnet, da es ja komplett "offizielle" in den 60ern noch gar nicht gab. Daher wird bei den Beatles-Fans ja die Anzahl an Nummer-eins-Singles immer debattiert und nicht alle sind deswegen mit der "1"-Tracklist einverstanden (zum Beispiel, weil "Strawberry Fields Forever" nicht mitgerechnet wurde, obwohl es in einem der beiden populären Charts damals auf eins war).
Vielleicht war die 18 aber auch einfach falsch.
Felix H
2026-01-24 09:47:59
In einem Artikel war von "1" als der letzten Beatles-Nr-1 die Rede, also scheinen die mitzuzählen. (Gibt ja auch keine 15 Studioalben der Band.)
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