Dry Cleaning - Secret love

4AD / Beggars / Indigo
VÖ: 09.01.2026
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Fest im Blick

Bevor sie zur sprechsingenden Frontfrau von Dry Cleaning wurde, verausgabte sich Florence Shaw als visuelle Künstlerin. Vielleicht ist dieser Hintergrund ausschlaggebend dafür, dass die Londoner Band nach der Schamhaar-Seife von "Stumpwork" erneut ein einprägsames Covermotiv auffährt, das an Geschmacksgrenzen knabbert: "Secret love" ziert ein Porträt von Shaw bei der Augenspülung. Ausdrucksstark ist auch weiterhin ihre Bildsprache, die sich in teils surrealen Impressionen über die Post-Punk-Texturen ihrer Bandkollegen legt. Für die Aufnahmen ihres dritten Albums machten Dry Cleaning eine internationale Session-Tour, ließen sich von namhaften Musiker*innen inspirieren und beraten. Nach einem Aufenthalt in Jeff Tweedys Chicagoer Studio demolierten sie gemeinsam mit Gilla Band Schlagzeuge in Dublin, ehe sie im französischen Loiretal bei Cate Le Bon landeten, die letztlich auch die Platte produzierte. All die unterschiedlichen Einflüsse verdichten sich zu Dry Cleanings zugänglichstem Album bisher, auf dem sich Shaw öfter als zuvor der Melodie hingibt und die mal sanfte, mal knarzige Musik verschiedene Genres streift. Auf "Secret love" ist es nicht nur das aufgerissene Auge, das einen in den Bann zieht.

Wie auf den Vorgängern beherrscht der Vierer weiterhin die Balance zwischen knackigen Beinahe-Hits und sich langsamer entfaltenden Kompositionen. Der Opener "Hit my head all day" breitet sich mit verspielter Percussion und groovendem Bass über sechs Minuten aus und steigert sich in ein ungemein einnehmendes Instrumentalfinale hinein. Der Gitarrensound erinnert stark an Le Bon, der ganze Song sei aber ursprünglich von Sly & The Family Stones "There's a riot goin' on" inspiriert gewesen, was nicht zuletzt in der textlichen Auseinandersetzung mit der US-Rechten herauszuhören ist. Das folgende "Cruise ship designer" ist nicht einmal halb so lang, inszeniert sich als eingängiger Indie-Rocker mit fast gesungenem Refrain – zumindest so lange, bis die Riffs am Ende dissonant durchdrehen. Der Titelheld steht beispielhaft für die skurrilen Figuren, die Shaws Texte bevölkern – unangenehmer ist eigentlich nur der Liebhaber von verkohltem Fleisch im passend benannten "Evil evil idiot". Doch Dry Cleaning brillieren oft gerade dann, wenn sie ganz unzynisch zu Werke gehen. "The cute things" schämt sich etwa nicht für seine Herzaugen und zündet im Refrain kleine Wohlklangsgranaten, umschwirrt von einem seltsam-schönen Sound zwischen Slide-Gitarre und Streichinstrument.

In eine ähnliche Kerbe schlägt "Let me grow and you'll see the fruit", das seine Bläser ohne jede Noise-Schlagseite rotieren lässt und sich in klassischem britischem Folk-Rock sonnt – nicht umsonst nennt der Promo-Text hier Pentangle als Referenz. Die stilistischen Verschrobenheiten von Dry Cleaning machen schlicht großen Spaß, zeugen von einer nonkonformistischen Haltung ebenso wie von unbelasteter Spielfreude. "My soul / Half pint" schlingt seine Saiten um einen trockenen Rhythmus, ehe ein Piano dazukommt und die harte Schale des Tracks aufknackt. "Rocks" rumpelt wiederum mit brösliger Verzerrung aus dem Schuppen und beschleunigt in der Hook auf Hardcore-Tempo, während Shaw gelangweilt durchs Moshpit schlurft. Der Abschluss von "Secret love" gerät dahingegen erstaunlich zahm. "I need you" setzt auf einfühlsame Synths, bevor der optimistische Closer "Joy" ein einfaches, positives Mantra formuliert: "Don't give up on being sweet." Auch wenn ihre Covermotive etwas anderes suggerieren, haben Dry Cleaning dies ja schon immer selbst beherzigt. Von so liebenswert verpeilten Schraubenlocker*innen, die das Kuriositätenkabinett des Menschseins in eigenwillige Musik verpacken, würde man sich jederzeit die Augen ausspülen lassen.

(Marvin Tyczkowski)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Hit my head all day
  • My soul / Half pint
  • Rocks
  • The cute things

Tracklist

  1. Hit my head all day
  2. Cruise ship designer
  3. My soul / Half pint
  4. Secret love (concealed in a drawing of a boy)
  5. Let me grow and you'll see the fruit
  6. Blood
  7. Evil evil idiot
  8. Rocks
  9. Thr cute things
  10. I need you
  11. Joy
Gesamtspielzeit: 41:01 min

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saihttam

2026-01-23 00:58:22

Die Familienschildkröte

ijb

2026-01-23 00:39:31

Wer ist Gary?


Ja, da gibt's keine klare Antwort. Ich hatte da einfach grad nicht so Lust auf das Album, als es rauskam. Hatte halt so den Eindruck aufgeschnappt, dass es einfach "more of the same" wäre. Ich fand auch das Cover ziemlich doof (und machte mir keine Lust auf die LP). Zugegeben, das neue Cover haut mich auch nicht vom Hocker.

saihttam

2026-01-23 00:22:55

Warum das zweite Album ausgelassen? Angst vor Enttäuschung? Dann unbedingt nachholen!
Allein schon wegen Gary!

ijb

2026-01-19 22:45:45

" Kann ich null mit anfangen. Dieser lethargische Sprechgesang, die quasi komplette Abstinenz von Melodien. Furchtbarer Arty Fartsy Kunstschulen Pop Akadaemie Mist. Wer findet sowas gut? Hab sie 2024 im Vorprogramm von Nick Cave gesehen und war einfach einschläfernd."

+1
Wobei ich sagen würde: Die Band war okay, aber komplett losgelöst von der Sängerin.


Ich hab die ebenfalls im Vorprogramm von Nick Cave gesehen und fand die da ebenfalls überhaupt nicht überzeugend. Der Saal war zu groß und der Sound war furchtbar. ABER: Ich hab die bei der ersten eigenen Tour im SO36 gesehen, und das war SEHR gut. Ich war (und bin) (oder sagt mal korrekt: war, bin und werde bleiben?) auch großer Fan des ersten Albums. Das zweite hab ich ausgelassen, hatte keine große Lust drauf, aber das neue hab ich mir jetzt spontan gekauft, stimme fakeboy, saihttam und myx zu, bin aber nach zwei Durchläufen noch nicht ganz so begeistert wie vom Debüt, das ich gestern abend auch mal wieder aufgelegt hab - und das ist echt immer noch sehr, sehr stark. Ich werd die neue Platte morgen wohl mal mit ordentlicher Lautstärke abspielen; daann mal sehen...

fakeboy

2026-01-19 22:27:29

Jetzt hat's mich auch wieder reingezogen. Schön wie der Sprechgesang immer wieder in Singsang mündet. Und die Gitarren sind subtiler, aber immer noch toll und sehr eigen. Instrumental mehr Details als früher aber alles etwas subtiler. Drums und Bass wunderbar stoisch und auf den Punkt. Auch gut: die Stimme ist wieder mehr eingebettet. Auf Stumpwork war sie definitiv zu sehr in den Vordergrund gemischt.

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