The Fall - Seminal live (2025 remaster)

Beggars / Indigo
VÖ: 05.09.2025
Unsere Bewertung: 7/10
7/10
Eure Ø-Bewertung: 5/10
5/10

His remaster's voice

Manchmal muss man schon beim Titel eines Albums hell auflachen. Zum Beispiel bei diesem: Ein Remaster ausgerechnet bei The Fall aufzulegen, erfordert schon ein Mindestmaß an Chuzpe oder zumindest Humor. Wenn ein Klassiker-Album neu abgemischt oder gemastert wird, geschieht das bekanntermaßen normalerweise, um die Segnungen moderner Studiotechnik zur Anwendung und vormals medioker klingende Aufnahmen zumindest HiFi-mäßig auf den aktuellen Stand zu bringen. Die Zielgruppe sind dementsprechend auch zumeist ebenso einsame wie backenbärtige High-End-Freaks, die sich daran delektieren, wie irgendwo halbrechts im Stereopanorama ein besonders gut eingefangenes Ridebecken gülden schimmert. Was zur Hölle muss hingegen jemanden reiten, der ausgerechnet ein Live-Album von The Fall diesem neumodischen Veredelungsprozess unterzieht? Von einer Band, bei der das Prinzip "LoFi" zweifellos zur DNA gehört? Was haben Mark E. Smith und die Seinen im jahrzehntelangen Bestehen der Formation schon für Dinger rausgehauen. Üble italienische Vinylpressungen mit dem Frequenzgang eines Telefongesprächs der 80er-Jahre, rumpelnde und eiernde Aufnahmen – nein: Audophile Genüsse waren das zumeist nicht, dafür umso energetischere und zwingendere Klangwelten irgendwo zwischen Wut, Stumpfheit und Repetition, garniert mit schlechtgelaunt vorgetragenen sardonischen Textkaskaden, von einem schmallippigen Despoten in Lederjacke und Bundfaltenhose rotzig ins Auditorium gebellt.

Wer sich also fragt, was das alles soll, der sollte nicht vorschnell urteilen: Denn tatsächlich ist "Seminal live" ein kleines Wunderwerk: Ganz erstaunlich, was die Tonkutscher im Studio aus dieser im Original arg matschigen Produktion herausholen konnten. Rund sieben Jahre nach dem Tod von Mark E. Smith klingen The Fall hier nämlich frischer denn je. Man hatte vielleicht schon vergessen, wie innovativ diese Band war. Man höre sich zum Beispiel das komplett wahnsinnige "Mollusc in Tyrol" an: Das ist zwar kein Spaziergang, aber in seiner Konsequenz und Fremdartigkeit mindestens ebenso wegweisend wie das, was Scott Walker, Suicide oder auch Psychic TV zu besten Zeiten angestellt haben. Natürlich gibt es auch deutlich zugänglichere Tracks, allen voran die Mitgröhl-Hymne "Victoria" oder das wunderbar im Wechsel aus Uptempo und Midtempo daherstolpernde "Pay your rates", welches eindrucksvoll zeigt, welche zauberhafte Energie das Genre Punkrock freisetzen kann – vor allem, wenn es durch Smiths Genöl und Gebell auf Links gedreht wird. Ein reines Live-Album ist diese ursprünglich 1989 veröffentlichte Platte übrigens nicht: Die Hälfte der Tracks sind Studioaufnahmen, Bühnenmitschnitte warten dann erst in der zweiten.

Höhepunkt ist definitiv "Elf prefix / L.A.", wo nach einem eher unzugänglichen Intro die Essenz von The Fall freiliegt: Basslinien, auf denen man Häuser bauen kann, superstumpfe Gitarrenriffs, treibend-sachdienliches Schlagzeug in Uhrwerk-Manier – und darüber nuschelt sich Mark E. Smith in Rage. Wer so etwas dank Gnade der frühen Geburt live erleben dürfte, der kann bezeugen: So etwas hat es in dieser Intensität seitdem definitiv nicht mehr gegeben. Ja, es ist einfach nur ein verdammtes Elend, dass es diese Band nicht mehr gibt. The Fall haben eine Nische besetzt und nach Smiths Tod eine Lücke hinterlassen, die vermutlich niemals wieder auch nur annähernd in dieser Art und Weise ausgefüllt werden kann. Dass das alles jetzt mit weniger Rauschen und Rumpeln und stattdessen mit klarerem und dynamischerem Sound genossen werden kann, ist ein echter Verdienst. Insofern: Kudos all denen, die sich an dieses Projekt herangewagt haben und den The-Fall-Sound in die Gegenwart transportiert haben, ohne die rohe Magie, ja den Wahnsinn früher Auftritte dafür zu opfern.

(Jochen Reinecke)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Elf Prefix / L.A.
  • Victoria
  • Pay your rates

Tracklist

  1. Dead beat descendant
  2. Pinball machine
  3. H.O.W.
  4. Squid law
  5. Mollusc in Tyrol
  6. 2 by 4
  7. Elf prefix / L.A.
  8. Victoria
  9. Pay your rates
  10. Introduction / Cruiser's creek
Gesamtspielzeit: 41:03 min

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dogs on tape

2025-12-18 19:51:25

Wunderbare Rezension. The Fall = GOAT

Armin

2025-12-10 21:10:54- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

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