Depeche Mode - Memento mori: Mexico City

Columbia / Sony
VÖ: 05.12.2025
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Massenhypnose mit Dave und Mart

Plattenkritik ist niemals objektiv. Und dann beauftragen die einen Devotee mit der Rezension der neuen Live-Veröffentlichung von Depeche Mode. Was soll denn dabei herauskommen? Nun, als jemand, der sonst auch für die deutsche Depeche-Mode-Fanseite schreibt, sich im einen oder anderen Fanforum herumtreibt und mehrere – aber nicht zig – Konzerte pro Tour in verschiedenen Ländern besucht, kann ich Euch versichern: Fans der Band sind mitunter die härteren Kritiker. "Spirits in the forest" beispielsweise, die Live-Platte zur Tour davor, würde bei einer Umfrage unter dem harten Kern wohl nicht mal eine 5/10 bekommen. Dabei waren die zugrundeliegenden Konzerte in der Berliner Waldbühne mit die besten in der Bandgeschichte. Aber was dann beim Erstellen der zugehörigen Konserve passierte, kann nur als Kreativunfall bezeichnet werden: Beim Konzertfilm stimmen Ton und Bild nicht überein beziehungsweise passt die Geschwindigkeit nicht, und die Audioversion klingt, als hätte sie ein mittelmäßig begabter Bootlegger unter dem Mantel mitgeschnitten. Es gab also durchaus Sorgen hinsichtlich "Memento mori: Mexico City". Hier darf jedoch Entwarnung gegeben werden.

"Memento mori" war vor zweieinhalb Jahren ein großer Wurf, den viele Depeche Mode nicht mehr zugetraut hätten. Ein dunkles Meisterwerk und ein würdiger Nachruf – auch wenn das ursprünglich nicht so gedacht war – auf den während der Entstehungsphase plötzlich und viel zu früh verstorbenen Andrew "Fletch" Fletcher. Es folgte wie immer die große Welt-Tour. Bei der man sehr gut sehen konnte, wie Martin Gore und Dave Gahan, die Egos, die Künstler, die so unterschiedlichen Köpfe, sich angesichts des Todes in die Musik stürzten. Da war es eine kluge Idee, Konzertfilm und Live-Album in Mexiko aufzunehmen, jenem Land, das einen ganz eigenen Umgang mit dem Tod pflegt. Nicht nur rund um den "día de los muertos". Das kommt ganz gut im Film "Depeche Mode: M" herüber, den der preisgekrönte Regisseur Fernando Frías an jenen drei Abenden inm Foro Sol in Mexico City drehte. Wie hingegen der reine Konzertfilm ohne die optischen Elemente und dokumentarischen Szenen funktioniert – und ob technisch dieses Mal alles stimmt – kann an dieser Stelle mangels Materialsichtung noch nicht beurteilt werden, daher geht es nun nur um die Live-Platte (natürlich erscheint alles zusammen oder getrennt voneinander in allen erdenklichen Formaten). Hierfür wurde ein Mitschnitt aus den drei Abenden gebastelt, wobei mit einer Ausnahme die identische Setlist des ersten und dritten Gigs ausgewählt wurde.

Die Aufnahme ist – wie auch die Kameras im Film – ganz dicht dran an den Stimmen Gahans und Gores. Die Intensität, mit der die beiden sich neu in ihre Musik verliebt zu haben scheinen, ist zu spüren, das haben auch mitreisende Vorbands wie Suzie Stapleton und Hope bestätigt. Ob man jetzt Keyboarder Peter Gordenos gelegentliche Improvisationen mag oder Christian Eigners Schlagzeugspiel mitunter als eine Spur drüber (aber das war schon mal schlimmer) empfindet, sei's drum. Dass die Fans mal mehr, mal weniger und oft kaum zu hören sind – ein ewiger Diskussionspunkt bei Live-Alben. Zumal das mexikanische Publikum, wie auf dem Bildmaterial zu sehen ist, in den letzten Jahren eine Metamorphose von den vormals mit lautesten und leidenschaftlichsten Fans zu komplett mitfilmsüchtigen Smombies durchgemacht hat. Also genießen wir lieber die Wucht des eröffnenden "My cosmos is mine", gefolgt vom kraftwerkesken "Wagging tongue", lassen uns von Dave begrüßen und freuen uns über die herrliche Live-Version des Geniestreichs "Walking in my shoes". Jubeln mit den Fans, die nicht vorab bei setlist.fm geschmult haben, über die überraschend und auf dieser Tour erstmals in der Studioversion gespielte und somit von Gahan gesungene Perle "Sister of night". Ärgern uns ein bisschen, dass der dunkle Diamant "In your room" wieder nur im "Zephyr mix" läuft. Feiern die "grabbing hands" auf der Leinwand und das schicke Intro zum Klassiker "Everything counts" und kichern über Daves Jodler (immer an derselben Stelle natürlich). Bekommen Gänsehaut beim tieftraurigen "Speak to me" und den beiden daran anschließenden, von Martin gesungenen Stücken. Hier wurde neben dem neuen "Soul with me" statt "A question of lust" das grandiose "Home" vom zweiten Abend bevorzugt. Danach, das weiß der Kenner, steigt die Hitdichte und sinkt das Überraschungslevel. Der frische Hit "Ghosts again" rauscht neben seinem Ingmar-Bergman-Hommage-Video flott durch, "I feel you" und "A pain that I’m used to" rocken hinterher. Dann der Moment, an dem viele Tränen fließen: "World in my eyes", erklärter Lieblingssong von Fletch, wird wie an jedem Abend zum Gedenken, bei dem zwischen den hochgehaltenen Händen Fletchs Brille, Augen und Herzen verschmelzen – hier in Mexico City zusätzlich mit Unmengen an hochgehaltenen Fletch-Porträts. Berührend. Er fehlt.

