Herbert Grönemeyer - Unplugged 2 – Von allem anders

Vertigo / Universal
VÖ: 17.10.2025
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 6/10
6/10

Es kann nur einen geben

Herbert Grönemeyer ist nicht mehr so wichtig. Ein Satz, der ein bisschen schmerzt. Denn vor gut 20 Jahren, auf dem Zenit seines Ruhms, war Grönemeyer der Künstler, auf den sich die meisten Leute einigen konnten. Diese Fähigkeit scheint abhandengekommen zu sein, was sicher nicht die Schuld des gebürtigen Göttingers ist. Er hat seit "Mensch" konstant Alben veröffentlicht, die sich gut verkauften. Die Arenen kriegt er ohnehin voll, auch der Nostalgie wegen. Es ist jedoch lange her, dass ein neuer Grönemeyer-Song die Massen bewegte. Folgerichtig befindet sich der Künstler nun in der Verwaltungsphase seiner Karriere. Man hält Rückschau, stolz und nachdenklich, so wie es sich für ältere Herren geziemt. "Unplugged 2 – Von allem anders" ist Dokument dieser neuen Perspektive. Es ist ein schönes, durchweg wohlklingendes Album, das äußerst kompetent eingespielt und produziert wurde. So ein bisschen egal ist es allerdings auch.

Dabei gibt sich Grönemeyer wirklich Mühe. Jeder Song wurde für die Sessions in den Berliner Hansa Studios neu arrangiert, die Band agiert mit großer Spielfreude. Und Herbert sprechsingsangt wie zu besten Zeiten, auch wenn die Stimme ein bisschen kratziger als früher klingt. Klassiker wie "Der Weg", "Flugzeuge im Bauch" und "Demo (Letzter Tag)" kann ohnehin nichts zerstören. Spannend ist, wie viele eher unbekannte Titel ausgewählt wurden. So ist "Unplugged 2" nicht einfach nur ein weiteres Best-of ohne Verstärker, sondern der Versuch, der zweiten Karrierehälfte Bedeutung abzuringen. Und Tracks wie "Sekundenglück" oder "Das ist los" müssen sich vor früheren Großtaten nicht verstecken, sie besitzen vielleicht nicht deren Intensität, zeugen jedoch von großer Abgeklärtheit, ohne dabei den Spaß an der Sache zu vergessen.

Von den Gästen machen besonders Peter Fox in "Warum" und BRKN in "Doppelherz / Iki gönlüm" eine gute Figur. Vor allem der letztgenannte Song gewinnt in der Live-Version an Kontur. In den ruhigeren Momenten darf auch der Rundfunkchor Berlin ein paar "Oohs" und "Aahs" beisteuern. Ob es das braucht? Wahrscheinlich nicht, aber irgendwo muss das Budget ja hin. Je länger das Album läuft, desto deutlicher wird zudem, dass mittelmäßige Songs einfach mittelmäßige Songs bleiben, egal, wie man sie arrangiert. Tracks wie "Fang mich an" oder "Turmhoch" sind alles andere als schlecht, sie dudeln jedoch vorbei, ohne Eindruck zu hinterlassen. Die größte Schwäche des späten Grönemeyer bleibt, dass er es zwar gut meint, aber lyrisch oft an der Selbstpersiflage entlangschrammt. Nachzuhören ist dies in "Angstfrei", einem Song, der zwar das Richtige sagt, aber dabei ungefähr so wirksam ist wie die steuerpolitischen Ideen der FDP.

Grönemeyers Kernkompetenz war aber ohnehin schon immer die präzise Beobachtung des Zwischenmenschlichen. Und hier hat er nichts verlernt: "Flieg" ist eine unscheinbare, aber wunderschöne Ballade, die auf Pathos verzichtet und genau deshalb mitten ins Herz trifft. Und auch "Mut" berührt dank jener unnachahmlichen Mischung aus impressionistischer Dichtung und zarter Ironie, die nur ein Grönemeyer kreieren kann. So ein bisschen ist er wie der Highlander der deutschen Musikszene: Es kann nur einen geben. Andere mögen kurzzeitig an seinem Sockel gerüttelt haben, das Denkmal bleibt jedoch intakt. Grau und rissig ist es geworden, der Glanz früherer Tage liegt unter einer Schicht von Patina. Herbert Grönemeyer war nie ein Revolutionär, sondern immer nur das Spiegelbild des Zustandes einer Nation. Dafür kann er nichts, es hat sich eben so ergeben.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Flieg (feat. Suena)
  • Das ist los
  • Der Weg
  • Mut

Tracklist

  1. Sekundenglück
  2. Flieg (feat. Suena)
  3. Mensch
  4. Doppelherz / Iki gönlüm (feat. BRKN)
  5. Ich dreh mich um dich
  6. Herzhaft
  7. Das ist los
  8. Flugzeuge im Bauch
  9. Fang mich an
  10. Angstfrei
  11. Der Weg
  12. Mut
  13. Demo (Letzter Tag) (feat. Lea)
  14. Fall der Fälle
  15. Warum (feat. Peter Fox)
  16. Deine Hand (feat. Balbina)
  17. Lebe mit mir los
  18. Unfassbarer Grund
  19. Turmhoch
  20. Neuer Tag
  21. Glück
  22. Mein Lebensstrahlen
  23. Zeit, dass sich was dreht
Gesamtspielzeit: 87:08 min

Im Forum kommentieren

Ochsensemmel

2025-12-12 18:48:31

Live kann ich mir den Bre nicht so gut geben, der fängt dann immer wie Westernhagen an so knödelig zu röhren, da zieht sich bei mir alles zusammen. Immerhin macht das der Herbert nicht auf seinen Studioaufnahmen. Deswegen Banger! Würde ich unironisch in die Top100 der 90er-Songs nehmen. Vielleicht sogar Top50. Ha!

Ochsensemmel

2025-12-12 18:44:35

"Bleibt Alles Anders" ist aus meiner Sicht hervorragend gealtert klanglich, kann die immer wieder auflegen und bin begeistert wie das klingt und arrangiert ist, das könnte man auch heute nochmal so aufnehmen.

In der Tat ein richtiger Banger vom Herbert also der Titeltrack!

andygoestohollywood

2025-12-12 17:11:35

Musikalisch relevant ist jetzt Duettpartnerin Lea, nur ist mir das Original von Demo wesentlich lieber..soviel zur Unplugged 2, der Herbie soll ein paar Ehrenrunden drehen und sich feiern lassen nach fast 50 Jahren Karriere.

Takenot.tk

2025-12-12 10:29:56

"Bleibt Alles Anders" ist aus meiner Sicht hervorragend gealtert klanglich, kann die immer wieder auflegen und bin begeistert wie das klingt und arrangiert ist, das könnte man auch heute nochmal so aufnehmen.
Da hätte ich mir ehrlich gesagt auch ein zwei Nummern mehr von gewünscht in dem neuen Programm - so als Album spricht mich diese Unplugged ohnehin eher wenig an (weil ja, Grönemeyer ist nicht mehr so wichtig, bzw. musikalisch relevant, wie er es mal war), aber ich hatte eines seiner beiden Berlin Konzerte dazu gesehen, und live kam das wirklich gut und frisch rüber.

andygoestohollywood

2025-12-12 09:59:56

"Was muss muss" ist die perfekte Zusammenstellung eines großen Künstlers, wobei "Morgen" und "Roter Mond" auch nochmal schön waren.

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