Depeche Mode - Memento mori: Mexico City
Columbia / SonyVÖ: 05.12.2025
Massenhypnose mit Dave und Mart
Plattenkritik ist niemals objektiv. Und dann beauftragen die einen Devotee mit der Rezension der neuen Live-Veröffentlichung von Depeche Mode. Was soll denn dabei herauskommen? Nun, als jemand, der sonst auch für die deutsche Depeche-Mode-Fanseite schreibt, sich im einen oder anderen Fanforum herumtreibt und mehrere – aber nicht zig – Konzerte pro Tour in verschiedenen Ländern besucht, kann ich Euch versichern: Fans der Band sind mitunter die härteren Kritiker. "Spirits in the forest" beispielsweise, die Live-Platte zur Tour davor, würde bei einer Umfrage unter dem harten Kern wohl nicht mal eine 5/10 bekommen. Dabei waren die zugrundeliegenden Konzerte in der Berliner Waldbühne mit die besten in der Bandgeschichte. Aber was dann beim Erstellen der zugehörigen Konserve passierte, kann nur als Kreativunfall bezeichnet werden: Beim Konzertfilm stimmen Ton und Bild nicht überein beziehungsweise passt die Geschwindigkeit nicht, und die Audioversion klingt, als hätte sie ein mittelmäßig begabter Bootlegger unter dem Mantel mitgeschnitten. Es gab also durchaus Sorgen hinsichtlich "Memento mori: Mexico City". Hier darf jedoch Entwarnung gegeben werden.
"Memento mori" war vor zweieinhalb Jahren ein großer Wurf, den viele Depeche Mode nicht mehr zugetraut hätten. Ein dunkles Meisterwerk und ein würdiger Nachruf – auch wenn das ursprünglich nicht so gedacht war – auf den während der Entstehungsphase plötzlich und viel zu früh verstorbenen Andrew "Fletch" Fletcher. Es folgte wie immer die große Welt-Tour. Bei der man sehr gut sehen konnte, wie Martin Gore und Dave Gahan, die Egos, die Künstler, die so unterschiedlichen Köpfe, sich angesichts des Todes in die Musik stürzten. Da war es eine kluge Idee, Konzertfilm und Live-Album in Mexiko aufzunehmen, jenem Land, das einen ganz eigenen Umgang mit dem Tod pflegt. Nicht nur rund um den "día de los muertos". Das kommt ganz gut im Film "Depeche Mode: M" herüber, den der preisgekrönte Regisseur Fernando Frías an jenen drei Abenden inm Foro Sol in Mexico City drehte. Wie hingegen der reine Konzertfilm ohne die optischen Elemente und dokumentarischen Szenen funktioniert – und ob technisch dieses Mal alles stimmt – kann an dieser Stelle mangels Materialsichtung noch nicht beurteilt werden, daher geht es nun nur um die Live-Platte (natürlich erscheint alles zusammen oder getrennt voneinander in allen erdenklichen Formaten). Hierfür wurde ein Mitschnitt aus den drei Abenden gebastelt, wobei mit einer Ausnahme die identische Setlist des ersten und dritten Gigs ausgewählt wurde.
Die Aufnahme ist – wie auch die Kameras im Film – ganz dicht dran an den Stimmen Gahans und Gores. Die Intensität, mit der die beiden sich neu in ihre Musik verliebt zu haben scheinen, ist zu spüren, das haben auch mitreisende Vorbands wie Suzie Stapleton und Hope bestätigt. Ob man jetzt Keyboarder Peter Gordenos gelegentliche Improvisationen mag oder Christian Eigners Schlagzeugspiel mitunter als eine Spur drüber (aber das war schon mal schlimmer) empfindet, sei's drum. Dass die Fans mal mehr, mal weniger und oft kaum zu hören sind – ein ewiger Diskussionspunkt bei Live-Alben. Zumal das mexikanische Publikum, wie auf dem Bildmaterial zu sehen ist, in den letzten Jahren eine Metamorphose von den vormals mit lautesten und leidenschaftlichsten Fans zu komplett mitfilmsüchtigen Smombies durchgemacht hat. Also genießen wir lieber die Wucht des eröffnenden "My cosmos is mine", gefolgt vom kraftwerkesken "Wagging tongue", lassen uns von Dave begrüßen und freuen uns über die herrliche Live-Version des Geniestreichs "Walking in my shoes". Jubeln mit den Fans, die nicht vorab bei setlist.fm geschmult haben, über die überraschend und auf dieser Tour erstmals in der Studioversion gespielte und somit von Gahan gesungene Perle "Sister of night". Ärgern uns ein bisschen, dass der dunkle Diamant "In your room" wieder nur im "Zephyr mix" läuft. Feiern die "grabbing hands" auf der Leinwand und das schicke Intro zum Klassiker "Everything counts" und kichern über Daves Jodler (immer an derselben Stelle natürlich). Bekommen Gänsehaut beim tieftraurigen "Speak to me" und den beiden daran anschließenden, von Martin gesungenen Stücken. Hier wurde neben dem neuen "Soul with me" statt "A question of lust" das grandiose "Home" vom zweiten Abend bevorzugt. Danach, das weiß der Kenner, steigt die Hitdichte und sinkt das Überraschungslevel. Der frische Hit "Ghosts again" rauscht neben seinem Ingmar-Bergman-Hommage-Video flott durch, "I feel you" und "A pain that I’m used to" rocken hinterher. Dann der Moment, an dem viele Tränen fließen: "World in my eyes", erklärter Lieblingssong von Fletch, wird wie an jedem Abend zum Gedenken, bei dem zwischen den hochgehaltenen Händen Fletchs Brille, Augen und Herzen verschmelzen – hier in Mexico City zusätzlich mit Unmengen an hochgehaltenen Fletch-Porträts. Berührend. Er fehlt.