Schön auch, dass das brillante "Wrong" wieder dabei ist, auch wenn dieses vertrackte Stück sowohl rhythmisch als auch gesanglich eine echte Herausforderung ist, an der Dave immer noch arbeitet. "Stripped" hingegen ist ein ewig majestätischer Selbstläufer, ebenso der Überhit "Enjoy the silence", der das reguläre Set beschließt. Die Zugabe eröffnet "Waiting for the night", minimalistisch instrumentiert und wunderschön von beiden Sängern als Duett ganz vorn auf dem Laufsteg dargeboten. Ein letzter Moment des Innehaltens, bevor das finale Klassikertrio nochmal alle ausrasten lässt und dafür sorgt, dass ein emotional durchgefeiertes Publikum strahlend das Foro Sol verlässt. See you next time! Bitte bald!

PS: Als Bonus gibt es die die vier während der "Memento mori"-Sessions aufgenommenen Songs, die damals nicht auf die Platte passten, vor allem wohl aus Gründen des perfekten Albumflows. Das elektrobluesige "Give yourself to me" wäre eine Bereicherung für "Delta machine" gewesen. "Life 2.0" ist eine kleine Überraschung – wie Gahan mit dem den Songtitel wiederholenden Vocoder duettiert, ist mal was anderes. Das an "Sounds of the universe" erinnernde "Survive" mit den wiederkehrenden Zeilen "We’ll survive, still survive" stand bei der Promo noch am Schluss. Nun steht da das elegische "In the end", mit dem wir am Ende alle nichts und Staub sind. Hach, diese ewigen Optimisten.

(Thomas Bästlein)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Walking in my shoes
  • Everything counts
  • Speak to me
  • Home
  • World in my eyes
  • Stripped
  • Waiting for the night

Tracklist

  • Part 1
    1. M (Film)
  • Part 2
    1. Memento mori: Mexico City (Konzertfilm)
  • Part 3
    1. Intro
    2. My cosmos is mine
    3. Wagging tongue
    4. Walking in my shoes
    5. It's no good
    6. Sister of night
    7. In your room
    8. Everything counts
    9. Precious
    10. Speak to me
    11. Home
    12. Soul with me
    13. Ghosts again
    14. I feel you
    15. A pain that I'm used to
    16. World in my eyes
    17. Wrong
    18. Stripped
    19. John the revelator
    20. Enjoy the silence
    21. Waiting for the night
    22. Just can't get enough
    23. Never let me down again
    24. Personal Jesus
    25. Survive (Bonustrack)
    26. Life 2.0 (Bonustrack)
    27. Give yourself to me(Bonustrack)
    28. In the end (Bonustrack)
Gesamtspielzeit: 376:00 min

Im Forum kommentieren

Cayit

2025-12-18 09:24:18

Hammer Konzert !!!

Dumbsick

2025-12-16 06:56:07

Das mit den Bonus-Tracks stimmt. Life 2.0 und Give yourself to me gefallen gut bis sehr gut. die anderen beiden sind DM mit KI erstellt.

Klaus

2025-12-15 22:02:53

Nachtrag : Über Kopfhörer klingt das nicht besser.

Die 4 Bonussongs: 2 sehr gut, 2 verzichtbar.

fuzzmyass

2025-12-14 00:03:16

"Ich hab das Konzert auf der Tour in Frankfurt gesehen, das fand ich echt gut und die Live-Drums hatten mich null gestört."

+1 mit München statt Frankfurt... vermutlich ist das Album einfach scheiße gemischt worden, habe es noch nicht gehört

Felix H

2025-12-13 23:03:47

Ich hab das Konzert auf der Tour in Frankfurt gesehen, das fand ich echt gut und die Live-Drums hatten mich null gestört.
Das Album ist tatsächlich nicht so toll abgemischt, Drums zu laut, die Stimme irgendwie unvorteilhaft. So ganz katastrophal wie manche finde ich es nicht, aber da gab es schon besser abgemischte Mitschnitte.

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