Chris Rea - The Christmas album

Magnet / Warner
VÖ: 17.10.2025
Unsere Bewertung: 4/10
4/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Klimbimmelingeling

Es gibt wahrscheinlich niemanden, der beim Hören von "Driving home for Christmas" nichts fühlt. Manche kommen in besinnliche Weihnachtsstimmung, andere sehen vor dem inneren Auge den Horrorfilm des alljährlichen Familientreffens ablaufen, bei dem Onkel Günter nach dem dritten Schnaps politisch wird. Wie dem auch sei: Chris Rea hat mit "Driving home for Christmas" einen Song geschrieben, der wahrscheinlich auch noch in 50 Jahren in Einkaufszentren oder Atomschutzbunkern laufen wird, je nachdem, wie sich die Gesamtsituation entwickelt. Dass Rea überhaupt noch unter uns weilt, ist erst einmal nur schön. Der Engländer hatte in den 90ern und 2000ern mit einer schweren Krebserkrankung zu kämpfen, er konnte dem Tod jedoch erfolgreich von der Schippe springen. Die Zeit der großen Hits ist freilich vorbei, Rea veröffentlicht seit vielen Jahren sporadisch erdige Blues-Alben, die gut gemacht, aber auch ein bisschen egal sind. Besser als die Easy-Listening-Grütze, die er in seiner erfolgreichsten Zeit verbrochen hat, sind sie aber allemal.

Womit wir bei "The Christmas album" angekommen wären. Denn dieses Album ist, respektvoll ausgedrückt, absoluter Murks. Die Compilation vereint diverse weihnachtliche Songs aus dem umfangreichen Werk Reas, wobei "Driving home for Christmas" gleich zwei Mal vertreten sein muss, weil das ja klar ist. Die Unterschiede zwischen der Original-Version aus den 80ern und dem Remaster aus dem Jahr 2019 existieren, ändern aber nichts am Song an sich. Es bleiben also nur sechs weitere Stücke, was angesichts der Materialfülle, die Reas Diskografie bereithält, doch arg dünn ist. Im Prinzip wurde so ziemlich alles zusammengekratzt, was irgendwie winter- oder weihnachtlich ist. Aus diesem Grund darf die Hörerschaft auch Muzak wie "Footsteps in the snow" ertragen, das klingt, als hätte man das örtliche Fahrstuhlorchester auf dem Christkindlmarkt vergessen. Wobei es auch eine Leistung ist, Musik dermaßen beliebig klingen zu lassen.

Dass Rea ein durchaus begabter Geschichtenerzähler und Songwriter ist, deutet er in "Joys of Christmas" an. Zwar gerät der Beginn dank billigem Drumcomputer und unmotiviert vorgetragenem Spoken-Word-Part zur Geduldsprobe, doch sobald Rea die Gitarre auspackt, weicht die Skepsis der Anerkennung. Auch "Smile" weiß durchaus zu gefallen, wenngleich der Song in Sound und Stimmung ein heruntergedimmter "On the beach"-Abklatsch ist. Die abgezockte Moll-Begleitung passt jedoch ausgezeichnet zu Reas kühlem Gesangsvortrag. "Winter song" und "Footprints in the snow" reihen sich nahtlos in den Reigen der harmlosen Gefälligkeiten ein, wobei es in erstgenanntem Song wenigstens ein halbwegs inspiriertes Gitarrensolo zu hören gibt. Wer sich nicht zu schade ist, an Weihnachten in den hässlichsten Pulli zu schlüpfen, kann hier ganz unironisch mitnicken. Für den Rest wartet der Alkohol, Ursprung und Lösung aller menschlichen Probleme.

Und dann, irgendwann zwischen Stollen und Urlaubsfotos, zwischen Absturz und Erleuchtung, steht Chris Rea auf und weist die anwesende Verwandtschaft darauf hin, dass er nun ein besonderes Schmankerl zum Besten geben werde. Hektisch werden Gläser gefüllt und Blicke getauscht, während Rea es sich hinter dem etwas eingestaubten Yamaha-Keyboard gemütlich macht und die fettesten Preset-Beats anschmeißt, die das Gerät zu bieten hat. Man muss "Rudolph's rotor arm" erlebt haben, um die Tragweite des Dargebotenen nachvollziehen zu können. In einem Paralleluniversum wäre das wahrscheinlich große Kunst. Vielleicht ist es das auch hier, aber was heißt das schon, Universum. Immer dann, wenn man glaubt, dass der Track jetzt seinen Tiefpunkt erreicht hat, findet Rea noch einen weiteren abgefahrenen Sound, wobei die Marimbas ganz klar das Highlight sind. Man muss sich immer ins Gedächtnis rufen, dass Leute so ein Album bewusst kaufen. Nur über ihre Absichten herrscht Unklarheit.

(Christopher Sennfelder)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Smile
  • Rudolph's rotor arm

Tracklist

  1. Driving home for Christmas (2019 remaster)
  2. Footsteps in the snow
  3. Joys of Christmas
  4. Smile
  5. Winter song
  6. Footprints in the snow
  7. Rudolph's rotor arm
  8. Driving home for Christmas (1986 version)
Gesamtspielzeit: 35:30 min

Im Forum kommentieren

joseon

2025-12-22 16:52:45

R.I.P. Chris Rea

https://www.nrz.de/panorama/article410776057/saenger-chris-rea-ist-tot.html

Erst vor kurzem wieder den Konzerfilm zur Farewell Tour geschaut. Der war schon ein Guter.

Herr

2025-12-03 11:09:30

Ja, sehr humorvolle und treffend beobachtete Rezension. Die empfohlenen Hörproben haben es tatsächlich in sich. Das Yamaha-Presetting ist im übertragenen Sinne aber ohnehin Grundprinzip der heutigen Beschallungsindustrie. Das gehören die Frau Gaga und Carpenter ebenso dazu.

Nichtsdestotrotz ist und bleibt der Song „Driving …“ ein famos komponierter Evergreen für die Ewigkeit. Schade also, was den Gesamtkontext des Herrn Rea betrifft.

oldschool

2025-12-03 09:20:47

"Onkel Günter nach dem dritten Schnaps politisch wird"

um dem zunehmenden Onkel/Tanten-Bashing und den Stereotypes dieser Seite etweas entgegenzuwirken:

Bei mir in der Familie ist es der GenZ-Neffe Felix, der schon früh das Saufen anfängt und dann politisch wird und über den Klimawandel Monologe hält. Über Weihnachten fliegt er wieder mit seine Anna-Lena nach Bali - finanziert von Oma und Opa

Armin

2025-11-30 22:55:43- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum