Tom Smith - There is nothing in the dark that isn't there in the light
PIASVÖ: 05.12.2025
Hab bitte keine Angst
Tom Smith ist eigentlich schon immer ein klassischer Einzelgänger gewesen. Zwar trat der Brite hauptsächlich als Editors-Chef in Erscheinung, deren Lyrics zeugten aber oft von Enge und Isolation – sowie dem verwegenen Kampf dagegen. Nachdem die Indie-Rocker sich zusammen mit Blanck Mass im Strobo-Pop von "EBM" austobten, steht dem Frontmann der Sinn nach Auskatern und Introspektion. Selbst die Aufnahmen zum achten Album seiner Band wurden dafür zunächst auf Eis gelegt. Und der Release-Termin Anfang Dezember für die zehn Songs seines offiziellen Solo-Debüts scheint von langer Hand geplant, denn als Experte für vorweihnachtlichen Glanz hat sich der 44-Jährige schließlich schon 2011 mit Andy Burrows und "Funny looking angels" bewiesen. Statt zu schwelgen will er nun allerdings viel mehr trösten und besänftigen: "There is nothing in the dark that isn't there in the light" – die Monster unterm Bett sehen bei Tag betrachtet längst nicht mehr so furchterregend aus, wie es in der Nacht zuvor den Anschein hatte.
Man fühlt sich daher gleich geborgen, wenn der Wahl-Londoner über Akustikgitarren, zärtlichem Klavier und sanften Streichern sein seit zwanzig Jahren vertrautes Bariton ausbreitet. Songwriter-Alben gibt es wie Steine in der Themse, Smiths Stimme aber nur ein einziges Mal. "You'll heal eventually", verkündet er schon im wundervollen Quasi-Titeltrack "Deep dive" und erinnert uns eindringlich: "You are not alone when you're lonely." Die Gitarre wandert von schwerem Moll in freundliche Höhen, der Chor setzt ein – ein absoluter Volltreffer zum Einstieg. Auf diesem Level fährt der Musiker fort, wenn er nach "This ain't New Jersey" erneut den Blick über den großen Teich wagt: Todtraurige Bläser erheben sich zum "caramel sunset", Smith gibt den melancholischen Expat und widmet sich rührendem Weltschmerz, während die "Lights of New York City" daneben im Hudson versinken. Quasi wie The Nationals "England", nur andersherum. Und mindestens genauso schön.
Musikalisch bleibt der Künstler ansonsten weitestgehend in traditionellen Gefilden – ohne, dass ihm dies zum Nachteil geriete. Die unaufgeregten "Endings are breaking my heart" oder "Broken time" würden nicht nur jeden rotweingeschwängerten Pub-Abend mit handgemachter Live-Musik versüßen. Sie helfen auf Albumlänge ebenso dabei, den auffälligen 80er-Beat von "Leave" oder das überschwängliche und schlussendlich nicht ganz ungefährliche Pathos von "Life is for living" im Zaum zu halten. Jener Aufmunterungshymne spendiert Smith zum Ausklang einen schmetternden Singalong, gibt wieder Entwarnung: "There is nothing to fear here." Für manche mag das Wandtattoo-Poesie sein – es ist dennoch absolut echt. Auch "Souls" richtet sich zu eingängiger, voluminöser Größe auf, während "The weight of your love" schöne Grüße aus dem Stadion sendet.
Zwischen Storytelling und U2-Gitarren ehrt "Northern line" derweil die britische Hauptstadt sowie Smiths Werdegang: "I fell in love with the city / So many years ago / At an indie show." Denn aus seiner Haut kann und will der Künstler am Ende nicht heraus, auch wenn er diesmal mit Ausnahme von Produzent Iain Archer ganz bewusst keine Mitmusiker*innen mit ins Boot genommen hat: So fährt "There is nothing in the dark that isn't there in the light" keine größeren Experimente auf, schenkt uns keine radikalen Erschütterungen im Smith-Kosmos, sondern bettet langjährige Erfahrung in ein Fundament aus gesteigerter Intimität. Genau darin liegt der Zauber jedoch schlussendlich begründet: in der Vertrautheit, dem Verstandenwerden, dem Gefühl von Zuhause. Smith hat das verinnerlicht, bittet er sein Gegenüber im erhabenen Finale von "Saturday" doch um die gleichen Dinge: "I only wanna hear you talk to me." Wir hingegen wollen ihm einfach nur zuhören, wie er für uns singt.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Deep dive
- Lights of New York City
- Northern line
- Saturday
Tracklist
- Deep dive
- How many times
- Endings are breaking my heart
- Life is for living
- Broken time
- Lights of New York City
- Souls
- Northern line
- Leave
- Saturday
Im Forum kommentieren
Mookie Playlock
2026-01-10 08:26:36
„Like the song in the 80s“…Tom lässt Gefühle und Melodien zu…größartiges Songwriting, dass nach dem Hören den ganzen Tag begleitet!
MickHead
2025-12-14 11:32:30
Zu recht Album der Woche!
NDR Kultur
https://www.ndr.de/kultur/musik/pop/traurige-toene-inspiriert-von-rem-neues-album-von-tom-smith,tomsmith-100.html
oldschool
2025-12-12 23:43:05
Generell mag ich ja solche Art von Musik - ich finde sie hier nur sus den erwähnten Gründen schlecht gemacht ( langweiliges Songwriting, Pathos, bedeutungsschwangerer Gesang usw…)
Obrac
2025-12-12 12:33:43
Ich bleibe nach mehreren Durchgängen dabei, dass das Album genau das liefert, was man erwarten konnte, mit allen Stärken und Schwächen. Den Vorwurf, er würde es mit seiner Stimme übertreiben, verstehe ich auch null. So dezent hat Smith in seiner Karriere noch nie gesungen. Ich würde sogar sagen, dass er sich hier erstmals kaum verstellt und nicht krampfhaft wie Ian Curtis klingen will.
Das Album muss man, wie jedes andere auch, nicht mögen, ich höre aber eine Platte, die man nach einem Durchgang nur schwer beurteilen kann und die nicht mehr will, als ein bisschen Melancholie zu vermitteln.
"Northen Line" und "Saturday" mag ich sehr.
Klaus
2025-12-06 21:28:20
Stimme hier oldschool zu. Es passiert leider viel zu wenig.
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