Kool Savas - Lan Juks
Essah / SonyVÖ: 02.10.2025
Zwischen Kinderchor und Killerflow
Kool Savas kündigte diese Platte bereits 2020 an und schob sie dann erst einmal zur Seite. Dazwischen kamen zunächst das Album "Aghori", zwei EPs und einige radiotaugliche Pop-Rap-Hits wie "Dicka was", dem vielleicht vorzeigbarsten Track aus dieser Spätherbst-Ära in Savas Yurderis' jetzt schon legendärer Karriere. Jetzt ist "Lan Juks" als sein siebtes (Solo-)Studioalbum erschienen und klingt fast schon wie eine Art Kommentar zur eigenen Legacy. Das Konzept wirkt erst einmal sehr vielversprechend, wenn ein Künstler seine fast drei Jahrzehnte lange Laufbahn auf Albumformat pressen und damit vor allem langjährige Fans glücklich machen will. Und ja, es macht viel aus, wenn der Titel den alten Graffitinamen ("Juks") vom deutsch-türkischen King of Rap aufgreift und uns das Cover rohes Archivmaterial von vor zig Jahren zeigt. Teilweise funktioniert das auch, und der gebürtige Aachener klingt hier mitunter über 20 Jahre jünger, manchmal sogar hungrig, als wäre er noch lange nicht einer der wichtigsten Namen im deutschen Rap. Man hätte diese vielversprechende Vorgehensweise nur noch auf eine vernünftige Länge bringen und die leider oft deplatzierten Hooks weglassen müssen – dann wäre das eine großartige Back-to-the-roots-Platte geworden. Leider ist das nicht passiert. Die wirklich überragenden Stellen, von denen es genug gibt, enden immer wieder viel zu abrupt – schade, denn hier war deutlich mehr möglich.
Das unterstreicht bereits die Single "Nur die Nacht", bei der Savas durchdacht über seine Beziehung zu Hip-Hop rappt – die erste Strophe retrospektiv, die zweite mit Bezug zur Gegenwart. Hier wird auch deutlich, dass er sich musikalisch wie stilistisch immer mehr von der Kultur entfernt, ihr aber dennoch treu bleiben möchte. Ein starkes und ehrliches Narrativ, das aber in der Hook zerrissen wird, wenn – warum auch immer – ein 2012 erschienener gleichnamiger Song der Pop-Rock-Gruppe Bakkushan als Lead-Sample herhält. Vielleicht soll das die Zerrissenheit zwischen Loyalität und Selbstentfremdung umschreiben, aber diese Unklarheit darüber, was der Refrain im Song eigentlich für eine Funktion haben soll, kommt auf "Lan Juks" etwas zu oft vor. "Justitia" beispielsweise hat einen schön ziehenden Beat, den der 50-Jährige gekonnt wie eh und je mit Vocals füllt – aber muss es wirklich ein Kinderchor in der Hook sein? Das war 2005 mit Azad bei "All 4 one" noch bahnbrechend – also härterer Rap und der hohe Gesang von Kinderstimmen –, inzwischen zieht es einen eigentlich angenehm angriffslustigen Song wie diesen fast schon ins Lächerliche.
"Trautes Heim" legt noch eine Schippe drauf: Hier sind die Lines aggressiver, die Atmosphäre klarer in Richtung Battle-Rap angelehnt, und trotzdem gibt es wieder einen Kinderchor als Refrain, der diesmal sogar noch mehr Raum einnimmt. Noch so ein Song, der im Konjunktiv böse rasiert hätte, so aber am Gegenwartsbezug scheitert. Bei "My life" und "Monster" gibt es die Standardformel dieser massentauglicheren Essah-Songs, also mit Alies bzw. Enny-Mae – einer noch nicht so bekannten, aber talentierten Pop-Sängerin – für die Hook, dazwischen mehr Conscious Rap als Punchlines und relativ weiche Instrumentals. All das, wovon sich Savas-Fans in den letzten Jahren zurecht etwas überstrapaziert fühlten. Allerdings – und auch das gehört zu dieser Platte: Alle Tracks, die dem angekündigten Konzept konsequent folgen, klingen bockstark. Das Gleiche gilt, sobald mal etwas Originelleres probiert wird. "Berlin" zum Beispiel ist zwar ebenfalls eine verdammt poppige Nummer, erscheint aber durch das berühmte Kaiserbase-Sample und die biografischen Bezüge viel würdevoller als andere massentaugliche Savas-Tracks. Und genau in dem Moment, in dem auffällt, dass das irgendwie nach seinem alten Bunker-Kollegen Sido klingt, wirft eben jener auf Berlinerisch "Bolle hat sich janz köstlich amüsiert" ein – womit der Vibe endgültig eine Punktlandung hinlegt.
Übertroffen nur noch von "Ich glaub ich", dem eindeutigen Höhepunkt der Platte. Klingt, als wäre "KKS" – Savas' dreckigste, aber für viele Fans auch beste Ära – für weniger als drei Minuten wieder auferstanden, und je länger der Song läuft, desto mehr nähert er sich stilistisch der Gegenwart an. Ebenso halten sich "Schaufensterpuppen", unter anderem mit Samples von Nas und Big L, sowie "Über sie hinaus" erfreulicherweise an das Grundkonzept und bieten feinsten Boom Bap mit Spit-Lines und einem in Deutschland immer noch unübertroffenen Flow. Was auch immer "Lan Juks" werden sollte – es hätte den treusten Anhängern wohl besser gefallen, wenn der rote Faden einfach konsequent eingehalten wäre. Dafür war alles bereit: Intro und Closer klingen hervorragend, der Interpret hat sein Handwerk nie verlernt, und an den Instrumentals scheitert es sicher auch nicht. Als die Legende, die ein Kool Savas nun mal ist, hätte es hier einfach eine längere Platte mit weniger Hooks gebraucht – dann hätten wir ziemlich sicher einen Kandidaten fürs Deutschrap-Album des Jahres gehabt. So bleibt es nur ein vielversprechender Versuch, die Zeit zurückzudrehen.
Highlights & Tracklist
Highlights
- Über sie hinaus
- Berlin
- Ich glaub ich
- Schaufensterpuppen
Tracklist
- Step ans Mic
- Nur die Nacht
- Trautes Heim
- Über sie hinaus
- My life (feat. Alies)
- Monster (feat. Enny-Mae)
- Justitia
- Berlin (feat. Kaiserbase & Sido)
- Ich glaub ich
- Schaufensterpuppen
- Gut gesungen ist nicht gut gerappt
- Smoove (feat. Abstract Rude)
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Armin
2025-11-13 20:52:15- Newsbeitrag
Frisch rezensiert.
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