Rosalía - Lux

Columbia / Sony
VÖ: 07.11.2025
Unsere Bewertung: 9/10
9/10
Eure Ø-Bewertung: 7/10
7/10

Alles im Nichts

Wie nähert man sich einem Album, das bereits wenige Tage nach Release mit Superlativen überhäuft wird? Wie schafft man es, das Getöse auszublenden? Darauf gibt es nur eine einzige valide Antwort: Man macht die Tür zu, das Licht aus und hört. Staunt, weint und schreibt. "Lux", das vierte Album der Spanierin Rosalía, will alles und das gleichzeitig und verdammt nochmal jetzt. Es ist überambitioniert, überdreht und oftmals einfach nur zum Niederknien schön. Es zum jetzigen Zeitpunkt zu rezensieren, ergibt eigentlich keinen Sinn. Ein derart vielschichtiges Werk braucht Zeit. Wochen, Monate, vielleicht sogar Jahre. "Lux" ist ein Album über Gott, den Glauben, aber auch über die Suche nach der Liebe und dem Sinn, denn eine Nummer kleiner war nicht drin. Und weil große Nummern nur etwas für den dicken Geldbeutel sind, hat Rosalía das Produktionsbudget nicht nur ausgereizt, sondern überzogen. Beim Hören wird schnell klar, warum: Orchester, Chöre, präzise eingesetzte Elektronik, kristallklarer Sound – hier wurden weder Kosten noch Mühen gescheut.

Dieser Maximalismus dürfte auf manche abschreckend wirken. Andere werden sich grummelnd mit ihrer liebsten Wagner-Partitur ins Festspielhaus verziehen, um von dort über die postmoderne Beliebigkeit zu schimpfen, während draußen der geleaste Maybach von Tauben bekackt wird. Wieder andere werden aufgrund fehlender Tanzbarkeit zu "Motomami" greifen und "Lux" als irregeleitetes Experiment einer Größenwahnsinnigen abtun. All diesen Positionen muss ein Existenzrecht eingeräumt werden. Letzten Endes geht es beim Schreiben über Musik aber nicht nur um die intellektuelle Einordnung, sondern auch um Gefühle. Ein Text über ein Album kann und muss subjektiv sein. Dies gilt besonders für ein Werk wie "Lux", das von keiner anderen Künstlerin hätte kommen können. Es markiert den vorläufigen Höhepunkt der Entwicklung einer Frau, die mehr kann und will als der Rest.

Das Album erscheint in zwei Versionen: Auf dem physischen Release befinden sich drei zusätzliche Tracks. Es ist davon auszugehen, dass diese mittelfristig ihren Weg auf Streaming-Plattformen finden werden. Die digitale Version fühlt sich jedoch nicht so an, als fehle etwas, wenngleich "Jeanne" und "Focu 'ranni" großartige Songs sind, die dem Gesamtprodukt zusätzliche Tiefe verleihen. "Novia robot" hätte sich als bewusst gesetzter Bruch gut gemacht. "Lux" teilt sich ferner in vier "Movements" auf, was aufgrund der an Musiktheater und Oper erinnernden Dramaturgie Sinn ergibt. Das zugrundeliegende Konzept über Femininität im Sakralen ist eher allegorisch zu verstehen, im Kern ist "Lux" ein extrem persönliches Album, in dem Rosalía versucht, dem Leben im Lieben Bedeutung abzuringen.

Und wie sie ringt. Zwischen Arie und Arena, zwischen Höllenfeuer und Brandschutzkeller. Obwohl die klassische Instrumentierung das verbindende musikalische Element ist, kippen viele Songs unangekündigt ins Fiebrige, zerhackte Beats inklusive. Die vorab veröffentlichte Single "Berghain" ist gleichermaßen repräsentativ wie irreführend. Das Orchester dreht frei, der Chor singt auf Deutsch, Rosalía prügelt ihre Stimme in den Sopran, ehe Björk einige Verse aus ihrem Biotop nach Spanien funkt. Und weil das alles noch nicht genug ist, zitiert Yves Tumor am Ende Mike Tyson. "I'll fuck you 'til you love me", skandiert er, während die Musik in ihre Einzelteile zerfällt. "Ja gut, äh", würde eine andere Lichtgestalt dazu sagen. Es geht um eine Ahnung, um den Abgrund des Zwischenmenschlichen, um das letzte Luftholen vor dem Ertrinken. Vielleicht geht es auch um absolut gar nichts.

