Adrian Artmann - Durchzug
Kreiskonsum / Monster TapesVÖ: 28.11.2025
Nichts anders außer allem
Es gibt im derzeitigen Kulturbetrieb kaum einen Begriff, der ähnlich wuterregend ist wie "Deutschpoeten". Ein Label-Kniff, um die Forsters, Giesingers und Leas dieser Zeit zu einer Art Ranghöhe zu erheben, die sie mit tatsächlichen Größen des Genres vergleichbar machen soll und ihnen allesamt nicht zusteht. Denn, um einen eigenen windschiefen Vergleich daneben zu stellen: Ein paar Zeilen zu Oma Tussneldas Silberhochzeit zu stottern, macht einen nicht zu einem Lyriker, und zu einem Poeten eben erst recht nicht. Poesie entsteht unweigerlich immer dort, wo mit Worten, die man kennt, Gedanken entstehen, die man noch nicht kennt. Routine und etwaiges Schema F, für das eingangs genanntes Popkultur-Gemüse steht, sind somit weiter von Poesie entfernt als Adrian Artmann von den vordersten Chart-Platzierungen. Das kann man nun entweder beschissen finden oder seinen Anteil leisten, die Lücken des Systems zu schließen. Nach fünfzehn Jahren in Diensten anderer Musikerkolleg*innen ist Artmanns Solo-Ansatz so simpel wie effektiv. Da die deutschsprachige Popmusik, um etwas gelten zu dürfen, entweder hundsmiserabel uncool und/oder schwülstig bedeutungsschwanger sein muss, warum nicht genau diese Annahmen brechen und einfach mal dringend nötige Basisarbeit am Fundament des Genres leisten?
"Es gibt 'nen Tümpel voller Titten, Blut und Zwietracht / Da sitzt 'n Zyniker mit Schleppnetz, der das Wetter macht" wandelt das hinlänglich bekannte Zitat des Presseorgans mit den vier Buchstaben aus dem Körperteil mit fünf Buchstaben in "Verdammter Vogel" in eine prägnante Statusmeldung aus den neuen Zwanzigern. Im Vortrag erinnert Artmann durch die Art, bestimmte Silben nur halb zu betonen, häufig an eine stimmlich hellere Variante von Balladen-Rio-Reiser. Das ist natürlich ein Vergleich, der aufgrund seiner Größe von Beginn an zum Scheitern verurteilt sein muss, aber die Schönheit liegt auf diesem Album darin, dass es mit so einer Selbstverständlichkeit für sich steht, dass für Nervenflattern beim Blick hinab von den Schultern der Giganten kein Raum bleibt: "Wenn Du mich gar nicht mehr erkennst / Und mich beim falschen Namen nennst / Bring' ich Dich zu Bett und deck' Dich zu / Und dann werd' ich Deine kalten / Kleinen Mütterhände falten und dann leg' ich Feuer / Und Du hast endlich Deine Ruh'."
Mit den Siebzigern und Achtzigern, der eigentlichen ersten Hochphase des deutschsprachigen Liedermachertums, verbindet man ja in der Tradition von Wader und Biermann auch das politische Lied. Anstatt dies aber so bleischwer und beklemmend wie die Urväter zu gestalten, wählt Artmann mit "Spargelsaison" das kleine Örtchen Elend bei Sorge im Harz (in welchem, nebenbei erwähnt, übrigens jährlich das empfehlenswerte "Rocken am Brocken"-Festival stattfindet), um dorthin schlichtweg alle abzuschieben, die ständig andere Mitbürger*innen abschieben wollen: "Und ich will mich auch nicht beruhigen / Und nein, ich will keinen Kuchen / Ich will 'Scheiße' brüllen und Deine Eltern verfluchen / Du rufst nach dem Propheten, auf dass er Dich erlöse / Sag mir: Bist Du so dumm oder bist Du böse?" Wie hier klanglich mit Motiven von Gassenhauern der Weimarer Republik und leichten Volksmusik-Bläsern gespielt wird, lässt dieses Gefühl alles verschlingender Piefigkeit und Rückständigkeit stärker aufkommen, als es ein Text überhaupt in der Lage wäre, auszudrücken.
