Die Nerven - Live im Elfenbeinturm

333 / Broken Silence / Zebralution
VÖ: 05.12.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

Schwäbisch G'witter

"Wir nehmen die letzten Stunden fette Jahre gerne mit / Warum hab ich Angst, aber Du nicht?"

Kaum eine Zeile, jene stammt aus dem Stück "Das Glas zerbricht und ich gleich mit", bringt diese grotesk anmutenden Zeiten, in denen wir leben, besser auf den Punkt. Eine Welt, geprägt von politischem Populismus, von Lügen und Shitstürmen im Netz, von selbstherrlichen Auftritten erstarkter Despoten und Nationalisten. Die Menschen erhalten Nachhilfe im Unsolidarischen. Benzin überall, zu viel Stoff für das bereits lodernde Feuer. Wachsende ökonomische Ungleichheit, Fluchtbewegungen und Klimawandel bilden den globalen Treibstoff hin zur Apokalypse. Schuld daran? Sind natürlich die Armen, die Flüchtlinge, oder, äh, die Linken natürlich. Lassen wir das. Wer das alles nicht mehr kann, wer die kopfeigene Festplatte auf "Format C:" stellen möchte, geht womöglich in die Kneipe – oder zu einem Die-Nerven-Konzert.

Hier kann man sich darauf verlassen, dass man Strobo-Gewitter, Bass-Geballer und Killer-Riffs bekommt. Und lautstärkemäßig mal so richtig eins übergebraten. Das wummernde Bassspiel von Julian Knoth, Kevin Kuhns cholerische Drums und Max Rieger, bei dem man nie ganz weiß, ob er sich an der Gitarre oder am Mikro stärker auskotzt – längst sind die Stuttgarter zu einer der besten Livebands des Landes gereift. Gerissen, wie das nimmermüde Trio ist, legen Die Nerven mit "Live im Elfenbeinturm" bereits die zweite Live-Platte vor. Einst gab's nach dem Erscheinen des dritten Albums "Live in Europa", nun macht der Chronograf nach der sechsten Studio-LP halt. Ein Dokumentations-Ansatz, der dem Publikum nur recht sein kann.

Denn "Live im Elfenbeinturm" versammelt viele Banger der "Fake"-, "Die Nerven"- und "Wir waren hier"-Ära. Was jene Stücke vereint, ist eine gewisse Eingängigkeit, welche die Band mittlerweile sehr gut beherrscht, ohne an Durchschlagskraft einzubüßen. Gleich die ersten sechs Tracks kommen in identischer Reihenfolge wie auf dem aktuellen Studiowerk daher. Dass die Explosivitäts-Skala und der Lärmpegel ein wenig weiter nach oben ausbrechen als die Studioaufnahmen, ist müßig zu erwähnen. Hier tut sich insbesondere das inmitten gemeinsamen Jammings gefeierte "Große Taten" hervor, weil Wucht und Melodie eine packende Symbiose bilden. Die Nerven reihen wie selbstverständlich Highlight an Highlight, ganz gleich, ob aktuelle Stücke wie das eingangs erwähnte "Das Glas zerbricht und ich gleich mit" oder das schwebend-atmosphärische "Achtzehn".

Die flirrende Gitarre und jene damit generierte, umarmende Melodie von "Keine Bewegung" lässt ebensowenig los wie der Blick in den großen asylpolitischen Spiegel namens "Europa", vor dem man eine gewisse konservative Partei komplett versammeln sollte – beide Songs stammen vom selbstbetitelten Album. Die Leise-Laut-Abrissbirne "Der Erde gleich", die der Dreier beinahe über zehn Minuten zelebriert, und der wütend-schnaufende Banger "Frei" dürfen bei einer Die-Nerven-Show genausowenig fehlen wie "Eine Minute schweben", der Band-Klassiker aus den frühen Tagen. Natürlich wünscht man sich beim Hören dieser Live-Kollektion aus diversen 2025er-Konzerten einfach nur raus aus der Wohnung, rein in die verschwitze Menge – weil man die spezielle Aura der Stuttgarter eben dort, abseits des privaten Elfenbeinturms, noch intensiver spürt. Das Versöhnliche daran: Egal, wie beschissen vieles ist und womöglich noch werden wird: Für Die Nerven ist nach der Tour meistens vor der Tour. Wir sehen uns!

