Ella Red - It's not real

Nettwerk / Bertus
VÖ: 23.01.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Jumpscare-Pop

"I can see my corpse in reflections / She's sitting in the corner of my eye / I can't sleep at night anymore / The terrors take control of my mind / I can't rid myself of this parasite." Was erstmal wie der makabre Trailer-Voiceover eines artsy A24-Horrorfilms oder ein Auszug aus der schaurigen Dämonenlektüre der Wahl klingt, ist in Wirklichkeit ein lyrischer Vorgeschmack aus "Parasite", dem Opener des Debütalbums "It's not real" der 22-jährigen Singer-Songwriterin Ella Red. Eher brachial? Schon, aber gerade deswegen auch irgendwie erfrischend. Auf ihrer ersten LP vermag es die US-Amerikanerin, die angsty Vibes einer unsicheren Zeit und einer unsicheren jungen Generation in ein düsteres Gewand zu gießen. Und dabei gleichzeitig auch ein wenig gegen allgemeine – mal mehr, mal weniger angebrachte – musikalische Gen-Z-Vorurteile anzustinken. Die magische Drei-Minuten-Grenze knacken hier nur die wenigsten Songs. Aber wozu auch, wenn die Substanz trotzdem vorhanden ist?

Das eingangs erwähnte "Parasite" dient direkt zum Einstieg als stellvertretende Blaupause für das, was "It's not real" in seinen besten Momenten abliefert. Auch musikalisch gibt sich der Song schaurig-melancholisch und gehaltvoll, gegen Ende bricht die Instrumentalfraktion gar zum großen Outro aus und darf sich austoben. Schräg, ja, aber eben auch sehr stimmungsvoll. Ähnlich makaber zeigt sich auch "He asked for it", das staubtrockene Beats und zittrige Synths mit Zeilen wie "I squished his head like a berry" kombiniert und damit einen creepy Pop-Hit hervorbringt. Sicherlich keine Standardkost und vielleicht auch ein ganz klein bisschen drüber, aber eben auch mitreißend. Auch "Predator" wirft in nicht einmal zwei Minuten Länge mit reichlich Kuriositäten um sich und nimmt dabei so gar keine Rücksicht auf etwaige Genre-Konventionen. "I am the parasite under your skin / I am the predator hiding within." An vielen Stellen fragt man sich, ob diese Song-Konstrukte nicht doch irgendwann unter der Last ihrer zerklüfteten Einzelteile zusammenbrechen – dass dieser Fall nicht eintritt, spricht für das clevere Songwriting von Ella Red und vor allem auch für die lupenreine Produktion, die den Spagat zwischen wüstem Geballer und perligen Pop-Momenten zumeist gekonnt balanciert.

Nicht jede hinterletzte Ecke ist auf "It's not real" mit Gruselstimmung gefüllt, und dankenswerterweise sind auch die konventionelleren Stücke hier durchgehend gefällig. "Ball and chain" interpretiert einen schnipsigen Pop-Hit mit tremologetränkten Gitarren und akzentuierten Beats und kontrastiert das schmissige musikalische Fundament mit Zeilen wie "Darling, at night I dream of the end / The older I get, the more I hate the truth." Das Song-Duo "Aphrodite" und "Cupid" deckt derweil die obligatorischen Piano- und Akustik-Balladen ab. Besonders ersteres ist ein durchaus ergreifendes Stück und verwehrt sich dem naheliegenden Schmonz gekonnt. Einzig der eher verwirrende Pop-Punk-Ausflug "We're all gonna die" mag nicht so ganz in den Albumkontext passen und hemmt die Tracklist für einen kurzen Moment. Alles jedoch halb so wild ob der durchgehenden musikalischen Qualität, die Ella Red hier an den Tag legt. Ein düsteres Debüt, das sich nicht scheut, unverblümt aufzutreten. Schocker gehen eben immer gut.

(Hendrik Müller)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Parasite
  • Ball and chain
  • He asked for it
  • Spider string

Tracklist

  1. Parasite
  2. Ball and chain
  3. We're all gonna die
  4. Funeral
  5. He asked for it
  6. Predator
  7. Party animal
  8. Aphrodite
  9. Cupid
  10. Always the artist
  11. Religion
  12. Spider string
  13. It's not real
Gesamtspielzeit: 37:30 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2026-01-23 19:02:07

Jetzt komplett bei Bandcamp:

https://ellared.bandcamp.com/album/it-s-not-real

Kontermutter

2026-01-22 23:16:02

Mit so einer Entwicklung hätte ich nach Songs wie "I like you best" nicht wirklich gerechnet, aber umso cooler, dass es so gekommen ist. Macht Spaß!

Armin

2026-01-22 20:27:55- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Threads im Forum