"Du musst Dein Leben ändern, kleiner Meisenmann" – vermutlich nicht unabsichtlich eine Mixtur aus "Du musst Dein Leben ändern" von PeterLicht und dem hinlänglich bekannten "Meisenmann" von Helge Schneider – wirkt mit dieser Einschätzung erstmal wie eine unfassbar furchtbare Idee, entpuppt sich aber zu einem Kaliber von Song, den Udo Lindenberg wahrscheinlich selber gerne mal geschrieben hätte. Und ja, es ist der nächste große Name im wilden Reigen der Vergleiche, aber man kann sich gegen die Tragweite trotz Subtilität dieser Titel nur begrenzt erwehren. Wer Zeilen wie "Ich weiß, Du liebst den Mai, kleiner Meisenmann / Wenn man mit Sonnenbrille ärmellos im Flieder hocken kann / Nur ist der eh ziemlich belegt von Kolleginnen und Kollegen / – Kann auch gemütlich sein im März, bei Regen / Eier zu legen" nicht in sein Herz schließen kann, hat die deutsche Sprache nie geliebt. Apropos Dinge, die man nicht lieben kann: "Wien, wart auf mich" führt die große Tradition der Wiener Lieder wie beispielsweise des Georg Kreislers fort, verwendet dafür aber einen herrlich kitschigen Jive-Beat mit leichten Falco-Adaptionen: "Wien, Stadt der blutenden Toten / Wien, Stadt der geistreichen Idioten / Wien, Stadt der manischen Despoten / Wien, Wien, joa Wien / ... / Es ist kein großes Geheimnis / Wo die Gemeinheit daheim ist."
Mit "Beatles, Papa" und "Für Drei" endet "Durchzug" mit zwei Balladen, bei denen sich ein direktes Zitat ein wenig verbietet, da sie den transportierten Eindruck nicht adäquat einfangen könnten. Die Dankbarkeit für eine Kindheit, welche trotz seiner Schwierigkeiten und Hindernisse für Adrian offenbar eine freudige war, kann man natürlich reichlich schnulzig finden. Dazu muss aber auch ein gewisser Grad an Bitterkeit bereits vorliegen, um hier nicht vordergründig die Schönheit im Einfachen erkennen zu wollen. Adrian Artmann schafft es mit seinem Debüt, wozu in den letzten Jahren kaum ein deutschsprachiger Interpret in der Lage war: Ohne bildungsbürgerliche Fassade und ohne anbiedernde Dosenbeats Worte zu finden, von denen man sich wünscht, dass sie schon viel früher ins eigene Leben getreten wären. Dafür muss man weder studierter Germanist, Verhaltensforscher oder anderweitig hochdekoriert sein – sondern, und das ist trotz seiner Kitschigkeit die simple Wahrheit, einfach nur unverhandelbar und kompromisslos lieben, was man tut. Denn dann werden es unweigerlich auch andere tun.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Verdammter Vogel
- Spargelsaison
- Du musst Dein Leben ändern, kleiner Meisenmann
- Wien, wart auf mich
Tracklist
- Verdammter Vogel
- Nicht mehr kalt
- Durchzug
- Spargelsaison
- Du musst Dein Leben ändern, kleiner Meisenmann
- Wien, wart auf mich
- Beatles, Papa
- Für Drei
Im Forum kommentieren
gawain
2026-01-15 18:35:05
Gerade erst gemerkt, dass "Verdammter Vogel" ja schon von Ansa Sauermann gesungen wurde, kein Wunder, da Herr Artmann ja wohl schon in dessen Band musiziert hat. Mir waren die Textzeilen so vertraut, konnte mich aber keinen Song erinnern. Beide Versionen sind dabei ziemlich großartig.
Ituri
2026-01-10 16:05:35
Vielen Dank! Hierfür liebe ich plattentes.de! Denn ich wäre nie auf dieses Album gestoßen und jetzt, dank euch, reingehört, werde es bestellen und finde "Durchzug" und "Beatles, Papa" grandiose, herausragende Lieder!
Kontermutter
2026-01-09 11:51:46
Das freut wirklich mich sehr, dass Ihr Euch gerade mit dem Titel so verbunden fühlt. Das ist fairerweise auch der zentrale Song des Albums, aber ich persönlich habe es halt deswegen nicht als Highlight gesehen, weil (auch wenn mein Papa eine ähnlich wichtige Rolle für meine musikalische Prägung hat/te) es dann für mich zu viel "Namedropping" ist, um es so richtig genießen zu können. Es sind halt nicht "meine" Bands. Da hätte ich mir lieber gewünscht mehr darüber zu hören, WARUM einzelne Bands / Interpreten so eine emotionale Tragweite für ihn haben und es so für mich dann einfach nicht so tief geht, wie er es bei anderen Stücken macht. Es bleibt halt eine subjektive Sache.
Zusätzliche Kudos: Eine persönliche Dankesnachricht vom Interpreten mit Korrekturen wie genannt zu bekommen, hatte ich bisher auch noch nicht. Das ist echt lieb; feiner Kerl.
Also ja, am 13.02. ist Release-Party im "Fortschritt" in Dresden. Wer da auf der Ecke ist, gönnt Euch das mal. Ist auch erschwinglich.
Otto Lenk
2026-01-09 01:55:58
'Beatles, Papa' hat mich direkt in meine Jugend versetzt. Ich weiß, wovon er da singt.
MickHead
2026-01-08 22:45:06
Komplette Playlist bei YouTube:
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mdV30ahtfXMu0a-QoeF59DfXxQCDPGeMc&si=Ee5AHr1kjpAqLd11
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- Adrian Artmann - Durchzug (12 Beiträge / Letzter am 15.01.2026 - 18:35 Uhr)