(Eric Meyer)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Das Glas zerbricht und ich gleich mit
  • Große Taten
  • Keine Bewegung
  • Eine Minute schweben
  • Frei

Tracklist

  1. Als ich davonlief
  2. Das Glas zerbricht und ich gleich mit
  3. Große Taten
  4. Wir waren hier
  5. Wie man es nennt
  6. Achtzehn
  7. Europa
  8. Niemals
  9. Aufgeflogen
  10. Keine Bewegung
  11. Ein Tag
  12. Der Erde gleich
  13. Eine Minute schweben
  14. Angst
  15. Frei
  16. Dunst
Gesamtspielzeit: 75:55 min

Im Forum kommentieren

Sneedlewoods

2025-12-17 09:31:45

Entweder man hat die Nerven für die Musik des Trios. Oder nicht! Namentlich schon länger bekannt. Aber musikalisch nur bedingt meine Baustelle. Deswegen, sollen andere hören und gut finden. Fehler! Eine Live Album kann nur bedingt das gesamte schaffen einer Band widerspiegeln, aber als Einstieg ist "Live im Elfenbeinturm" gut geeignet. Ich tue mich immer noch schwer mit der Einordnung der Band in eine passende Kategorie. Post-Punk ist m.M. aber am besten passend. Zusammengefasst können die drei Musiker auf das wesentliche konzentriert, weil das Trioformat im positiven Sinne limitiert, eine besonders intensive Atmosphäre erzeugen. So gehört, hat es sich gelohnt, dem Album und der Band eine Chance gegeben zu haben.
8/10

Armin

2025-12-10 21:12:00- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

foe

2025-10-10 19:21:23

Vinyl bestellt.

boneless

2025-10-10 15:49:46

Korrektur: Berlin hat auch nur ein Datum und zwar am 12.02., da hat sich bei den Nerven ein Fehler eingeschlichen.

boneless

2025-10-09 22:17:55

Wir freuen uns sehr, unser neues Livealbum »LIVE IM ELFENBEINTURM« ankündigen zu dürfen. Es erscheint am 5. Dezember 2025 auf unserem eigenen Label 333.

Ihr könnt es ab morgen als Doppel-LP oder als CD vorbestellen.

»LIVE IM ELFENBEINTURM« ist die ideale DIE NERVEN Show, die so natürlich niemals stattgefunden hat. Sie umfasst vor allem Material unserer letzten Albumtrilogie, bestehend aus »FAKE«, dem schwarzen Album und »WIR WAREN HIER«.

Unsere Songs sind darauf ausgelegt, live performt zu werden, und wir hoffen, dass wir den bestehenden Songs mit diesen Liveversionen noch mal etwas Neues, Unmittelbares und Gefährliches haben hinzufügen können.

Selbstredend fahren wir auch wieder auf Tour. Tickets könnt ihr ab morgen vorbestellen.

Wir freuen uns ungemein!
LOVE, DIE NERVEN
Julian, Kevin, Max


Unglaublich gute Nachricht. Es gibt kaum eine Band, bei der ein Livealbum so viel Sinn macht wie bei den Nerven.

Tourdaten:

11.02.26: Berlin, SO36
12.02.26: Berlin, SO36
13.02.26: Dresden, Beatpol
14.02.26: Jena, Kassablanca
18.02.26: Hamburg, Markthalle
19.02.26: Münster, Sputnikhalle
20.02.26: Köln, Gloria
21.02.26: Karlsruhe, P8
25.02.26: Wiesbaden, Schlachthof
26.02.26: Luzern (CH), Südpol
27.02.26: München, Strom
28.02.26: Erlangen, E-Werk

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