Nick Cave & The Bad Seeds - Live God

Bad Seed / PIAS / Rough Trade
VÖ: 05.12.2025
Unsere Bewertung: 6/10
6/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

To the converted

September 2024: Ich stehe in der größten Veranstaltungshalle Berlins. Vor mir auf der Bühne Nick Cave, zweifellos einer der besten Songwriter unserer Zeit. Seine Bad Seeds hat er mitgebracht, einen Gospelchor und neben Alltime-Klassikern ausnahmslos alle Songs seines überragenden Albums "Wild God". Doch es dauert, bis der Funke überspringt. Liegt es an der nicht optimalen Akustik? Dem mangelnden Charme der Friedrichshainer Multifunktionsarena? Dem ausbaufähigen Flow der Setlist? Oder dem Chor, der bemerkenswert häufig recht, nun ja, eigenwillig singt? Vor dem Hören des (in der CD- und der digitalen Ausgabe) 18 Songs starken Konzertmitschnitts aus der Pariser Accor Arena vom 17. November 2024 bin ich mir sicher, dass "Live God" das Rätsel um den erst spät überspringenden Funken nicht rückwirkend lösen kann. Doch ich irre mich. Der Mitschnitt erweist sich – und das kann in einer Zeit der beinahe omnipräsenten "pre-recorded vocals" und Echtzeit-Tonhöhenkorrektur sowohl als Kompliment als auch als Warnung verstanden werden – als Live-Album, das diesen Namen verdient. Es retuschiert nicht, kaschiert nicht, verbessert nicht. Was dazu führt, dass der Chor die Töne nicht immer so punktgenau trifft wie im Refrain von "Papa won't leave you, Henry", sondern auch mal klingt wie im Outro des Titeltracks von "Wild God": ziemlich dünn.

Seine Qualität verdankte das letzte Studioalbum Caves nicht nur dem herausragenden Songwriting, sondern auch den Gesangsleistungen des zwölfköpfigen Gospelchors, der sich aus Mitgliedern des Double R Collective zusammensetzte. Auf die Konzerte der anschließenden Tour folgten Cave lediglich vier Gesangstalente. Nicht nur quantitativ bemerkt man einen Unterschied. Ohne das überbordende Pathos, ohne die sich geradezu überschlagenden Stimmen fehlt eine entscheidende Zutat, die das "Conversion"-Finale in seiner improvisierten Studioversion so vital und ekstatisch machte – und für einige Fans der ersten rabenschwarzen Stunde angesichts seines so christlich daherkommenden Klangs verwirrend. Letztere vergaßen dabei, einen genaueren Blick auf die keineswegs orthodoxen Lyrics zu werfen, die von einem gebenedeiten Liedermacher erzählen, der seine Erlösung nicht zwischen den Deckeln eines Buches, sondern weiterhin in einem vagen Pantheismus sucht.

Dass es im September 2024 einige Songs benötigte, um mich erstmalig zu begeistern, überrascht mich rückwirkend nicht: "Live God" zeigt, dass die Qualität der so wunderbar pathostrunkenen "Wild God"-Songs mit dem Gospelkollektiv steht und fällt. So fallen die von jenem so abhängigen, über jeden kompositorischen Zweifel erhabenen aktuellen Stücke auf "Live God" fast durchweg ab. Ähnliches gilt auch für das 20 Jahre ältere "O children", dargeboten in einer mit Warren Ellis' E-Violine aufgepeppter, von Cave hemdsärmeliger als im Studio eingesungenen, leider weniger berührenden Version. In "From her to eternity" schweigt der Chor erstmalig – was sich sofort positiv auswirkt. Erdig, wuchtig, ja, brachial klingen die Bad Seeds, während sich der Fürst der Finsternis und das Publikum im Call-and-Response-Stil in Ekstase brüllen. Dass hier ein Mann, der sich seinem 70. Lebensjahr nähert, einen 40 Jahre alten Klassiker aufführt, hört man diesem zu keiner Sekunde an. Auch "Tupelo", dieses Gitarrengewitter gewordene Gedicht über die Geburt des King of Rock'n'Roll, begeistert nicht zuletzt dank des charmanten Energiebündels am Mikro.

