Marta Del Grandi - Dream life

Fire / Cargo
VÖ: 30.01.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 9/10
9/10

Art aber zart

Marta Del Grandi hat ein Händchen dafür, ihre Alben passgenau zu betiteln. "Selva" blühte mit einer pastoralen Vielfalt, welche die Wald-Assoziationen schon auslöste, bevor man die fünf Buchstaben in den Übersetzer gejagt hatet. "Dream life" ergeht es ähnlich: Auch wenn das Album nach Aussage der Künstlerin konkreter als sein Vorgänger sein soll, ist es von einer surrealen Textur durchzogen. Dieser Effekt ist fest in Del Grandis künstlerischer Biografie verankert. Die Italienerin begann als Jazzsängerin und Multiinstrumentalistin, ehe sie sich für die eigene Karriere dem Pop zuwandte – allerdings von der Sorte, der die Talking-Heads- und Kate-Bush-Platten im Schrank klar anzuhören sind. Mit einer Stimme, die auch bei Boygenius mitsingen könnte, kultivierte sie von Anfang an eine im Art-Pop nicht selbstverständliche Nahbarkeit und Bodenständigkeit. "Dream life" fährt in diesem Sinne wieder ein komplexes Instrumentarium zwischen Rockband, Synthpop und Orchester-Folk auf, schnürt dieses jedoch mit kontrollierten Melodien und Arrangements zusammen. Del Grandis Songs sind Miniaturen, die ihre Vielfalt nie ausgefranst wuchern lassen, aber dennoch zum einen oder anderen Höhepunkt zusammenwachsen.

Der Opener "You could perhaps" trägt seine Zweifel schon im Titel, sucht mit unsicheren Tasten nach Halt, wofür die ebenso ratlosen Drums und Vocal-Loops nicht gerade Unterstützung bieten. Deutlich selbstbewusster zappelt "Antarctica" aus den Boxen und hält das Versprechen, ohne große kryptische Verzweigungen zu texten: "Oh darling, don't be scared / You're too hard on yourself / Just keep on walking straight / And you will be okay." Der Song ist ein an der frühen St. Vincent geschultes Stück Indie-Funk, das Gitarren und Bläser im geschmackvollen Engtanz aufreibt. In ähnlichen Gefilden bewegt sich nur "Neon lights", in dem die Elektrische allerdings merklich dissonanter knatscht und sich bis zur Krach-Explosion auflädt. Von solchen Ausbrüchen will der Rest des Albums nichts wissen. Stattdessen balanciert "20 days of summer" vielschichtige Klangerzeuger und wundersame Melodien auf einem Bierdeckel und beweist, wie wohl sich Del Grandi mittlerweile in ihrem Stil fühlt. Das Titelstück zelebriert wiederum vollkommensten Folk-Wohlklang mit Kuhglocken und beschwingtem Refrain. Del Grandi mag die Radikalität mancher ihrer Vorbilder abgehen, doch hat sie dafür keine Hemmungen, sich hin und wieder ganz dem Pop zu öffnen.

Das gelingt vor allem im Über-Highlight "Alpha Centauri" großartig, das sich im Schlussdrittel mühelos zur Hymne aufschwingt. Da kann "Shoe shaped cloud" im Anschluss nur andächtig erstarren, auch wenn spacige Synth-Streicher es immer wieder emporzuheben versuchen. "Dream life" ist ein Album, dem man das gelernte Handwerk der Künstlerin dahinter im positiven Sinne anmerkt – weil Del Grandi genau weiß, wo sie hinwill, ihr Können aber nicht zum Zusammenschustern von Pop-Akademie-Hits nutzt, sondern trotz aller europäischen Eleganz ihre Verschrobenheiten bewahrt. Im Gegensatz zum Vorgänger gibt es diesmal keinen Song in der Muttersprache, aber einen anderen internationalen Handschlag: Die einnehmende Friedhofsballade "Some days" findet gespenstischen Widerhall in der tiefen Stimme von Fenne Kuppens, Frontfrau der belgischen Post-Punker*innen Whispering Sons. Dass Del Grandi genauso gut mit sich selbst harmonieren kann, zeigt das abschließende Selbstduett "Oh my father". Nach einem Start nur mit Akustikgitarre und Doppelgesang kommen graduell immer mehr Instrumente dazu – und plötzlich steht man an einem ganz anderen Punkt als zuvor, obwohl man sich nur kurz umgedreht hat. Wie im Traum eben.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • 20 days of summer
  • Alpha Centauri
  • Some days (feat. Fenne Kuppens)

Tracklist

  1. You could perhaps
  2. Dream life
  3. Antarctica
  4. 20 days of summer
  5. Alpha Centauri
  6. Shoe shaped cloud
  7. Neon lights
  8. Gold mine
  9. Some days (feat. Fenne Kuppens)
  10. Oh my father
Gesamtspielzeit: 36:17 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2026-01-30 11:03:23

Jetzt auch komplett bei Bandcamp:

https://martadelgrandi.bandcamp.com/album/dream-life

MickHead

2026-01-30 09:55:54

Komplette Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mN0D2QmtZ4snJ8tMA9xr3VRwEOlsdI8BA&si=kdzcc82jV_wURQN4

Rolling Stone 4/5

https://www.rollingstone.de/reviews/marta-del-grandi-dream-life/

Gaesteliste.de

https://gaesteliste.de/2026/01/29/review/marta-del-grandi-dream-life/

Armin

2026-01-22 20:27:35- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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