Nourished By Time - The passionate ones
XL / Beggars / IndigoVÖ: 22.08.2025
Reim auf Schmerz
Der Kapitalismus ist nicht gerade dafür bekannt, Leidenschaften zu fördern. Solange das Herz nicht an der Lohnarbeit hängt, muss die Selbstverwirklichung in den kurzen Zeitfenstern passieren, welche die 40-Stunden-Woche offenlässt. Marcus Brown kennt diesen Struggle: Sein Debütalbum als Nourished By Time, "Erotic probiotic 2", musste er im Keller seiner Eltern aufnehmen, während er als Friseur oder Bauarbeiter jobbte. Da jene Platte für einen Mini-Durchbruch sorgte, kann er die Musik mittlerweile in Vollzeit wuppen, doch das soziale Bewusstsein ist geblieben. "The passionate ones" erzählt davon, in einer in sich zusammenfallenden und dabei den Menschen zerdrückenden Gesellschaft das zu tun, was das Herz und nicht das Bankkonto befriedigt. Stilistisch lässt sich Brown dabei weiterhin kaum greifen, zumal die als erstes in den Kopf schießenden Referenzen – ein introvertierterer Yves Tumor, ein gutgelaunter Dean Blunt – selbst höchst chamäleonhaft unterwegs sind. Zwischen Alternative-R'n'B, Disco und Indie-Pop ist "The passionate ones" eines der eigenständigsten und kämpferischsten Alben 2025, das zu jeder Sekunde die Arme ausbreitet.
Dabei artikuliert Brown zunächst vor allem romantische Sehnsüchte, aber nicht nach Flüchtigkeiten, sondern nach etwas Profundem, Handfestem – einer Liebe, die Narben hinterlässt, wie es in "Idiot in the park" heißt. "My body won't feel nothing until my skin touches you", verspricht unverhohlen der Opener "Automatic love", der 40 Sekunden lang mit unschlüssigen Synths hantiert, ehe er sich zum Soul-Schmachter mit funkiger Percussion erhebt. Browns Bariton schafft indes das Kunststück, seine Bedroom-Pop-Schüchternheit nie ganz abzulegen und sich dennoch voll zu verausgaben. Mit verzerrter Gitarre klaubt "Max potential" im Refrain die Trümmer eines stadiontauglichen 80er-Synth-Rock-Hits zusammen, während Brown seine Prioritäten ordnet: "If I'm gonna go insane / At least I'm loved by you." Der Twist: Dem besungenen Du fehlt die Leidenschaft, die der Erzähler in seine Emotionen steckt. Wie ein Interlude kurz darauf klarmacht, versteht sich "The passionate ones" als Kult, der Hingabe auf beiden Seiten voraussetzt.
"We don't have to be so average", fordert dementsprechend "It's time", das mit düster groovendem Bass davon erzählt, wie sich wahrgewordene Träume in Ängste verwandeln können. Wie viele seiner Vorbilder hat Brown verinnerlicht, dass man den aussichtslosesten Situationen am besten tanzend begegnet. "9 2 5" nutzt einen fidel pumpenden House-Beat, um seine Hauptfigur beim Jonglieren von Brotjob und künstlerischer Erfüllung zu beobachten. Wie so oft gelingt dieser Spagat nicht ohne Hilfe rauschauslösender oder sedativer Substanzen – ein Thema, das auch durch "Jojo" geistert. Browns Gospel-naher Gesang findet hier einen interessanten Kontrast zu den Rap-Versen von Tony Bontana, dem einzigen Feature-Gast des Albums. Bei all den "crazy people" um einen herum bleibt man eben lieber für sich – und entwickelt aus dieser Perspektive heraus eine ungetrübte Vision wie im gleichnamigen Song, der zwischen großen Piano-Anschlägen und Synth-Ausbrüchen seinen Frieden findet: "Wrote my story every night / Learned the power of the mind / There's beauty in the world / It made me tongue-tied / It took me ten years / But I'm on time."
Der einzige Moment, in dem diese so elegante Platte dem Wahnsinn von außen nachzugeben droht, heißt "Baby baby". Eine Surf-Gitarre schlingert durch Browns Stream of Consciousness, während dieser im endlos wiederholten Titel seine Stimmbänder in bester King-Krule-Manier ausleiern lässt. Nach diesem Kurzschluss findet das letzte Albumviertel zur Sanftheit zurück. "I want you to know that I'm reaching for you", proklamiert der US-Amerikaner im schlicht wunderschönen "Tossed away", verziert von unter die Haut hallenden Glockenklängen. "When the war is over" will schon mit Kopfnicker-Beat und Synth-Streichern in aller Seelenruhe davondriften, doch der Titeltrack hat noch nicht genug. Ein besonders detailreiches Instrumental baut den triumphalen Refrain auf, Brown zieht noch ein letztes Mal Bilanz: "Love can be painful / Love can be great / I met a girl / And she can relate." Manchmal kann es so einfach sein.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Automatic love
- Max potential
- Tossed away
- The passionate ones
Tracklist
- Automatic love
- Idiot in the park
- Max potential
- It's time
- Cult interlude
- 9 2 5
- Crazy people
- Jojo (feat. Tony Bontana)
- Baby baby
- Tossed away
- When the war is over
- The passionate ones
Im Forum kommentieren
vincent92
2026-01-12 09:58:35
Danke für den Tipp.
Überragendes Album :-)
Armin
2026-01-05 19:48:35- Newsbeitrag
Frisch rezensiert als "Vergessene Perle 2025".
Meinungen?
Ituri
2025-12-09 09:44:06
Habe gerade meinen Poll abgesetzt. Das Album musste ich noch per Hand zu Fuß eingeben. Hat es echt keinen hier erreicht? :-(
MickHead
2025-09-10 23:11:48
Playlist bei YouTube:
https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_mfEqcJKDPDs9_oLVs-xw9IDdp4Pgxt0zg&si=17Tl7aq5V3UvhPTw
Rolling Stone 4/5
https://www.rollingstone.de/reviews/nourished-by-time-the-passionate-ones/
MusikBlog
https://www.musikblog.de/2025/08/nourished-by-time-the-passionate-ones/
Tour 2025:
Nov 10, 2025
Nochtspeicher
Hamburg, Germany
w/ Laura Groves
Nov 13, 2025
Säälchen
Berlin, Germany
w/ Joviale
Ituri
2025-09-10 18:09:24
Kein Thread hierzu? Keine Meinung? Bin eher zufällig drauf gestoßen und zog mich trotz R'n'B-Anleihen, die eher nicht so mein Fall sind, total in den Bann.
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- Nourished By Time - The Passionate Ones (5 Beiträge / Letzter am 12.01.2026 - 09:58 Uhr)
