Los Thuthanaka - Los Thuthanaka
Los ThuthanakaVÖ: 22.03.2025
In rainbows
Elysia Crampton sagte einst: "Je älter ich werde, desto abstoßender möchte ich, dass sich meine Musik anfühlt." Und ja: Herausfordernder wurde sie in den letzten Jahren unter dem jüngsten Alias Chuquimamani-Condori, dessen verstreute Werke im Sommer 2025 in der 100-minütigen Compilation "Edits" neu zusammengefasst wurden. Man stelle sich vor, zwischen fünf Stereoanlagen mit verschiedenen Radiosendern zu sitzen, während eine bolivianische Musikkappelle vorbeiläuft und einem ein lachendes Alpaka eine Rassel gegen den Kopf schlägt. Popmusik als .zip-File. Dementsprechend macht auch das wenige Monate zuvor veröffentlichte "Los Thuthanaka" als gleichnamiges Duo mit Bruder Joshua Chuquimia Crampton keine Gefangenen, saugt die bolivianischen Aymara-Wurzeln der beiden US-Amerikaner nebst Einflüssen aus Noiserock, EDM und Dreampop einfach auf und komprimiert sie in ein dichtes instrumentales Gebilde, das so klingt wie nichts anderes.
Die einstündige Hyperaktivität ist definitiv nichts, um nebenbei die Wäsche zu bügeln oder Kreuzworträtsel zu lösen. Allein die (Nicht-)Produktion ist ein Faktor. Auf der Bandcamp-Seite – im Übrigen derzeit der einzige Ort, das Album für den angemessen karnevalistischen Preis von 11,11 US-Dollar zu bekommen – steht nur klein der Zusatz "[unmastered]", was nicht ganz den Kern der Sache erklärt. Wenn im Opener "Q'iwanakax-q'iwsanakax utjxiwa", dessen Titel das Duo mit "The queer people medicine are here" übersetzt, die ersten Gitarrenanschläge von Rauschen begleitet werden, liegt die Ursache nicht in einer geringen Proberaum-Qualität der Aufnahme, an die niemand mehr die Finger gelegt hat. Die Verzerrung ist rein digital, denn "Los Thuthanaka" ist so brüllend laut abgemischt, dass der Bandname Clipping eigentlich neu vergeben werden müsste. Aber Feinheiten und Dynamik sind sowieso für die Laufzeit abgemeldet. Die acht Stücke üben sich in leidenschaftlicher Überforderung und Reizüberflutung.
"Huayño 'Ipi saxra'" stellt mit den harschen Shouts und durchdrehenden Drums den heftigsten Angriff der Platte dar. Wen das "Yoyoyoyoyo"-Rodeo nicht abwirft, wird auch den Rest der Platte überstehen. "Los Thuthanaka" fordert aber nicht nur einseitig, auch wenn es verlangt, sich darauf einzulassen. Kurz reinhören ist hier nicht, nach einiger Zeit zerfließen die gefühlt tausenden Elemente und Geräusche jedoch in ein unglaublich energiereiches und kickendes Ganzes, das die Laune immens hebt. "Caporal 'Apnaqkaya titi'" – zu deutsch: "fahrbare Katze" (!) – wiederholt das ausnahmsweise mal in kurz und bündig, aber nicht minder effektiv. Am stärksten tritt dieser Effekt im 12-minütigen Herzstück "Kullwada 'Awila'" ("queere Oma") zutage. Eine brutale perkussive Attacke wird einfach so lange wiederholt, bis sich jegliche Abstoßung in Wohlgefallen auflöst und eine hypnotische Qualität offenbart, die ihresgleichen sucht, in welcher Zeit keine Rolle mehr spielt. In der die Tradition der Geschwister Chuquimia Crampton durch die Verzerrung der Moderne gespiegelt wird. Sternzeichen Nintendo-Core, Aszendent "Von der Regenbogen-Piste in 'Mario Kart' gefallen".
Dass "Los Thuthanaka" nicht zum ungenießbaren Dauerfeuer wird, dafür sorgen gekonnt platzierte (relative) Ruhepole, in denen die Textur gegenüber dem Rhythmus in den Vordergrund tritt. Der undurchsichtig bleibende Opener ist so ein Fall, ebenso das stimmungsauflockernde "Huayño 'Phuju'". Ganz großartig macht dies "Parrandita 'Sariri Tunupa'". Nach wirrem Radiogelaber breitet sich eine flächige Collage aus, wie eine Traumsequenz. Das Geballer ist plötzlich zwei Kilometer entfernt, eine Parade dudelt vorbei und ein Synth legt sich als wohlige Decke darauf. Das nagende Gitarrenmotiv im Closer "Salay 'Titi ch'iri siqititi'" ist noch eine letzte Herausforderung, bis "Los Thuthanaka" die Kinder schweißgebadet aus dem Bälleparadies hinausschubst. Man kann diese Musik schwer beschreiben, man muss sie fühlen und erleben. Und sich nicht von den offensichtlichen Barrieren irritieren lassen, denn egal, was Crampton sagt, am Ende siegt hier die unter tausend Reflektionen verborgene Schönheit. Los Thuthanaka sprengen Schubladen, aber halten Dir gleichzeitig einen Schild zur Deckung davor.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Huayño "Phuju"
- Kullwada "Awila"
- Parrandita "Sariri Tunupa"
Tracklist
- Q'iwanakax-q'iwsanakax utjxiwa
- Jallalla ayllu Pahaza marka qalaqutu pakaxa
- Huayño "Ipi saxra"
- Huayño "Phuju"
- Caporal "Apnaqkaya titi"
- Kullwada "Awila"
- Parrandita "Sariri Tunupa"
- Salay "Titi ch'iri siqititi"
Im Forum kommentieren
myx
2026-01-23 21:16:33
Ok, dann schaue ich mal. :) Ich fand ja 2 und 3 ziemlich toll!
Felix H
2026-01-23 21:11:43
Danach kommen aber die beiden besten Tracks. :)
myx
2026-01-23 19:20:41
Ich fand's bis Track 5 eigentlich ganz gut, danach hat es doch angefangen, mir auf die Nerven zu gehen. Vielleicht höre ich den restlichen Teil mal separat.
nörtz
2026-01-23 17:30:27
Die werden doch seit 25 Jahren von jemandem manipuliert. :D
VelvetCell
2026-01-23 17:00:28
Letzter Platz der Lesercharts mit einer Durchschnittsbewertung von 1.36. Was da los?
Oder einfach nur ein neuer Beweis für die Lächerlichkeit der Lesercharts.
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- Los Thuthanaka - Los Thuthanaka (8 Beiträge / Letzter am 23.01.2026 - 21:16 Uhr)
