Jule - Es ist nie zu spät für Frühstück

Zeitstrafe / Cargo
VÖ: 12.12.2025
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 3/10
3/10

Das ganz normale Lieben

Müsste man Schubladen beschriften und die Hamburger Künstlerin Jule einsortieren, es fühlte sich komisch an, bewegen sich die hier versammelten Stücke doch irgendwo zwischen Singer-Songwriter, Indierock und schnellem Deutschpunk. In erster Linie sind die Songs ihres Debüts "Es ist nie zu spät für Frühstück", das über das kleine Liebhaber-Label Zeitstrafe erscheint, brutal offen und emotional geraten. Und deswegen faszinierend.

Exemplarisch eröffnet das großartige "Anders gewollt" die Platte inmitten der letzten Züge einer Liaison, auf deren digitaler Anzeige der Status "irgendwie an die Wand gefahren" blinkt: "Mit zittrigen Fingern steh ich hier / Hab die Bücher gelesen und die Tipps befolgt / Um am Ende wieder da zu stehen / Als hätt ich's nie anders gewollt." Jules zarte Stimme bricht plötzlich, der Song mündet in ein intensives Riff. Gutes Stichwort für den eingängigen Punkrocker "Schwer", der sich raffen muss und will, das just Eingerissene wirklich hinter sich zu lassen. Dass das nicht easy ist? Kennt man: "Ich bin besser im Bleiben als im Gehen."

Über Ängste, Gefühle und emotionale Gemütsregungen zu sprechen, ist selten easy. Und doch so wichtig. Jule gelingt genau das in ihren Songs. Sie erzählt offen vom Kampf, sich einem Menschen zu öffnen, der sich bemüht, weil der eigene Rucksack einfach schon so schwer wiegt. "Fühl mich wirklich gut bei Dir / Doch merk's in meinem Bauch / Alles zieht sich zusammen / Ich glaub, ich würd gern." Das zarte "Zuhause" wabert auf Gesang und E-Gitarre, ist einen Schritt weiter, beschreibt das gute Gefühl von Vertrauen, die seltenen Phasen, in denen man sich vorstellen kann, dass es gut wird: "Mit Dir macht meine Panik Pause", singt Jule, und es fühlt sich hier beinah an wie eine Liebeserklärung. Berührend gelingt auch "Irgendetwas mit Wiederholung", das Duett mit Hannes Wittmer.

Ob laut oder leise: Jules Songs berichten von der immerzu lauernden Überforderung und von vielen Versuchen, sich zu verstehen, sich selbst auszuhalten. Jule wählt meist den klassischen Ansatz des Songwritings, früher gab es ohnehin nur das Mikro und ihre Gitarre. Doch die Band, mit der sie nun auch die Tour bestreitet, bringt Wucht und Energie. So entstehen kleine Pogo-Hits wie das Deutschpunk-Stück "Meine Schuld/Deine Schuld", das die Boxhandschuhe des Alltags, all die kleinen Kämpfe und Rechthabereien, zwar mit leichtem Augenzwinkern, aber immer doch mit der nötigen Hartnäckigkeit führt.

Sozialkritisch wird's in "An der Bar", denn mal wieder wurde ein männliches Objekt laut und übergriffig, ungeachtet dessen, wie unwohl sich die Angesprochene fühlt. Jule schnaubt: "Wieso fühlt sich das hier an wie ein Streit / Du weißt doch noch nicht mal, wie ich heiß?" Und ganz gleich, wie man lebt, landet man doch vor der in unseren Zeiten überbordenden Frage: Was bleibt, wenn die Sicherheit fehlt? Dragoslav Stepanovic, einstiger Bundesliga-Kult-Trainer, würde ebenso nüchtern wie zuversichtlich antworten: "Lebbe geht weida."

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Anders gewollt
  • Schwer
  • Meine Schuld/Deine Schuld
  • Zuhause

Tracklist

  1. Anders gewollt
  2. Schwer
  3. Heute Abend
  4. Irgendwas mit Wiederholung (feat. Hannes Wittmer)
  5. Meine Schuld/Deine Schuld
  6. Du bleibst
  7. Unter meiner Haut
  8. An der Bar
  9. Wut (feat. Tilman von Tigeryouth
  10. Zuhause
  11. Beruhig Dich, Du stirbst nicht
Gesamtspielzeit: 37:55 min

Im Forum kommentieren

Obrac

2026-01-29 12:33:25

Starkes Album. Feine Melodien, schöne Atmosphäre, solide Produktion. Ich mag die ruhigeren Nummern mehr, aber das ganze Album ist rund.

Grizzly Adams

2026-01-07 16:31:56

Ja, hm, ist ja auch jetzt nicht so schlimm. Bin trotzdem angetan. :-)

Klaus

2026-01-07 16:30:59

Siehst du vielleicht mobil nicht, aber das sind reguläre Rezensionen.

Grizzly Adams

2026-01-07 16:29:02

Gefällt. Hatte sofort Assoziationen zu Nichtseattle. Die Redaktion offenbar nicht, wenn ich auf die Referenzen schaue. Schön, dass mit Adrian Artmann noch ein weiteres deutschsprachiges Album für die vergessenen Perlen ausgewählt/gefunden wurde.

Mr Oh so

2026-01-07 15:25:29

Albumtitel schonmal herausragend.

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