The Futureheads - Christmas
NulVÖ: 21.11.2025
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Mitte der Nullerjahre waren The Futureheads, neben Bands wie Maximo Park und Bloc Party, mit ihren kantigen Harmonien der absolut heißeste Scheiß fürs Gezappel in der Indiedisko. Doch die Hochphase währte kurz. Die Musik wurde schnell egaler, die Band legte eine Pause ein und kam Ende des letzten Jahrzehnts zwar wieder zusammen, ohne jedoch hierzulande noch groß über die Aufmerksamkeitsschwelle zu kommen. Es wurde also quasi stille Nacht um das Quartett aus Sunderland, und schon sind wir bei "Christmas". Oft ja vorschnell als Ausverkauf gebrandmarkt, können Weihnachtsalben aber auch überraschend stimmige, aufrichtige und unterhaltsame Platten sein, wenn man nicht gerade ein Grinch oder Scrooge ist.
Der ebenso stimmungs- wie druckvolle Opener "Carol of the bells" ist ein im englischen Sprachraum sehr beliebter Weihnachtschoral, den es unter anderem auch in "Kevin allein zu Haus" zu hören gibt und der auf einem alten, ukrainischen Neujahrslied mit dem konsonantenintensiven Titel "Schtschedryk" basiert. Eine exzellente Songwahl, denn für The Futureheads gehört der vierstimmige Harmoniegesang ja zum Markenkern. "Stop the cavalry" von Jona Lewie ist eher ein lakonischer und durchaus effektiver Protestsong gegen den Krieg, gehört jedoch dank des Glöckchengeläuts und der Stoßseufzerzeile "Wish I was at home for Christmas" zum absoluten Kanon der modernen Weihnachtshits, und auch in dieser recht werkgetreuen Adaption bleibt die Scat-Zeile "daba daba dam dam" ein gefährlicher Ohrwurm. Erfreulich kitschfrei gelingt der Mega-Klassiker "Have yourself a merry little Christmas". Und "once again as in olden days", als Judy Garland den Song 1943 erstmals sang, bleibt die Zeile "Next year all our troubles will be out of sight" auch für 2026 wohl nur ein frommer Wunsch. Das sehnsuchtsvolle "2000 miles" ist hier dank mehr Direktheit als Virtuosität im Vortrag noch berührender als im Original von The Pretenders.
Aber nicht alle Adaptionen sind Volltreffer: Die überkandidelte Musical-Nummer "What's this?" aus Tim Burtons "The nightmare before Christmas" wird ohne den Filmkontext leicht etwas anstrengend. Definitiv anstrengend und enervierend ist die unendliche Aufzählungslitanei von Geschenken in "The twelve days of Christmas" in jeder Version des uralten Novelty-Songs. Die hektische Zackigkeit des Futureheads-Sounds verschärft die Problematik an dieser Stelle leider noch. Toll hingegen, aber womöglich auch nichts für jeden Gabentisch: Paul McCartneys oft (zu Unrecht!) geschmähter Synthie-Weihnachtsfiebertraum "Wonderful Christmastime" kommt hier a cappella als warmherzige und zugleich augenzwinkernde Hommage daher. Ding dong, ding dong, ding dong!
Weihnachtsfleißsternchen gibt es von Fans festlicher Klänge aber immer dann, wenn neben Neuauflagen altbekannter Standards auch eigene Kompositionen den Weg in die Tracklist finden. The Futureheads können hier zweimal voll punkten: Der stampfende Indie-Hit "Christmas was better in the 80s" kam als Single bereits 2010 heraus und gehört mit seinem Drive, Arrangement und Ohrwurmfaktor zu den absolut besten Songs der Band überhaupt. Außerdem gelingt hier das Kunststück, nicht nur plump Nostalgie zu bedienen, sondern sich im selben Atemzug über diese Sehnsucht nach einfacheren Zeiten zu amüsieren. Brandneu und völlig anders ist "The coldest winter for a hundred years". Der ergreifende A-cappella-Chant in Moll mit Harmonien ganz im Stil alter britischer Folkmusik wird von Streichern leicht akzentuiert und erzählt atmosphärisch vom Kampf einer Dorfgemeinschaft gegen das Biest des Winters. Es ist nicht alles Gold (oder Myrrhe oder Weihrauch), was hier glänzen soll, aber nach vielen Jahren feiern die Briten ausgerechnet mit dieser lockeren Weihnachtsplatte ein gelungenes Comeback und unterbrechen die stille Nacht für 28 sehr unterhaltsame Minuten. Frohes Fest!
Highlights & Tracklist
Highlights
- Carol of the bells
- The coldest winter for a hundred years
- Christmas was better in the 80s
Tracklist
- Carol of the bells
- Stop the cavalry
- Have yourself a merry little christmas
- What's this?
- In the bleak midwinter
- The twelve days of christmas
- Wonderful christmastime
- 2000 miles
- The coldest winter for a hundred years
- Christmas was better in the 80s
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Armin
2025-11-30 22:53:44- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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