Schön auch, dass das brillante "Wrong" wieder dabei ist, auch wenn dieses vertrackte Stück sowohl rhythmisch als auch gesanglich eine echte Herausforderung ist, an der Dave immer noch arbeitet. "Stripped" hingegen ist ein ewig majestätischer Selbstläufer, ebenso der Überhit "Enjoy the silence", der das reguläre Set beschließt. Die Zugabe eröffnet "Waiting for the night", minimalistisch instrumentiert und wunderschön von beiden Sängern als Duett ganz vorn auf dem Laufsteg dargeboten. Ein letzter Moment des Innehaltens, bevor das finale Klassikertrio nochmal alle ausrasten lässt und dafür sorgt, dass ein emotional durchgefeiertes Publikum strahlend das Foro Sol verlässt. See you next time! Bitte bald!
PS: Als Bonus gibt es die die vier während der "Memento mori"-Sessions aufgenommenen Songs, die damals nicht auf die Platte passten, vor allem wohl aus Gründen des perfekten Albumflows. Das elektrobluesige "Give yourself to me" wäre eine Bereicherung für "Delta machine" gewesen. "Life 2.0" ist eine kleine Überraschung – wie Gahan mit dem den Songtitel wiederholenden Vocoder duettiert, ist mal was anderes. Das an "Sounds of the universe" erinnernde "Survive" mit den wiederkehrenden Zeilen "We’ll survive, still survive" stand bei der Promo noch am Schluss. Nun steht da das elegische "In the end", mit dem wir am Ende alle nichts und Staub sind. Hach, diese ewigen Optimisten.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Walking in my shoes
- Everything counts
- Speak to me
- Home
- World in my eyes
- Stripped
- Waiting for the night
Tracklist
- Part 1
- M (Film)
- Part 2
- Memento mori: Mexico City (Konzertfilm)
- Part 3
- Intro
- My cosmos is mine
- Wagging tongue
- Walking in my shoes
- It's no good
- Sister of night
- In your room
- Everything counts
- Precious
- Speak to me
- Home
- Soul with me
- Ghosts again
- I feel you
- A pain that I'm used to
- World in my eyes
- Wrong
- Stripped
- John the revelator
- Enjoy the silence
- Waiting for the night
- Just can't get enough
- Never let me down again
- Personal Jesus
- Survive (Bonustrack)
- Life 2.0 (Bonustrack)
- Give yourself to me(Bonustrack)
- In the end (Bonustrack)
Im Forum kommentieren
Cayit
2025-12-18 09:24:18
Hammer Konzert !!!
Dumbsick
2025-12-16 06:56:07
Das mit den Bonus-Tracks stimmt. Life 2.0 und Give yourself to me gefallen gut bis sehr gut. die anderen beiden sind DM mit KI erstellt.
Klaus
2025-12-15 22:02:53
Nachtrag : Über Kopfhörer klingt das nicht besser.
Die 4 Bonussongs: 2 sehr gut, 2 verzichtbar.
fuzzmyass
2025-12-14 00:03:16
"Ich hab das Konzert auf der Tour in Frankfurt gesehen, das fand ich echt gut und die Live-Drums hatten mich null gestört."
+1 mit München statt Frankfurt... vermutlich ist das Album einfach scheiße gemischt worden, habe es noch nicht gehört
Felix H
2025-12-13 23:03:47
Ich hab das Konzert auf der Tour in Frankfurt gesehen, das fand ich echt gut und die Live-Drums hatten mich null gestört.
Das Album ist tatsächlich nicht so toll abgemischt, Drums zu laut, die Stimme irgendwie unvorteilhaft. So ganz katastrophal wie manche finde ich es nicht, aber da gab es schon besser abgemischte Mitschnitte.
