Electric Litany - Desires

Flying Heart / Muting The Noise / The Orchard
VÖ: 17.10.2025
Unsere Bewertung: 8/10
8/10
Eure Ø-Bewertung: 4/10
4/10

Liturgie für Fortgeschrittene

Bei manchen Bandnamen fragt man sich schon, wie sie wohl entstanden sein mögen, zum Beispiel bei Ostzonensuppenwürfelmachenkrebs oder Butthole Surfers. Bei Electric Litany hingegen ist die Sache ziemlich klar, denn bekanntlich ist die Litanei ein Wechselgebet in der christlichen Liturgie, bei der ein Kantor oder Vorbeter eine Anrufung vorträgt, woraufhin die Gemeinde antwortet. Das wiederum trifft den Kern der Musik von Electric Litany ziemlich gut – denn eine solche Lieddramaturgie findet man hier immer wieder. Und: Es funktioniert. Anders als in der sattsam bekannten Shoegaze-Dynamik (stille Strophe im Wechsel mit bratzendem Refrain) wirkt die Art und Weise, wie Electric Litany ihre Songs aufbauen, deutlich sakraler, ernster, zwingender. Doch auch auf die gesamte Länge von "Desires" wird diese Dramaturgie konsequent mit Liebe und Blick aufs Detail ausgearbeitet.

Der Opener "Falcon" erinnert mit seinen schroff-abgestoppten Gitarrentönen zunächst verdächtig an The Notwists "One step inside doesn't mean you understand", gestattet sich dann jedoch alsbald geradezu davonfliegende Refrains mit delirierender Kopfstimme. "Opia" beginnt mit stechenden Sequenzerattacken und stumpf-programmierten Drums – und setzt erst nach einer guten Minute treibendes Schlagzeug mit akzentreicher Hi-Hat und knurrende Bassläufe ein. Um sich dann wiederum nach Art eines Chamäeleons zu einer bezaubernden, dunklen und ätherischen Nummer mit harten Achtziger-Soundscapes zu verwandeln. Ganz klar Musik, um nachts bei leichtem Nieselregen über leere Autobahnen zu donnern, während die Scheibenwischer über die Windschutzscheibe schrappen. "Reciprocate" wiederum zitiert gekonnt den stilsicheren Dreampop von Moi Caprice oder Destroyer, bietet dabei als Grundierung raffiniert gewobene Rhythmusteppiche mit Handclaps und synthetischem Fingerschnipsen.

Eine erste Verschnaufpause zeigt sich dann bei "Prism" im Gewand einer klassischen Klavierballade mit gebrochenen Dreiklängen und einem stetig ein- und wieder aussetzenden Schlagzeug. Hier kann man verharren, nachspüren, innehalten. Das ist auch notwendig, denn "Itor" folgt als mit Abstand düsterste Nummer des Albums: rabenschwarze Bässe, stolperndes Zeitlupen-Schlagzeug, wenig später schneiden im Refrain fiese Synthies ins Hirn – und ganz zum Schluss gibt es dramatische Gitarrenwände à la Dredg. Bemerkenswert auch "Bless", wo die Londoner Band mit eifrigem Einsatz von Autotune und Vocoder immer wieder Erinnerungen an Daft Punk evoziert; man denkt unweigerlich an die merkwürdig-synthetische Ballade "Within".

Wenn hier jetzt diverse Referenzen per Namedropping erscheinen, dann sollte man nicht vorschnell urteilen und denken, Electric Litany seien epigonal unterwegs, bedienten sich also schamlos an dem Schaffen anderer Bands. Das Gegenteil ist der Fall: Was das Londoner Quartett vielmehr auszeichnet, sind die enorme Stilsicherheit und Eigenständigkeit, die trotz aller hörbaren Referenzen stets das Surrogat aus den besten Momenten jener Bands bieten. Sagen wir es mal anders: Wer in den Achtziger-Jahren mit schillernden Synthie-Sounds sozialisiert wurde, mit eiskaltem Bass und zackigen Drums, wer aber zugleich ein einfühlsames und abwechslungsreiches Songwriting schätzt – der oder die wird "Desires" lieben, denn es transportiert diese Klänge in die Jetztzeit: aktuell, zwingend, spannend – und immer wieder überraschend.

(Jochen Reinecke)

Bei Amazon bestellen / Preis prüfen für CD, Vinyl und Download
Bei JPC bestellen / Preis prüfen für CD und Vinyl

Highlights & Tracklist

Highlights

  • Opia
  • Reciprocate
  • Itor
  • Bless

Tracklist

  1. Falcon
  2. Opia
  3. Reciprocate
  4. Diamonds
  5. Prism
  6. Itor
  7. For another
  8. Crumpets
  9. Junkie
  10. Bless
Gesamtspielzeit: 43:03 min

Im Forum kommentieren

manfredson

2025-11-24 18:11:09

Puh, ist das schön. Fantastisches Album, passt perfekt in die Jahreszeit.

Armin

2025-11-20 21:36:47- Newsbeitrag

Frisch rezensiert.

Meinungen?

MickHead

2025-11-20 20:53:08

Album wurde am 17.10. veröffentlicht.

Mittlerweile komplett bei Bandcamp:

https://innerear-electriclitany.bandcamp.com/album/desires

MickHead

2025-06-28 21:29:12

Die griechische Alternative Rock Band "Electric Litany" based in London, kündigt für den Herbst das 4. Studioalbum "Desires" an. Es folgt auf "Under A Common Sky" von 2019.
Genre: Post-Rock, Synthpop, Neoclassical, Electronic, Experimental

Erster Song "Diamonds"

https://youtu.be/5-ruNutThS4?si=QtAbq9h8hJe8XPGB

"Sonder" EP (2022) bei Bandcamp:

https://innerear-electriclitany.bandcamp.com/album/sonder

"Under A Common Sky" (2019) Playlist bei YouTube:

https://youtube.com/playlist?list=OLAK5uy_nuMtVAfpwqW5Yzaqh_aprhijh_aycrAk8&si=aelJCnA1s09cSQo8

http://www.musikreviews.de/reviews/2020/Electric-Litany/Under-A-Common-Sky/

Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.

Spotify

Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv

Threads im Forum