Arm's Length - There's a whole world out there
Pure Noise / OPENVÖ: 16.05.2025
Emo ist 'ne Gang
"I am self aware / And that's what makes me scared": Allein diese Erkenntnis haben Arm's Length vermutlich so mancher Emo-Kapelle nicht nur aus dem US-amerikanischen Mittleren Westen voraus. Außerdem kommen sie auch gar nicht aus den Staaten, sondern gehen ihr Genre automatisch mit kanadischer Aufrichtigkeit an. Der Blick über den (eigenen) Tellerrand steht für das Quartett aus Ontario eh an erster Stelle: "There's a whole world out there", auch wenn es sich bei Herzschmerz und dadurch verursachtem Tunnelblick oft ganz anders anfühlt. Der Weg aus der Misere und dem Selbstmitleid ist das zentrale Anliegen ihres zweiten Albums. Noch dazu hat der Bandname nichts mit Corona-Sicherheitsmaßnahmen zu tun, Arm's Length sind nämlich bereits seit 2018 am Start. Ganz im Gegenteil: Es geht darum, Menschen zusammenzubringen. Wo ginge das besser als unisono im Pit, mit in die Luft gereckten Fäusten und aus vielen vollen Kehlen, in verständnisvollem Miteinander.
Derart post-hardcorig wie im von Frontmann Allen Steinberg noch verzweifelt herausgepressten Opener "The world" ist die Truppe auf Albumlänge nicht unterwegs, sondern lässt ihren Sound durch Pop-Punk-Theatralik, mehrstimmige Vocals und gar den ein oder anderen Folk-Tupfer beherzt atmen. Besonders "Fatal flaw" schlüpft direkt ins Ohr, berichtet mit einwandfreier Laut-Leise-Dynamik vom Abstreifen des alten Selbsts, vom Erwachsenwerden und dem nicht immer zwangsläufig nur melancholisch-schmerzhaften Blick zurück – "Romanticize the past for fucking once" und schau, wie weit Du gekommen bist. "Just lucky to be living", heißt es anschließend in "Funny face"; hier musiziert die Band schon nahe am Heartland-Rock, dem sie durch heftige Breaks aber die nötige Energie verleiht. Es zeigt sich: Der Emo von Arm's Length ist weit entfernt von weinerlichen oder, schlimmer noch, passiv-aggressiven Sadboy-Klischees, sondern konzentriert sich ganz aufs Versöhnen und Mutmachen.
Wenn schließlich gar der Tod in den Irish Pub Einzug hält und erfolgreich zurückgeschlagen wird, gelingt ihnen das sogar auf herausragende Weise: "You ominously end" wandert von Ukulele-Sessions über hymnische Höhen in brachialen Hardcore und findet seinen Weg unbeschadet wieder zurück. Gänsehaut beschwören Arm's Length allerdings auch noch mit weiteren Mitteln: Das darf in "Palinospia" dann ebenso gern ein Streicher-Anfall sein, ohne dass man den ganz großen Kitsch befürchten müsste. Die obligatorische Songwriter-Einlage kommt in Gestalt von "Early onset" daher, erweckt kurzzeitige Assoziationen an Owl Citys "Fireflies", beweist jedoch: Die Band beherrscht die Konventionen ihres Sounds und ihrer Szene aus dem Effeff. Aber anstatt sie zu dekonstruieren, setzt sie sie einfach richtig gut um. Ob nun die Midwest-Emo-Gitarre in "Halley", die besonders mitreißende Textlastigkeit von "The weight" oder der epische, beinahe siebenminütige Rausschmeißer "Morning person": Distanzen sollen überwunden werden, geht bitte alle aufeinander zu. Denn dann haben wir das Schlimmste schon bald überstanden, gemeinsam Hand in Hand.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Fatal flaw
- The weight
- You ominously end
- Morning person
Tracklist
- The world
- Fatal flaw
- Funny face
- The weight
- Palinospia
- The wound
- You ominously end
- Early onset
- Genetic lottery
- Attic
- Halley
- Morning person
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Beefy
2026-01-06 13:31:55
Cool, dass sie doch noch ein wenig Wertschätzung erhalten. Tolle Platte mit Texten, bei denen sich das Hinhören lohnt.
Logarythms
2026-01-05 23:26:54
Bei mir auf der #2, hinter Ethel Cain. Herausragendes Album einer herausragenden Band.
Yndi
2026-01-05 22:49:25
Schön, eine Rezi für mein Album des Jahres. Das Debüt ist mindestens genau so gut. Direkt vom Start weg eine der besten Emo-Bands der 20er.
Armin
2026-01-05 19:46:42- Newsbeitrag
Frisch rezensiert als "Vergessene Perle 2025".
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- Arm's Length - There's a whole world out there (4 Beiträge / Letzter am 06.01.2026 - 13:31 Uhr)
