Nation Of Language - Dance called memory

Sub Pop / Cargo
VÖ: 19.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 8/10
8/10

Traurig schön

Diese Hipster wieder. Wie sie da verloren auf der Bühne stehen und auf ihren Instrumenten herumdrücken. Und diese Klamotten, also wirklich. Aber die Musik, die ist gut. Verdammt gut sogar. Eine Mischung aus Shoegaze und Synthpop, ein schlingerndes Ansingen gegen die Hässlichkeit der Welt. Nation Of Language heißt die Band, "Dance called memory" das Album. Seit gut einem Jahrzehnt bereichern die US-Amerikaner die Szene mit ihrer eigenartig zeitlosen Musik. Ian Richard Devaney, Aidan Noell und Alex MacKay werden wahrscheinlich nie Arenen füllen, aber das Leben vieler Menschen ein kleines bisschen schöner machen. Und das muss doch, verdammt noch mal, reichen. Schon die ersten Takte von "Can't face another one" machen klar, dass hier Harmonie großgeschrieben wird. Schwebende Synthesizer-Linien treffen auf einen stoisch dahingrummelnden Bass, während Devaney seiner Gitarre genau die Töne entlockt, die noch gefehlt haben. Dazu pluckert die Drum-Machine vor sich hin, fast beiläufig.

Genau diese Beiläufigkeit ist es, die Nation Of Language aus der Masse vergleichbarer Bands heraushebt. Die Songs passieren einfach. Es dauert nicht lang, bis man sich in ihnen zurechtfindet. Kristallklare melodische Motive tragen die Kompositionen, während Delaneys Stimme nicht nur im Timbre an Andy McCluskey von OMD erinnert. Ähnlich wie die Synthpop-Pioniere aus England benötigen Nation Of Language keine opulenten Arrangements, um den maximalen Effekt zu erzielen. Meist genügen ein paar präzise gesetzte Akzente, um aus einer schönen eine hinreißende Idee zu machen. Wer dies nachvollziehen möchte, möge sich "Under the water" zu Gemüte führen. Der Song verzichtet auf jeglichen Ballast und ist genau aus diesem Grund ein kleines, großes Meisterwerk.

So richtig laut wird es selten, einzig das grandiose "I'm not ready for the change" tritt das Verzerrerpedal durch. Hier begeistert vor allem der herrliche Gitarrensound, der in bester My-Bloody-Valentine-Tradition umherwabert. Doch auch in ruhigeren Augenblicken trifft das Trio die richtigen Entscheidungen: Das melancholische "In your head" mag beim ersten Hören unspektakulär wirken, entfaltet mit der Zeit aber eine ungemeine Sogwirkung. Auch hier ist es der Minimalismus, der den Song zum Glitzern bringt. Minutenlang passiert nur wenig, ein simpler Achtelnoten-Groove lädt zur Meditation ein. Wenn dann nach einer gefühlten Ewigkeit die lang erwartete Steigerung herniederfährt, gibt es kein Halten mehr, die letzte Minute des Stücks ist mit dem Wort "euphorisch" noch vorsichtig umschrieben.

Und dann ist da noch "Inept Apollo", ein Wunderding von einem Song. Die schlimmsten Verben der Welt klopfen an und verlangen, eingelassen zu werden: Alles pluckert, wabert und franst herzerweichend vor sich hin. Nun könnte man sich natürlich darüber echauffieren, dass das alles viel zu kitschig ist, aber wer so etwas macht, verteilt an Halloween wahrscheinlich auch mit Schokolade überzogene Zwiebeln, um die Kinder mal so richtig leiden zu lassen. Glücklicherweise lassen sich die Unkenrufe durch gezieltes Drehen an den Lautstärkereglern ausblenden. Es kann, es muss auch Musik geben, die einfach nur schön klingt. Melancholie ist weit mehr als nur ein Gefühl, sie ist eine Lebenseinstellung.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • I'm not ready for the change
  • Inept Apollo
  • Under the water
  • In your head

Tracklist

  1. Can't face another one
  2. In another life
  3. Silhouette
  4. Now that you're gone
  5. I'm not ready for the change
  6. Can you reach me?
  7. Inept Apollo
  8. Under the water
  9. In your head
  10. Nights of weight
Gesamtspielzeit: 41:29 min

Im Forum kommentieren

musie

2026-01-06 09:06:05

...für mich ist der Grundsound nicht so experimental, sondern total old-school-80er...

Thomas

2026-01-06 08:13:45

Interessanter Take, an The Art Of Noise hatte ich gar nicht gedacht bei Nation Of Language, weil sie für mich immer eher Experimental als Synth-Pop waren. Stattdessen als Referenz vielleicht auch Xeno & Oaklander, mehrso?

musie

2026-01-06 06:52:47

...unmittelbar vor dem Konzertstart läuft bei Nation of Language regelmässig Moments in Love von Art of Noise. Das ist natürlich vollkommen passend und sagt auch einiges zum Sound...

Würde sich auch in den Referenzen noch gut machen ;-)

musie

2026-01-05 20:57:33

Schön gibts noch eine Rezi, und die ist gelungen! Bei mir auf Rang 2 der Jahresbestenliste, hinter Wallners und vor Monolink, und ich hab das Gefühl, Dance Called Memory könnte noch zur gefühlten Nr.1 of 2025 werden…

Armin

2026-01-05 19:48:26- Newsbeitrag

Frisch rezensiert als "Vergessene Perle 2025".

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