Rosalía hat aufgehört, über musikalische Grenzen nachzudenken. Wie ihre schwedische Gesinnungsgenossin mit den roten Zöpfen macht sie das, was ihr gefällt. Den Schlüssel liefert Patti Smith per Sample: "You know, it's like / Break on through the other side / It's just like going through one door / One door isn't enough / A million doors aren't enough." Dies ist Rosalías Credo. Und so stößt sie Türen auf, marschiert hindurch und hinterlässt eine Schneise der Ergriffenheit. Ein Paradebeispiel für diesen ganzheitlichen Ansatz ist "Reliquia", das gleichermaßen Streicheleinheit und Abrissbirne ist. Deutlich fröhlicher geht es in "La perla" zu, einer Art Disney-Pastiche im Dreivierteltakt. Das Arrangement glitzert und funkelt, der Bombast ist hier nicht nur Stilmittel, sondern Notwendigkeit. Dass das alles auch ein bisschen absurd ist, weiß Rosalía natürlich selbst am besten, weshalb sie sich nach einem Slapstick-Beckenschlag das Lachen nicht verkneifen kann. Doch auch in ernsteren Momenten weiß die Musik zu gefallen, diesbezüglich sind vor allem das tieftraurige "La yugular" und das ebenso erhabene wie erhebende "Magnolias" hervorzuheben.

Und wie sie singt. Um Gottes Willen, wie sie singt. Wenn sie im Finale des in nicht ganz korrektem Italienisch vorgetragenen "Mio Cristo piange diamanti" plötzlich jede Contenance vergisst, wenn sie in "Mundo nuevo" die Melodien wie Seide spinnt, wenn sie gemeinsam mit Carminho in "Memória" den Fado anstimmt – Rosalías Gesangsperformance auf "Lux" ist schlicht atemberaubend. Der Schmerz traditioneller iberischer Folklore schimmert immer wieder durch, lässt sich jedoch auch nach gründlicher Orchesterbehandlung nicht abstreifen. Aus diesem Grund ergreift die Protagonistin die Flucht nach vorn: In "De madrugá" und "La rumba del perdón" verbindet sie Flamenco-Handclaps mit Lloyd-Webber-Streichern und subsonischen Dancebeats, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit. Was hingegen in "Porcelana" passiert, lässt sich kaum in Worte fassen. Rosalía gibt sich unbescheiden, indem sie die eigene Unfehlbarkeit hervorhebt. Und weil sie unfehlbar ist, singt sie plötzlich auf Japanisch. Dazwischen gurgelt Dougie F "So what, you're scared? Know that fear" und verliert sich in einem Strudel aus Autotune. Folgerichtig öffnet sich ein Loch im Boden, um alle Beteiligten zu verschlucken. Und Rosalía zieht Bilanz: "Ego sum nihil / Ego sum lux mundi". Denn eine Nummer kleiner war nicht drin.

(Christopher Sennfelder)

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Highlights & Tracklist

Highlights

  • Reliquia
  • Porcelana (feat. Dougie F)
  • Mio Cristo piange diamanti
  • Berghain (feat. Björk & Yves Tumor)
  • La perla (feat. Yahritza Y Su Esencia)
  • Memória (feat. Carminho)

Tracklist

  1. Sexo, violencia y llantas
  2. Reliquia
  3. Divinize
  4. Porcelana (feat. Dougie F)
  5. Mio Cristo piange diamanti
  6. Berghain (feat. Björk & Yves Tumor)
  7. La perla (feat. Yahritza Y Su Esencia)
  8. Mundo nuevo
  9. De madrugá
  10. Dios es un stalker
  11. La yugular
  12. Focu 'ranni
  13. Sauvignon blanc
  14. Jeanne
  15. Novia robot
  16. La rumba del perdón (feat. Estrella Morente & Silvia Pérez Cruz)
  17. Memória (feat. Carminho)
  18. Magnolias
Gesamtspielzeit: 60:03 min

Im Forum kommentieren

MickHead

2025-12-08 09:56:40

Apropos Bestenliste bei Metacritic: Mit einem Metascore von 97/100 Punkten thront Rosalía mit „Lux“ über allen anderen in diesem Jahr veröffentlichten Alben. In den letzten 10 Jahren übertraf übrigens nur Fiona Apples „Fetch The Bolt Cutters“ (2020; 98/100) diesen Wert.
Rosalia Vila Tobella ist übrigens Wiederholungstäterin: Bereits 2022 stand am Ende des Jahres die heute 33-jährige Spanierin mit „Motomami“ und einem Metascore von 94/100 an der Spitze der Jahrescharts.

Jens Böhnemann

2025-12-04 17:33:08

Ich hoffe, diesmal ist nicht alles sofort weg, der Hype hält sich hier ja in Grenzen.

zolk

2025-12-04 17:17:42

Also auf Ticketmaster ist zwar ein Link zur Telekom, aber da steht nichts von Rosalia. Eigentlich auch egal, weil ich eh keinen Vertrag mit der Telekom habe. Sind vermutlich eh nur kleine Kontingente, die darüber vergeben werden, oder? Ist ja blöd, dass alle Vorverkäufe für alle Locations zur selben Uhrzeit starten. Wenn man für seinen Wunschort nichts bekommt, ist die Chance ja recht groß, dass Plan B auch nicht mehr klappt, usw.

Enrico Palazzo

2025-12-04 14:23:28

Weißt du doch gar nicht, obs Peak war. Kannst du erst sagen, wenn du weißt, dass es diesmal nicht sogar noch besser ist. :)

joseon

2025-12-04 14:21:17

Hm. Kein Bock auf Uber Arena und Golden Circle Quatsch. Bei der Motomami Tour gabs normale Steher und die Tour war eh Peak.

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