So manche Entscheidung irritiert. Etwa der Verzicht auf mehrere Songs, die auf allen Stationen der Tour gespielt wurden, natürlich auch in Paris. So glänzen mit dem "Weeping song", "Jubilee Street" und "The mercy seat" drei eigentlich unverzichtbare Evergreens mit Abwesenheit. Um die neuen Songs in den Fokus von "Live God" zu rücken? Oder doch eher, um nicht zu offensichtlich werden zu lassen, dass die Liveversionen der aktuellen Lieder zumindest in der vorliegenden Zusammensetzung des Gospelchors nicht mit denen der Klassiker mithalten können? Einiges, was nicht vermisst worden wäre, bleibt hingegen bestehen, etwa die hörbare Qual des Bad Seed Warren Ellis, in "Bright horses" eine Tonhöhe zu erklimmen, die er nur mit größter Anstrengung erreichen kann. Hätte man den Gospelchor personell aufgestockt und die Backing Vocals anders aufgeteilt, hätte aus einer guten Tour eine herausragende werden können, aus einem soliden Konzertmitschnitt ein grandioser.

So aber hinterlässt "Live God" einen merkwürdig ambivalenten Eindruck, verkündet seine frohe Botschaft all denjenigen, die sie noch nicht glaubten, nur selten. Ironischerweise in den düstersten und traurigsten Momenten. In "I need you" presst Cave die Silben heraus, klingt, als würde er improvisieren, als ringe er um treffende Worte, die er doch längst auf "Skeleton tree", dem mittleren Teil seiner beeindruckenden Trilogie der Trauer, gefunden hatte, liefert eine herausragende gesangliche Performance ab. Spätestens wenn Cave am Ende "Just breathe! Just breathe!" fleht und damit zutiefst berührt, beweist er, dass der zweideutige Albumtitel nicht auf Hochmut basiert. Sondern auf einer realistischen Selbsteinschätzung.

(Dennis Rieger)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • From her to eternity
  • Tupelo
  • I need you

Tracklist

  1. Frogs
  2. Wild God
  3. O children
  4. From her to eternity
  5. Long dark night
  6. Cinnamon horses
  7. Tupelo
  8. Conversion
  9. Bright horses
  10. Joy
  11. I need you
  12. Carnage
  13. Red right hand
  14. White elephant
  15. O wow o wow (How wonderful she is)
  16. Papa won't leave you, Henry
  17. Into my arms
  18. As the waters cover the sea
Gesamtspielzeit: 99:14 min

Im Forum kommentieren

oldschool

2026-01-07 14:27:31

Nachdem ich das Konzert in Paris 2024 nun mehrfach gesehen, habe ich immer mehr das Gefühl, als wäre der Sound und die Dynamik dort weitaus besser als auf der Live CD. Sogar bei Songs, bei denen ich mir sicher bin, dass es von dem Paris Gig stammt, finde ich auf der CD schwächer. Wurde da anders abgemischt?

Was mir auch auffiel: Bei "Children" bezieht Nick Cave nach dem Violinen-Solo von Warren das Publikum mit ein. Auf der CD fehlt dies. Anderes Konzert oder wurde da sogar gekürzt?

VelvetCell

2025-12-20 00:41:43

Das ist ziemlich richtig. Skeleton Tree ragt in die Phase aber noch rein.

Deaf

2025-12-19 21:55:08

Es gibt aber eigentlich nur ein Album über den Verlust seines Sohnes. "Skeleton Tree" war ja schon zuvor geschrieben und "Carnage" kann wohl auch nicht gemeint sein.

Schwenn

2025-12-19 21:50:12

+1

VelvetCell

2025-12-19 19:23:51

+1

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