Mulatu Astatke - Mulatu plays Mulatu

Strut / Indigo
VÖ: 26.09.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Altersgroßwerk

Es gibt Weltstars, die zeit ihres Künstlerlebens solche bleiben. Außerdem gibt es Stars, deren Ruhm mit den Jahren verblasst, an die man sich höchstens in deren Herkunftsländern erinnert. Und es gibt Stars, die erst spät zu Weltruhm gelangen. Mulatu Astatke gehört zu letztgenannten. Jahrzehntelang musizierte Astatke, ohne dafür außerhalb seiner äthiopischen Heimat auf größere Resonanz zu stoßen. Doch dann kam "Broken flowers". In seiner tragischen Komödie aus dem Jahr 2005 ließ Jim Jarmusch Hauptdarsteller Bill Murray auf der Suche nach dessen Sohn durch eine schrullig-schöne Szenerie stolpern, die mehrere Stücke Astatkes perfekt untermalten. Ein filmisches Meisterwerk verschaffte musikalischen Geniestreichen Jahrzehnte nach deren Veröffentlichung Gehör – und dem Begründer des Ethio-Jazz den so späten wie verdienten internationalen Durchbruch. Astatke, inzwischen in seinen Achtzigern, geht mit dem Auslöser für die Erlangung seiner späten globalen Bekanntheit offen um: Auf dem Konzert seiner diesjährigen Abschiedstournee in Huxleys Neuer Welt stellte er "Yèkèrmo sèw" als jenen Song "aus einem Film" vor – was in Berlin für begeisterten Applaus sorgte. Der schelmische Titel des jüngsten Studioalbums der Jazz-Legende ist Programm: "Mulatu plays Mulatu" versammelt musikalische Highlights der sechs Jahrzehnte umspannenden Karriere Astatkes, ist dabei jedoch keineswegs eine schnöde Best-of-Zusammenstellung. Neben zwei bisher unbekannten Kompositionen wartet es mit Neueinspielungen auf.

All denjenigen Uneingeweihten, die beim Wort "Neueinspielungen" nach der Nennung des Alters Astatkes skeptisch geworden sind, darf Entwarnung gegeben werden: "Mulatu plays Mulatu" fällt mitnichten in die Kategorie der manchmal etwas verschämt als solche bezeichneten Alterswerke, in denen ehemals spannende Tracks alters- oder massengeschmacksbedingt gekürzt und geglättet, Viertel- zu halben Noten und Soli gestrichen werden. Ganz im Gegenteil. Nicht allein "Yèkèrmo sèw" wird in einer längeren und vertrackteren Version gespielt. Kam das Original aus dem Album "Ethio jazz" knapp über die Vier-Minuten-Grenze, gönnt der Meister ihm nun fast die doppelte Länge, inklusive eines ausgedehnten, improvisiert klingenden, angenehm loungigen Mittelteils, der den ohnehin großartigen Song aufwertet. Auch "Chik chikka", dessen ursprüngliche Fassung 2009 erschien, gewinnt durch das numerisch verstärkte Ensemble an Dringlichkeit. Offenheit gegenüber mannigfaltigen musikalischen Einflüssen zeigt "The way to Nice". Den Weg in die Stadt der Reichen und Schönen geleiten an die Titelsongs einiger James-Bond-Klassiker erinnernde Bläser.

Astatkes Soli am Vibraphon, einprägsame Saxophon- und Trompetenmotive sowie die Nutzung äthiopischer Instrumente wie einer Krar und einer Beganna: Der Trademark-Sound des Mannes aus Jimma und seiner Band bleibt unverwechselbar. Und doch unterscheidet sich das neue Werk von früheren LPs nicht nur durch seine größere Komplexität, sondern auch durch den verstärkten Anteil somnambul-melancholischer Blas- und Zupfinstrumentpassagen, die den Songs eine neue Gravitas verleihen. Falls Astatke mit "Mulatu plays Mulatu" seine Diskographie beschließen sollte, täte er es mit einem Karrierehighlight. Die psychedelisch-verträumten Neuinterpretationen von Songs wie "Nètsanèt" laden zur Wieder- oder auch erstmaligen Entdeckung der faszinierenden Welt des Ethio-Jazz ein. Mal entführen sie mit Klaviersoli in die 5-Sterne-Lounge, mal zu den Klängen einer Masinko in die Danakil-Wüste. Anders als "Broken flowers" lässt "Mulatu plays Mulatu" am Ende keine Fragen offen. Und beantwortet auch jene, ob das Wort "Altersgroßwerk" ein Widerspruch in sich sei, klar und deutlich: Nein, ist es nicht.

(Dennis Rieger)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Yèkèrmo sèw
  • Chik chikka
  • The way to Nice

Tracklist

  1. Zèlèsènga dèwèl
  2. Kulun
  3. Nètsanèt
  4. Yèkèrmo sèw
  5. Azmari
  6. Chik chikka
  7. The way to Nice
  8. Motherland intro
  9. Motherland
  10. Mulatu
  11. Yèkatit
Gesamtspielzeit: 61:25 min

Im Forum kommentieren

Loketrourak

2025-12-19 21:57:05

Ethio Jazz ist schon faszinierend (wobei ich das Gefühl habe, Astatke allein bespielt dieses Feld), weil es so spirituell mäandert , um einen Akkord herum droned und spezifische in den Bann ziehende Skalen bedient. Ich durfte Astatke dieses Jahr im September in der Elphi auf seiner finalen Tour sehen, und das war ganz großartig.

Armin

2025-12-19 21:27:26- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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