Celeste - Woman of faces
Polydor / UniversalVÖ: 14.11.2025
The fine art of falling apart
Es ist schon eine skurrile Angelegenheit mit der Musik. Man kann als Interpret*in gefühlt alles richtig machen und trotzdem fühlt es sich nicht richtig an. Die persönlichen Vorlieben, das (Un-)Wissen über verwendete Referenzen, die Tagesform – kurzum: Zufälle auf Seiten der Hörenden beeinflussen den von ihnen gewonnenen Eindruck massiv. "Woman of faces" ist allerdings eines dieser Alben, bei denen trotz dieser allgemeinen Unschärfe etwas Besonderes festzustellen ist. Während sich ein Album in der Regel mit jeder Rotation mehr zusammensetzt, mehr Querverbindungen untereinander hervortreten und die allgemeine Vision zutage gefördert wird, die man dann eben mögen kann oder nicht, zerbröselt hier der Ersteindruck bei jedem Mal ein bisschen mehr. Alleine dieses vage Gefühl, dass hier irgendwas nicht stimmt, obwohl man zunächst nicht mit dem Finger drauf zeigen kann – das klärt sich, mit etwas Kontext, aber doch noch auf. Tragen wir hierfür erstmal ein bisschen Vergangenheit zusammen.
Im Grunde schien es schon seit fünf Jahren ausgemachte Sache zu sein, dass die Musik von Celeste sich eigentlich in den Sphären der ganz großen Kaliber bewegen sollte. Nicht bloß auf dem Level von Adele, ohne natürlich selbige damit abwerten zu wollen. Die Vergleiche der britischen Musikpresse sahen Celeste Epiphany Waite direkt zu noch Höherem, zu Genredefinierendem berufen – in einer Reihe mit Nina Simone. Mit Billie Holiday. Mit Aretha Franklin. Wahrscheinlich, weil Celestes Gesangsstil so stark von eben diesen Vorbildern geprägt ist, dass man manchmal an eine Verwechslung glauben mag. Oder gar Reinkarnation. Das Debüt "Not your muse" erteilte schon mit seinem Titel eine große Absage an diesen Hype. Doch trotz vergleichsweise guter Verkaufszahlen lag ein allgemeiner Tenor enttäuschter Erwartung darauf: zu drucklos, zu unausgewogen, alles in allem irgendwie beliebig. Und damit haben wir die notwendige Vokabel gefunden: Beliebigkeit. Während auf "Woman of faces" sowohl der Gesang als auch die Instrumentierung mit oft etwas zu milden Streicherpassagen handwerklich durchgehend gut sind, haben die beiden eigentlich in fast keinem der Stücke eine Harmonie zueinander, geschweige denn eine gemeinsame Aussage, zu der sie beitragen. Manchmal wirkt es sogar, wie in "People always change", als müssten die beiden Parteien eine Art Kampf um Aufmerksamkeit untereinander austragen. Bezeichnend, dass parallel zum Schreiben dieser Zeilen mehr Details zu den unschönen Produktionsbedingungen von Celeste selbst bestätigt werden.
Auf die Spitze getrieben wird diese Dissonanz jedoch in "Could be a machine". Bei aller Liebe für ein Experiment – wenn jemand Geld mit Musik verdienen will, dann darf man als Zuhörer*in erwarten, dass so etwas niemals den Weg in ein öffentliches Release findet. Erstmal klingt diese einzige Uptempo-Nummer des Albums wie mit einem Richtmikrofon zum Stockwerk unter einem aufgenommen, und dann sollen im Verlauf irgendwelche Verzerrer scheinbar irgendwas besonders Emotionales ausdrücken, was aber effektiv einfach nur Krach ist. Katastrophaler Produktionsjob. Nur mit "Keep smiling" und "This is how I am" kann wenigstens ein Teil des Albums die gesteckten Erwartungen zumindest annähernd erfüllen. Obwohl auch diese nicht ihr volles Potenzial abrufen, kann man sich vorstellen, wie diese Songs mit einem ordentlichen Mixing als Grundlage für den Titelsong eines James-Bond-Films dienen könnten. Anhand der Menge der Einschränkungen in alleine diesem Satz merkt man aber den sichtbaren Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ein bisschen so, als würde man mit einem Lamborghini nur durch die Dreißigerzonen des Wohngebiets zum Einkaufen fahren – von innen sieht alles okay aus, von außen ist es bestenfalls albern und vielleicht sogar etwas traurig.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Keep smiling
- This is who I am
Tracklist
- On with the show
- Keep smiling
- Woman of faces
- Happening again
- Time will tell
- People always change
- Sometimes
- Could be a machine
- This is who I am
Im Forum kommentieren
Klaus
2025-11-20 20:50:45
" Gab es da nicht die Story von zwei jungen Frauen in einer Großstadt, die zu dieser Celeste hier wollten, dann aber bei dem Gemeter der anderen Celeste gelandet sind... und sich das dann angeschaut haben. "
Das ist zigfach passiert, Sammy hatte da auch diverse Begegnungen. :)
Ich hab celeste (aus Frankreich) 2 mal gesehen, da war die Frau hier aber teilweise noch nicht aktiv/ es war ein Metalfestival
ToRNOuTLaW
2025-11-20 20:47:44
Die Story hat Dumbsick im 2. Post auch erwähnt. Ob das so passiert ist...gut möglich. Wenn, dann hoffe ich, dass es ihren Horizont erweitert hat.
The MACHINA of God
2025-11-20 18:23:04
Gab es da nicht die Story von zwei jungen Frauen in einer Großstadt, die zu dieser Celeste hier wollten, dann aber bei dem Gemeter der anderen Celeste gelandet sind... und sich das dann angeschaut haben.
ToRNOuTLaW
2025-11-17 16:34:21
Dachte auch erst, komisches Albumcover für die französischen post-blackies ^^
Klaus
2025-11-14 21:47:18
17.06.2026 – Berlin, Tempodrom
18.06.2026 – Köln, Live Music Hall
Hinterlasse uns eine Nachricht, warum Du diesen Post melden möchtest.
Referenzen
Spotify
Weitere Rezensionen im Plattentests.de-Archiv
Threads im Forum
- Celeste - Woman Of Faces (11 Beiträge / Letzter am 20.11.2025 - 20:50 Uhr)
- Celeste (42 Beiträge / Letzter am 05.11.2024 - 17:54 Uhr)
- Celeste - Assassine(s) (13 Beiträge / Letzter am 08.04.2024 - 14:54 Uhr)
- Celeste - Not your muse (6 Beiträge / Letzter am 03.02.2021 - 23:05 Uhr)
- The Soundcarriers - Celeste (3 Beiträge / Letzter am 04.03.2012 - 11:41 Uhr)