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Spotify
Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv
Threads im Forum
- Depeche Mode - Memento mori: Mexico City (19 Beiträge / Letzter am 18.12.2025 - 09:24 Uhr)
- Depeche Mode - The Singles 81›85 (10 Beiträge / Letzter am 30.11.2025 - 12:07 Uhr)
- Depeche Mode - Memento mori (237 Beiträge / Letzter am 06.11.2025 - 17:25 Uhr)
- Depeche Mode - Exciter (58 Beiträge / Letzter am 06.11.2025 - 14:57 Uhr)
- Depeche Mode - A broken frame (27 Beiträge / Letzter am 04.11.2025 - 13:30 Uhr)
- Depeche Mode - Ultra (62 Beiträge / Letzter am 21.01.2025 - 23:33 Uhr)
- Depeche Mode - The best of Volume 1 (44 Beiträge / Letzter am 29.12.2024 - 13:12 Uhr)
- Bester Song von Depeche Mode (208 Beiträge / Letzter am 26.12.2024 - 16:03 Uhr)
- Depeche Mode - Die größte Band aller Zeiten? (79 Beiträge / Letzter am 03.02.2024 - 21:14 Uhr)
- Depeche Mode live (95 Beiträge / Letzter am 01.07.2023 - 00:51 Uhr)
- Bestes Album von Depeche Mode (49 Beiträge / Letzter am 28.04.2023 - 20:42 Uhr)
- Depeche Mode - Delta machine (581 Beiträge / Letzter am 23.03.2023 - 20:17 Uhr)
- 100 Songs von Depeche Mode für die Ewigkeit - Die Ergebnisse (Präsentation: Fr., 28.07. ab 17 Uhr) (427 Beiträge / Letzter am 01.03.2023 - 23:19 Uhr)
- Depeche Mode - Get The Balance Right (8 Beiträge / Letzter am 21.02.2023 - 13:28 Uhr)
- Depeche Mode - Some great reward (21 Beiträge / Letzter am 29.12.2022 - 11:05 Uhr)
- Depeche Mode - The Singles 86›98 (5 Beiträge / Letzter am 14.12.2022 - 14:50 Uhr)
- Depeche Mode - Violator (54 Beiträge / Letzter am 05.11.2022 - 14:14 Uhr)
- Depeche Mode - Playing the angel (264 Beiträge / Letzter am 23.10.2022 - 00:07 Uhr)
- Depeche Mode (62 Beiträge / Letzter am 15.09.2022 - 09:46 Uhr)
- Joy Division, New Order, The Smiths, The Cure, Depeche Mode - die "Big 5 " der 80er (214 Beiträge / Letzter am 25.06.2022 - 19:22 Uhr)
- Depeche Mode - Speak & spell (31 Beiträge / Letzter am 06.10.2021 - 12:32 Uhr)
- Depeche Mode - Construction time again (44 Beiträge / Letzter am 23.08.2021 - 14:14 Uhr)
- Depeche Mode - Songs of faith and devotion (80 Beiträge / Letzter am 22.04.2021 - 22:53 Uhr)
- Depeche Mode - Black celebration (62 Beiträge / Letzter am 18.03.2021 - 18:20 Uhr)
- Depeche Mode - Music for the masses (28 Beiträge / Letzter am 24.11.2020 - 00:14 Uhr)
- Depeche Mode - Spirits in the forest (3 Beiträge / Letzter am 02.07.2020 - 12:04 Uhr)
- Depeche Mode - genial oder überbewertet ? (36 Beiträge / Letzter am 25.01.2020 - 12:29 Uhr)
- Depeche Mode - Spirit (223 Beiträge / Letzter am 20.10.2017 - 00:21 Uhr)
- 100 Songs von Depeche Mode für die Ewigkeit (Einsendeschluss: 21.7.2017) (267 Beiträge / Letzter am 28.07.2017 - 16:29 Uhr)
- Bester Remix von Depeche Mode (7 Beiträge / Letzter am 29.06.2017 - 13:32 Uhr)
- Depeche Mode Konzert - Fragen zum Hotel (2 Beiträge / Letzter am 06.06.2017 - 05:11 Uhr)
- Depeche Mode Konzert 2017 (1 Beiträge / Letzter am 07.02.2017 - 00:03 Uhr)
- Depeche Mode - Live in Berlin (Boxset) (2 Beiträge / Letzter am 14.08.2016 - 14:12 Uhr)
- Was haltet ihr von Depeche Mode? (33 Beiträge / Letzter am 05.12.2015 - 22:38 Uhr)
- David Guetta - Stellt er selbst Depeche Mode in den Schatten? (16 Beiträge / Letzter am 06.08.2015 - 19:05 Uhr)
- Beste B-Seite von Depeche Mode (31 Beiträge / Letzter am 03.03.2015 - 00:04 Uhr)
- Depeche Mode - Remixes 81-04 (30 Beiträge / Letzter am 02.03.2014 - 05:02 Uhr)
- Depeche Mode - Sounds of the universe (378 Beiträge / Letzter am 16.03.2013 - 09:46 Uhr)
- Depeche Mode - The complete Depeche Mode (19 Beiträge / Letzter am 08.12.2012 - 06:55 Uhr)
- Depeche Mode : Black Celebration vs. Violator (19 Beiträge / Letzter am 25.08.2012 - 21:29 Uhr)
- The Cure vs. Depeche Mode - The 80s Battle (14 Beiträge / Letzter am 07.08.2012 - 23:16 Uhr)
- Depeche Mode - Neueinsteiger (31 Beiträge / Letzter am 01.07.2012 - 18:02 Uhr)
- Depeche Mode-Alben in Deluxe Edition mit FSK-Sticker oder ohne? (5 Beiträge / Letzter am 14.04.2012 - 17:41 Uhr)
