K.I.Z. - Görlitzer Park (Live aus Leipzig)
Eklat / WarnerVÖ: 14.11.2025
Der Phimosenkavalier
Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieser Rezension teilt der Release von "Hahnenkampf" mein bisheriges Leben zeitlich ziemlich genau in der Hälfte. 2007, an den Toren zur Volljährigkeit, als man noch mit irgendwelchen Killerspiel-Debatten und dem Aufstocken der eigenen Mediensammlung per Kazaa beschäftigt war, war dieses Album von K.I.Z. eine Art Test, wie sich eine humanistische Gymnasialbildung denn so mit einem durch besonders grafische Tabubrüche kurzgeschlossenen Denkapparat verträgt. Dass "Möwen auf der Schulter" zu haben damals recht schnell ein – wie passend! – geflügeltes Wort im Schuljahrgang wurde, dürfte andeuten, wie dieses Kräftemessen ausging. In einer Generation, die als pubertierende Digitalnomaden mit dem DSL-Internet ohnehin schon ihren eigenen Spielkasten abseits von elterlichen Einflüssen gefunden und daher wenig Grund und Muße zu irgendeiner Rebellion hatte, musste es zwangsläufig so sein, dass irgendeine beliebige Mutterfickerei als Provokation nicht mehr taugte.
Nun, eine volle Adoleszenz später, regt sich dafür keine wirkliche Nostalgie. Es war laut und dreckig, aber spätestens beim ersten eigenen Rummachen gab das ganze Gepose dann doch leidlich durchtrainierten weichen Knien nach. Es war halt nie so gemeint, wie man es mitsang, zumindest nicht für einen selbst. Der Planet Erde hat sich glücklicherweise dazu entschieden, sich einige Male weiter um sich selbst zu drehen, und K.I.Z. veröffentlichen mittlerweile auch deutlich mehr Songs, die dem Gehirn das Gegenteil von Urlaub geben. Mit dem Leipzig-Konzert der "Görlitzer Park"-Tour zeigt sich diese Entwicklung anhand der Setlist sehr anschaulich: Während die "bösen" Songs von früher eher dazu dienen, die Menge erst mal auf Betriebstemperatur zu bringen, entfällt der absolute Großteil des Konzerts auf die in gewisser Weise nicht weniger brutalen Schilderungen einer abgefuckten Gesellschaft am Rande der Wohlstandsverwahrlosung. Ironisches Musikhören war damals noch möglich, weil man den Zynismus der Realität schlicht noch nicht begriffen hatte. Heute wiederum lässt sich genauso wenig ironisch Musik hören, wie man ironisch irgendwo wohnen kann.
Auf eine Art fühlt sich das Konzert der Berliner wie ein Heimspiel an, vermutlich weil auch Berlin sich in dieser Zeit einem Wandel unterzogen hat und sich Leipzig so ein wenig wie der spirituelle Nachfolger der "sich selbst sortierenden" Großstadt anfühlt. Es ist ein Ort, in dem Texte wie in "Sensibel" oder "Sommer meines Lebens" vielleicht noch mal ein bisschen näher am wilden Herzen liegen. Es fühlt sich ein wenig unwirklich an, dass die drei Herren in ihrer fast feingeistigen Beobachtungsgabe damals angeblich so schlechter Umgang gewesen sein sollen (oder vielleicht auch waren. Ich bin ja kein Verhaltensforscher). Man spürt noch immer die Wut als kreative Antriebsfeder, aber mittlerweile überträgt sich die Energie, anstatt jemandem einfach nur ins Gesicht zu explodieren. Aus Problemkindern sind über die Jahrzehnte Künstler ihres Faches geworden, und textsicheres Publikum dankt es ihnen – idyllisch vereint im Wissen um die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und des eigenen Selbsts im Speziellen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- VIP in der Psychiatrie
- Sommer meines Lebens
- Kinderkram
- Sensibel
- Grabstein
- Familienfeier
Tracklist
- Frieden
- VIP in der Psychatrie
- Ehrenlos
- Urlaub fürs Gehirn
- Unterfickt und geistig behindert
- Bier
- Berlin wird Dich töten
- Sommer meines Lebens
- Görlitzer Park
- Hurra die Welt geht unter
- Vierspur
- Applaus
- Filmriss
- Kinderkram
- Neuruppin
- Illuminati
- 2001
- Sensibel
- Rap über Hass
- Geld wie ein Magnet
- Samstag ist Krieg
- Grabstein
- DJ Set
- Der durch die Scheibeboxxxer
- Undertheker
- Walpurgisnacht
- Wahrheit Part 1
- Wahrheit Part 2
- Ich ficke Euch (alle)
- Ich mache Geld
- Ein Affe und ein Pferd
- Familienfeier
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Armin
2025-12-10 21:11:31- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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