Kaffkiez - Wir

Superpol / Cargo
VÖ: 30.01.2026
Unsere Bewertung: 5/10
5/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
3/10

Nach Feierabend auf die Piste

Hoch die Hände, Wochenende, Party, dancen, yeah! Kaffkiez aus Bayern sind dick im Geschäft. Löblich, dass die Band mit Ska-, Folk- und Reggae-Elementen jongliert, um ihrem ohnehin schon maximal tanzbaren Mainstream-Deutschpop das gewisse Etwas zu verleihen. Als Alleinstellungsmerkmal funktioniert das gut, dieses Mitklatschen im Offbeat gegen die Alltagssorgen. Auf ihrem bereits dritten Longplayer "Wir" tappt die Truppe aber dennoch in die ein oder andere Falle. Um den nötigen "Dreck" im Soundbild zu generieren, damit es nicht zu oberflächlich und glatt gerät, wirkt Frontmann Johannes Eisners Gesangsvortrag zum Beispiel manchmal so, als hätte Hennig May beim Kölner Karneval ein bisschen zu tief ins Glas geschaut. Und auch inhaltlich bleiben Songs wie die Hallo-wir-sind-wieder-da-Kundgebung "Vorhang auf" oder das nostalgisch-konsequent den aktuellen Markennamen ignorierende "Capri Sonne" bei aller Eingängigkeit relativ flach. Es gibt in Deutschland jedoch weitaus Schlimmeres in dieser Richtung.

Das größere Problem ist eher, dass die Rosenheimer oft mit Plattitüden und Allgemeinplätzen um sich schmeißen, die sie selbst aber für clever und eigenständig halten. "Ich bin ein Chaot", singt Eisner – wie Millionen andere da draußen. Kaffkiez wollen die Massen abholen, denn mit ein bisschen Prokrastination und Vergesslichkeit kann sich doch jede*r identifizieren. Wie viele langweilige Deutsche halten sich selbst für "ein bisschen verrückt"? Oder auch: "Manchmal hab ich Angst zu sterben / Ist das normal?" Ziemlich sicher. Mit Mundharmonika und traurigem "Barfuß am Klavier"-Klavier aber noch hundertmal bedeutungsschwangerer, sodass auch die ganz hinten in der letzten Reihe mitkriegen, wie deep das alles ist, bevor die Nachdenklichkeit wieder weggefeiert wird. Der inhaltliche Twist von "In Nächten wie diesen" kommt dagegen durchaus unterhaltsam, der Bruch zwischen Deutschpop-Ballade und Disco-Pogo allerdings fies. Und zwischendrin wundert man sich, dass das schlagereske Geschmachte in "Hast Du noch Zeit" nicht doch vom echten Campino stammt.

Umso erfreulicher ist es daher, wenn Kaffkiez sich richtig mit ihren Lyrics ins Zeug legen, sodass ihre zumeist spießige Gebrauchsmusik mitunter doch gehaltvoll ausfällt: So ist "Benz" zum Beispiel eine augenzwinkernde Abrechnung mit den Rich Kids und BWL-Justus (Betonung auf der letzten Silbe) dieser Welt, deren anhaltender Erfolg schlicht daher rührt, dass sie hocherfolgreich geerbt haben. Solche Leute kennen bestimmt zwar auch viele Hörer*innen, aber gemeinsamer Hass schafft Zusammenhalt. Aufrichtig romantisch kann die Band auch, wie das niedlich getextete und mit edlen Bläsern verzierte "Halb so schön wie Du" beweist, das weitaus mehr überzeugt als das thematisch verwandte und anstrengend-karnevaleske "Akademiker". Und in "Keine Stadt" wird dann vollkommen unironisch und überzeugend eine Landjugend (und -flucht) thematisiert, wie es seit Muff Potters "Niemand will den Hund begraben" kaum jemand mehr gewagt hat. Warum Kaffkiez ihre Skills nicht konsequent so einsetzen und sich auf "Wir" damit zum Schluss unter Wert verkaufen? Würden sie Teilen ihres feierwütigen Normalo-Publikums damit etwa zu viel zutrauen?

(Ralf Hoff)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Halb so schön wie Du
  • Benz
  • Keine Stadt

Tracklist

  1. Vorhang auf
  2. Chaot
  3. Hast Du noch Zeit
  4. Halb so schön wie Du
  5. In Nächten wie diesen
  6. Benz
  7. Angst zu sterben
  8. Keine Stadt
  9. 4000 Grad
  10. Capri Sonne
  11. Noch nie vermisst
  12. Akademiker
  13. Eine Frage
  14. Mein Traum
Gesamtspielzeit: 41:55 min

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Armin

2026-01-22 20:28:36- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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