The Cranberries - MTV Unplugged
Island / UniversalVÖ: 07.11.2025
Seelensuperfood
So ganz kann man sich das 30 Jahre später nicht mehr vorstellen: 1995 mussten sich The Cranberries in den deutschen Jahrescharts mit ihrem Album "No need to argue" nur den Landsleuten von der Kelly Family geschlagen geben. Eine verletzliche Folk-Pop-Band aus Limerick stand plötzlich im Zentrum des Mainstreams – ein Triumph, der vor allem dem massiven Rückenwind geschuldet war, den der Überhit "Zombie" mit sich brachte. Neben seinen untypisch harten, fast grungigen Gitarren und Sängerin Dolores O'Riordans ebenso eingängigem wie emotionalem Punch trug der Song auch noch das Bewusstsein für den Nordirlandkonflikt in die Jugendzimmer der MTV-Generation. Nur wenige Monate nach Album-Release hatte es bereits den ultimativen Ritterschlag gegeben: Die Einladung zu MTV Unplugged war damals die höchste popkulturelle Weihe, die einer Band zuteilwerden konnte. Am Valentinstag 1995 betraten die Iren das Howard Gilman Opera House an der Brooklyn Academy of Music für ein akustisches Set. Erst jetzt wird das Konzert in Gänze als eigenes Album veröffentlicht, und das Warten hat sich gelohnt: The Cranberries bieten im intimen Setting absolutes Seelensuperfood.
Aber war da nicht was? Richtig: Die Hits von The Cranberries im akustischen Gewand hatte es mit ""Something else"" 2012 schon einmal gegeben. Seinerzeit handelte es sich um Neueinspielungen mit dem Irish Chamber Orchestra, dessen Streicherarrangements einige Male zu kitschig glatt daherkamen. Auf "MTV Unplugged" bilden die Electra Strings ein pointierter eingesetztes Streichquartett. Im direkten Vergleich der vier auf beiden Alben vertretenen Songs fällt auch auf, dass die bei der Aufnahme erst 23-jährige O'Riordan mehr stimmliche Variabilität und Gefühl rüberbringt, als ihr das eineinhalb Jahrzehnte später noch gelingen sollte. Als Beweisstück A sei hier das herrlich schwebende, romantische "Linger" angeführt.
Zwei der hier aufgeführten Stücke sollten erst im darauffolgenden Jahr auf dem leicht abgekämpft wirkenden "To the faithful departed" erscheinen, und beide sind den späteren Studioversionen überlegen. Ganz ohne Streicher packt das trotzige "Free to decide" mit erdiger Rhythmusgruppe, während "I'm still remembering", voller aufrichtiger Sehnsucht dargeboten, ohne das spätere Jangle-Dream-Pop-Arrangement noch stärker zu Herzen geht. Die den Umgang mit einer Fehlgeburt thematisierende, eindringliche Ballade "Yesterday's gone" gab es bisher nur als Bonustrack auf einer Deluxe-Edition zu hören, und die Song gewordene Beschwörung bildet durchaus nicht nur für Komplettisten einen Mehrwert.
Im Zentrum der Setlist stehen jedoch freilich die besten Songs von "No need to argue". Als seinerzeit aktuelle Single wird "Ode to my family" vom Publikum frenetisch gefeiert. Zu Recht, denn der bittersüße Blick zurück auf das einfache Familienleben stellt eindringlich die im größeren Rahmen so brennende Frage: "Does anyone care?" Dazu harmonieren Gitarrist Noel Hogans Arpeggios und schwelgende Streicher aufs Feinste. Dann der Härtetest: Kann "Zombie" auch ohne Verzerrer funktionieren? Und wie! Die akustische Reduktion legt den Schmerz des Textes bloß, während Mike Hogans resoluter Bass und das zackige Streicherarrangement à la "Eleanor Rigby" die fehlende Lautstärke durch pure Gravitas ersetzen. Wie auf dem Studioalbum bildet auch hier "No need to argue" den krönenden Abschluss durch Reduktion, die fast den Atem anhalten lässt. Keine Percussion, nur Gitarre und eine einsame Violine begleiten O'Riordans hymnisch beschwörenden Gesang. Und folgende Zeilen aus dem Song richten sich unbedingt auch an die im Januar 2018 viel zu früh verstorbene Sängerin und Frontfrau von The Cranberries: "You'll always be / Special to me".
Highlights & Tracklist
Highlights
- Linger
- Zombie
- No need to argue
Tracklist
- Intro / Dreaming my dreams
- Ode to my family
- Linger
- Free to decide
- I'm still remembering
- Empty
- Zombie
- Yesterday's gone
- No need to argue
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Armin
2025-12-10 21:10:14- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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